Philipp Hager, Das Gold liegt auf der Straße

h.schoenauer - 12.10.2026

Philipp Hager, Das Gold liegt auf der StraßeFür Schriftsteller bedeutet Gold oft soviel wie Stoff. Unter diesem Aspekt gesehen ist Jack London etwa seinerzeit nach Alaska gefahren, um das Gold in literarischen Stoff und anschließend in goldene Tantiemen zu verwandeln. Das Thema Gold hatte ihn reich gemacht.

Ganz anders dürfte es sich bei Philipp Hager verhalten. Sein Gold liegt auf der Straße, was ihn in die Nähe von Streetworker, Vagabund oder Asphalt-Flaneur bringt. Seine Straße beginnt zu glänzen, wenn ein Dichter darüberstreicht mit Gesten oder Schritten.

Aus den letzten drei Jahrzehnten seines Schaffens hat Philipp Hager ein kleines Album an Kostbarkeiten des Alltags zusammen destilliert. In den drei Jahresgruppierungen 2008/2014 // 2014/2018 // 2018/2025 ist die abgearbeitete Zeit zusammengerückt wie die Grunddaten für ein mehrbändiges Registrierheft. Die chronologische Dramaturgie der Aufzeichnungen und deren lakonischer Stil lassen an ein Protokoll denken, das ständig aus dem Leim geht und wundersame Gedichte hervorbringt. Die gut dreißig Texte sind beinahe prosaische Erzählungen, die freilich mit einem leichten Kippeffekt zu epischen Standbildern der Zeit gedreht werden können.

In den drei Abschnitten ändert sich der lyrische Standpunkt des Ich-Erzählers, während die Welt ebenfalls auf Veränderungen aus ist. So entfernen sich Subjekt und Welt probehalber im Alltag von einander, um im Gedicht dann wieder zusammenzufinden mit einer Geschichte, deren Halbwertszeit durch die Aufzeichnung verlängert wird.

Die Epochen sind in der Art von Inschriften auf Triumphbögen mit markanten Sprüchen und Einsichten unterlegt.

„2008/2014 – Mitte zwanzig bis Anfang dreißig. / Wien. Der Zauber der Straße. // Nach finsteren Jahren wieder Licht. / Alles sehen wollen, alles berühren. // Jeder Tag ein neuer Anfang. / Ebenso wie jedes Gedicht.“ (7)

Die zehn ausgewählten Gedichte zu diesem Abschnitt greifen das Motiv des Staubs auf, „Frag den Staub“ (9) berichten von der Patina, die sich ans Schuhwerk legt beim Gehen, von der Verlorenheit des Staubkorns, wenn es den kollektiven Verband verlässt, und von der Winzigkeit des lyrischen Ichs, wenn es das große Nichts umarmt. „Nichts zu tun und keine Ahnung, wohin es geht.“

In „Blaupause“ (11) erscheint die Kindheit als Abziehbild für etwas, das ohne Grund irgendwohin geklebt worden ist. In der Erinnerung erscheint vieles als defekt und lässt das Ich vermuten, dass es insgesamt als Wrack konzipiert worden sei.

„Anstelle eines Gedichts“ berichtet vom Glück, echte Menschen zu treffen, nachdem man sich in die Gedichte zuerst verkrochen und dann darin verloren hat. (23)

„2014/2018 – Frühe dreißiger. Aufbruch. Neue Wohnorte. // Zurücklassen und ankommen / als Rhythmus des Lebens. // Aus Resten und Brüchen / wächst eine neue Welt.“ (35)

Ein sogenannter Einschnitt ins Leben wird mit der Kunst des Sezierens am Brustbein verglichen, zwischen dem pathologischen und dem philosophischen Schnitt besteht kaum ein Unterschied, außer dass im Falle des Nachsinnens der Geruch von Desinfektionsmitteln fehlt.

Feuerschlucker, Bärenschutzgebiet und die Sehnsucht der Elektronen umschreiben jenes Gebilde, das manche als „Land of the Brave“ ausgerufen haben. Aber dieser Sehnsuchts-Tripp geht zu Ende, als der Kleine auf die Welt kommt und Stunden nach seiner Geburt nach Hause gebracht wird, verschwollen und erschöpft wie einst die Siedler, wenn sie das Land durchkämmten auf der Suche nach einem Nistplatz.

„2018/2015 – Späte dreißiger bis Mitte vierzig. / Berge und Seen. // Nach Streunerjahren / die Füße im Wasser. // Ein Dietrich in der Tasche. Für viele alte Türen.“ (69)

In diesem Abschnitt gehen die Reisen durchaus auch in die Vergangenheit und ins Archiv des eigenen Lebens. Das Koffer-Motiv kleidet die Gedichte aus, die Ewigkeit fährt vorüber, es ist oft September, wenn eine reife Sache abgeschlossen wird. Die Zukunft ist fragil, weshalb es gilt, eine „Artenschutzliste der Worte“ (88) aufzulegen, ehe es in die „letzte Runde“ (93) geht.

„Die Hunde zerstreuen sich, um ihr Geschäft zu erledigen. / Ich stelle mich vor einen Baum / und knöpfe meine Hose auf. / Und während ich hochschaue zu den Sternen / und meine letzte Blase entleere, / denke ich an die Ewigkeit.“

Philipp Hager schafft mit dieser sogenannten „Auswahl“ eine raffinierte Form, das eigene Leben als Teil des Weltgeschehens zu erzählen und für das Archiv der letzten Dinge vorzubereiten.

Philipp Hager, Das Gold liegt auf der Straße. Gedichte 2008-2025. Eine Auswahl
Klagenfurt: Sisyphus Verlag 2026, 93 Seiten, 12,00 €, ISBN 978-3-903622-06-7

 

Weiterführende Links:
Sisyphus Verlag: Philipp Hager, Das Gold liegt auf der Straße
Wikipedia: Philipp Hager

 

Helmuth Schönauer, 26-06-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Philipp Hager
Buchtitel:
Das Gold liegt auf der Straße. Gedichte 2008-2025. Eine Auswahl
Erscheinungsort:
Klagenfurt
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
Sisyphus Verlag
Seitenzahl:
93
Preis in EUR:
12,00
ISBN:
978-3-903622-06-7
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Philipp Hager, geb. 1982 in Scheibbs, lebt in Wien.