Mariusz Lata, Nachspielzeit

h.schoenauer - 02.11.2026

Mariusz Lata, NachspielzeitDie Nachspielzeit zieht meist ein Gefühl der Unzufriedenheit hinter sich her: Ein Match konnte zur regulären Zeit nicht bewältigt werden und musste in eine Nachspielzeit, das Vorspiel einer erotischen Aktion war nicht erfolgreich, sodass es ein Nachspiel hat, und auch historische Aktionen haben selten den gewünschten Erfolg und ziehen böse Folgen als Nachspiel nach sich.

Mariusz Lata kümmert sich freilich um die persönliche Nachspielzeit, die verschiedene Aktionen nach sich ziehen, in der Hauptsache sind es Nachspiele der verkaterten Art, wenn eine bacchantische Orgie ungeahnte Folgen nach sich zieht.

Grob verkürzt könnte man von den elf Geschichten, die im Untertitel als Konglomerat aus purer Prosa, Sentenzen oder Schund ausgewiesen sind, von Trinker-Geschichten sprechen, die sich vor allem um den lähmenden Zustand der kulturellen Verkaterung kümmern.

Um der Härte der Realität zu entgehen, wird im Vorspann empfohlen, ein Kopfkissen unterm Arm mit sich herumzutragen als Erkennungszeichen, dass man ein Träumer ist.

Die einzelnen Sequenzen setzen meist mit einem Resümee ein, das eher zufällig von einem nicht immer logisch gearteten Denkvorgang nach oben gespült worden ist. „Karl Marx söffe sich heutzutage tot“ (11) lautet die Erkenntnis darüber, wie das Problem des Kapitalismus wohl gegenwärtig analysiert werden müsste, wenn Kohorten von soziologisch ausgebildeten Studenten darüber befinden. In eine Elegie aus trüben Sätzen, die sich wie Peitschenhiebe über die eigene Psyche hermachen, sind zynisch klare Sätze eingeflochten, die freilich das Erkenntniskraut nicht fett machen. „Die Täuschung ist die Bedingung des Täuschens.“ (13) Das Wirtschaften ist demnach ein riesiges Täuschungsmanöver mit fatalen Folgen für jenen Teil, der über den Tisch gezogen wird. Da hilft auch die Ausrede nichts, dass alles eine Ware sei, selbst die Erkenntnis über den Waren-Charakter der Welt ist wieder eine Ware. „Eine Ware, das hier ist eine Ware“ (18) zeigt auf, dass selbst das Schreiben und die vermeintliche Lösung der Probleme über die Fiktion nur eine Ausrede ist.

In der Abhandlung vom Zerfall der Tage und Nächte wird das Leben des erzählenden Subjekts in einen „Kalender der toten Tage“ (19) eingetragen. Die einzelnen „Sentenzen“ flattern lose durch die Zeitmessung und führen zu keiner vernünftigen Biographie, dennoch ergibt sich für Außenstehende ein klares Bild: „Du gehst deine Verlotterung, die man dir gleich ansehen wird, austragen.“ (22)

Der ironisch-subversive Duktus des Schriftstellers B. Traven steht Pate für ein sarkastisches Schauspiel entlang einer Sommernacht. „dann war das leben vorbei wie eine sommernacht“. (27) Entlang wundersamer Zitate mit der Kraft von Abenteuersätzen verkabelt der Erzähler sein eigenes Abenteuer Leben, das er Nacht für Nacht abarbeitet mit Beschwörungssätzen: „Dann zogen die Männer dem Körper das Hemd aus.“

Anders als beim üblichen Filmriss, der sich bei Überanstrengung des Gehirns auftut, widerfährt dem Sammler von Prosa und Schund ein Filmriss quer durch die Literaturgeschichte. Musil scheitert zumindest in der Erinnerung und nennt sein Werk plötzlich „Der Mann ohne Vergangenheit“, Alexander Kluge will osteopathisch die Erzählung retten, scheitert aber ebenso, weshalb die Sequenz in einer neuen Erzählung endet, die sogleich feststellt: „Niemand löste sich auf und kam jemandem abhanden.“ (35)

In einem letzten Schritt beim Zerschnipseln von Gedankenfragmenten geht jemand in den eigenen Übersetzungen verloren und warnt mit letztem Hilfeschrei auf Polnisch: Uwaga, uwaga! (39) Dazwischen sind Jahreszeiten und Tageszeiten in kleinen Dosen eingeträufelt, die auf einen lapidaren Höhepunkt hinauslaufen: „Ich bringe Luft zum tönen, wenn ich spreche.“ (50)

Führt die erste Hälfte des anarchisch dahin wuchernden Spiels vage in das Innenleben einer spontan reflektierenden Existenz, geht es in der zweiten Hälfte um ästhetische Randbemerkungen zu einer künstlich entgleisten Literaturform.

„Lumpen. Lappen. Fetzen“ (51) sind Genres, die mit der edlen Zuschreibung des dazu passenden Proletariats zu einem unverwechselbaren Sound führen. Die Heroen dieses literarischen Unterfangens sind Lesende, die ihre Tätigkeit zu einem poetischen Lebensgefühl aufweiten. „Eine Leserin liest auch dann, wenn sie nicht liest!“ (59

Das längste Kapitel kümmert sich um ausufernde Familiengeschichten, die erfahrungsgemäß zu keinem Ende kommen. Unter dem Schlagwort „Schund“ (63) lässt sich noch am ehesten jener Haufen monotoner Sätze ablegen, der einen prekären Familienstammbaum zu beschreiben versucht. Die Großeltern haben gesoffen, weshalb die Enkel Schundhefte lesen mussten.

An manchen Stellen wird die Welt klar und logisch: „Wenns klingelt stimmts // wenns stimmt llingelts“. (107) Aus dem Literaturstaub, der sich über die Texte gelegt hat, lässt sich am Ende ein Register herausfiltern, das auf unspektakuläre Vornamen verweist, wie sie in jeder Stadt Tag für Tag von unscheinbaren Personen herumgetragen werden auf der Suche nach dem finalen Nachspiel.

Der Autor pfeift diese Nachspielzeit ab mit einem hilflos wirkenden Ratschlag: „Lesen Sie Literaturzeitschriften, verdammt noch mal.“ (127)

Neben einem spektakulären Wühl-Stil durch niedergetrampeltes Gelände wirkt diese Prosa für Außenstehende auch als eine bemerkenswerte Beschreibung der Stadt Gelsenkirchen, in der offensichtlich Kohlenstaub zu Literaturstaub geworden ist.

Mariusz Lata, Nachspielzeit. Prosa.sentenzen.schund
Klagenfurt: Ritter Verlag 2024, 128 Seiten, 19,00 €, ISBN 978-3-85415-677-2

 

Weiterführende Links:
Ritter Verlag: Mariusz Lata, Nachspielzeit
Autorenwelt: Mariusz Lata

 

Helmuth Schönauer, 13-08-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Mariusz Lata
Buchtitel:
Nachspielzeit. Prosa.sentenzen.schund
Erscheinungsort:
Klagenfurt
Erscheinungsjahr:
2024
Verlag:
Ritter Verlag
Seitenzahl:
128
Preis in EUR:
19,00
ISBN:
978-3-85415-677-2
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Mariusz Lata, geb. 1982 in Szczytno, Polen, lebt im Ruhrgebiet.