Uli Brée, Schwindelfrei
Das Genre Vorabendserie prägt die Fläche einer Gesellschaft mit seinem absoluten Zeitgeistanspruch mehr als jegliche Art von Literatur. Wer in diesem Genre unterwegs ist, dem wird anschließend in der Literatur scharf auf die Finger geschaut.
Uli Brée ist mit seiner TV-Serie der „Vorstadtweiber“ in aller Munde. Und seit jeder erotische Touch außerhalb des Screens zu einer Gerichtsverhandlung führen kann, schaut man sich jeden Po-Griff zweimal an, ob er politisch korrekt ist oder nicht. Die Vorstadtweiber geben dabei ein loses Regelwerk absurder Begegnungen zwischen Männern und Frauen ab, die gerade noch nicht gerichtlich geahndet werden.
Bei einem echten Amerikaner denken wir meist an einen herumballernden Viehbetreuer, der das Land auf Generationen hinaus vernichtet und sein Glück über T-Bone-Steak definiert. Dass es natürlich immer auch andere Zeitgenossen gegeben hat, die den Schutz der Natur und das Glück mit der Natur im Auge gehabt haben, wird deutlich, wenn man die wichtigsten Essays des Landes liest. Es gibt ja die schöne die Theorie, dass man ein Land nur kennenlernt, wenn man seine Essayisten liest.
Große Gebilde lassen sich nur mit einem Roman großer Ironie darstellen. So handelt der berühmte Musil-Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ beispielsweise von einer Parallelaktion, in der es darum geht, die Jubiläumsfeiern des deutschen Reiches mit einer noch größeren der k. und k. Monarchie zu übertreffen.
Wenn die Gedichte ein Schatz sind, kann das Nachwort höchstens ein Tresor sein, bei dem manche Fächer entsperrt sind.
In Zeiten aufgewühlter Grapsch- und MeToo-Diskussionen wirkt ein literarisch-erotischer Roman umso zeitloser und hintersinniger.
Die Literatur belohnt sich manchmal selbst, indem sie Prophezeiungen, tatsächlich eintreten lässt und eine Post-Dystopie daraus macht.
Das einzig Sinnvolle einer Waffe wie der Smith & Wesson ist ihr eingetragener Markenname. Damit lässt sich jede Menge Kohle machen, wenn man es klug angeht.
Einer Dichterin verzeiht man in unserer ewig jungen Konsumkultur vielleicht noch am ehesten, dass sie alt wird. Die Leserschaft erwartet sich von ihr eine gewisse Gelassenheit gegenüber dem Literaturbetrieb und Geschichten, die von Lebenserfahrung gespeist sind.
Im postmodernen Literaturbetrieb steckt ähnlich einer russischen Puppe immer eine Inszenierung in der anderen. Mal ist es ein Buch, dann ein Festival, dann eine biographische Begebenheit, dann ein Traum, dann eine Love-Story aus der Erinnerung. Alle sind nach einem positiven Strickmuster geformt, damit sie auf den Klappentext passen.
Eine Historiker-Weisheit sagt, dass man für sein eigenes historisches Bewusstsein mindestens 30 Jahre alt sein muss. Davor ist alles ahistorisch und einmalig, erst später kann man sein eigenes Leben in Zusammenhänge fassen und an die Zeitgeschichte andocken.