Beziehung

Florian Neuner, Inseltexte

h.schoenauer - 23.12.2016

Inseltexte sind eine beinahe magische Gattungsbezeichnung für einen Inhalt, der vielleicht zwischen Insel der Seligen und Mullinsel aufgestellt ist.

Florian Neuner nimmt den Begriff „Inseltexte“ einerseits sehr wörtlich, wenn es um eine Flussinsel im Ruhrgebiet oder um Helgoland geht, andererseits sind diese Inseltexte auch etwas Hermetisches, das in einem anderen Medium schwimmt wie ein Fetttropfen auf dem Wasser.

Gino Chiellino, Der Engelfotograf

h.schoenauer - 19.12.2016

Zu den verwerflichsten Dingen gehört die Rekrutierung von Kindern für ein diffuses politisches Ziel. Was man heute diversen Terrorgruppen vorwirft, hat bis vor kurzem noch die Kirche perfekt abgewickelt.

Gino Chiellino beschreibt eine Kinderekrutierung aus der Sicht eines betroffenen Kindes in Kalabrien. Im Sommer 1957 sind die in Bio-Wolle gekleideten Patres aus dem Norden wieder in den armen Gegenden des Südens unterwegs, um Ausschau zu halten nach lebensfrohen Kindern, mit denen sie die Internate füllen werden. Die Armut ist ein Argument, gegen das keine Eltern und Verwandten aufkommen, und so kommt der Knabe Rusco in das Internat.

Kat Kaufmann, Superposition

h.schoenauer - 14.12.2016

Wer eine Superposition einnimmt, hat es sportlich, gesellschaftlich oder sexuell geschafft. Der Begriff zieht durchaus den Neid an und wird zum Selbstschutz der Helden deshalb oft ironisch verwendet. Jemand mit der Arschkarte in der Hand kann also durchaus verkünden, dass er eine Superposition habe.

Heldin dieses zeit-geistigen Romans von Kat Kaufmann ist die 26-jährige Jazz-Pianistin Izy, deren Wurzeln in Russland und in der Ukraine liegen, und die sich im dynamisch-wuseligen Berlin der Gegenwart einzunisten versucht. So sind denn auch Abklärung der Herkunft und das heimisch Werden in der Kunst die Grundvoraussetzungen, um sich in den gekrümmten Koordinaten Berlins zurechtzufinden. Die Hauptforderung heißt dann auch Migrationsvordergrund statt -hintergrund.

Georgi Gospodinov, 8 Minuten und 19 Sekunden

h.schoenauer - 12.12.2016

Ein guter Titel wird unumstößlich wahr, wenn er sich an physikalische Grundgesetze hält. 8 Minuten und 19 Sekunden braucht das Licht, um von der Sonne auf die Erde zu gelangen, wir sind also mit jedem Sonnenstrahl dieser Zeitangabe ausgesetzt.

Georgi Gospodinov kümmert sich in seinen knapp zwanzig Erzählungen um alles, was durch die Zeit zum Verschwinden gebracht wird oder sich so verändert, dass es nicht mehr erkannt wird. Bereits in der Titel-gebenden Eingangsgeschichte verschwindet die Sonne, was aber erst nach den berüchtigten acht Minuten neunzehn bemerkt wird. Der Erzähler erklärt dem Leser, dass die Sonne während des Lesens verschwinden könnte, denn die Geschichte dauert genau so lange, wie das Sonnenlicht bis zu uns braucht. Es ist also gar nicht gewiss, dass etwas, was am Beginn einer Erzählung noch wie selbstverständlich da ist, am Ende des Textes auch noch da ist. Vielmehr dient das Erzählen oft der Auflösung von Selbstverständlichem.

Rüdiger Görner, Nausikaa oder Die gefrorenen Wellen

h.schoenauer - 09.12.2016

Nausikaa ist in der griechischen Mythologie eine einheimische Frau, die am Ufer gierig wartet, dass ein Flüchtling angeschwemmt und ihr Lover wird.

Rüdiger Görner zeigt in seinem Roman „Nausikaa“ ein Liebespaar, das allen Kriegsvorbereitungen zum Trotz ein intellektuell unterlegtes Leben führen will und dann doch nicht mit sich und der Zeit zurechtkommt.

Dietmar Füssel, Der Strohmann

h.schoenauer - 07.12.2016

Alles, was wir von Amerika kennen, kennen wir meist über die Abflugschneisen von Hollywood und dem Weißen Haus. Dabei wird an manchen Tagen kein Unterschied zwischen Politik und Film gemacht, alles unterliegt der Dramaturgie einer ungeheuren Groteske.

Dietmar Füssel wählt in seinem Kriminalroman „Der Strohmann“ einen scheinbar blauäugigen Zugang, indem er seinem Privatdetektiv Winston einen Fall von nationalen Dimensionen überträgt. In Wirklichkeit ist diese groteske Erzählform natürlich eine kluge Anmache, um den perversen Machtverhältnissen auf die Spur zu kommen.

Klaus Rohrmoser, Tod bringen

h.schoenauer - 30.11.2016

Der Tod kommt ja landläufig gesehen von selbst, wenn es plötzlich Vermittler gibt, die den Tod bringen, wird die Sache unheimlich und gefährlich.

Klaus Rohrmoser lässt seine Figuren in einem, wenn überhaupt, schlecht ausgeleuchteten Ambiente agieren. Das Schicksal ist wie bei Tragödien üblich letal, es geht darum, möglichst lange einen Leuchtkörper in der Finsternis in der Hand zu halten. In den drei Erzählungen von „Tod bringen“ ringen die Helden um eine logische Form, um das Unausweichliche irgendwie in dramaturgisch überschaubare Bahnen zu lenken.

Hans Platzgumer, Am Rand

h.schoenauer - 28.11.2016

Die raffiniertesten Romane schlüpfen oft in eine gängige Verpackung und sprengen von innen her alles Konventionelle.

Hans Platzgumer schickt seinen Helden Gerold Ebner auf einen Berggipfel, damit er dort umgeben von jähen Abgründen sein Leben reflektieren kann. Üblicherweise geht man ja ins Gebirge, um das Tal-Leben hinter sich zu lassen, der Ich-Erzähler am Rand aber gibt sich nicht lange den Lichtverhältnissen und Schattierungen im Gebirge hin und beginnt zu schreiben. Er hat sich ein leeres Gipfelbuch mitgenommen, das er mit seinem Leben vollschreiben wird.

Manfred Chobot, Das Killer-Phantom

h.schoenauer - 25.11.2016

Selbst bei noch so großer Aufklärung bleibt immer noch ein Resträtsel, das unter anderem als Phantom dargestellt wird. Obwohl jedes Leben mit dem Tod endet, steckt hinter jedem Abgang eines Menschen ein Killer-Phantom, das mehr oder weniger logisch agiert.

Manfred Chobot setzt den Abgang seiner Figuren weniger in einen metaphysischen sondern eher in einen soziologischen Zusammenhang. Meist sind es die Umstände, die überlebten Partnerschaften oder die Ungustln im Grätzl, die auf einen seltsamen Tod hinausdrängen.

Gerald Hüther / Christoph Quarch, Rettet das Spiel!

andreas.markt-huter - 23.11.2016

„Wer spielt, konsumiert nicht. Wer spielt, benutzt nicht. Wer spielt, begegnet dem anderen als einem Gegenüber auf Augenhöhe. Deshalb ist das Spiel in einer von der instrumentellen Vernunft des Ökonomismus beherrschten Welt eine subversive Kraft. Spiele öffnen Räume unbedingter Sinnhaftigkeit, auch wenn kein Zweck verfolgt und kein Nutzen anvisiert wird.“ (17)

Spielen ist mehr, als nur eine Möglichkeit die Langeweile zu vertreiben. Spielen ist das Wechselspiel aus Versuch und Irrtum, mit dem es bereits unseren Vorfahren gelungen ist, immer neue Entdeckungen und Entwicklungen zu machen. Das Spiel ist dem Menschen genetisch vorgegeben, er muss seine Möglichkeiten erst durch spielerisches Lernen entwickeln.