Patrick Hertweck, Der letzte Rabe des Empire
„Auf einmal war ein spitzer Schrei zu hören. Diesem folgten entsetzte Rufe und das Trillern einer Polizeipfeife. Kurz darauf drang das Echo aufgebrachter Stimmen in die Kammer. Was war da draußen geschehen? Schon war Melvin auf den Beinen, eilig in seine Schuhe geschlüpft und aus dem Fenster geklettert.“ (S. 8)
Der Waisenjunge Melvin lebt als Straßenkind in den Gassen Londons. Wir schreiben das Jahr 1888 und Jack the Ripper treibt in der Stadt sein Unwesen und versetzt die Menschen in Angst und Schrecken. Zu seinem Schrecken muss Melvin feststellen, dass er mit den Opfern ihrer Kupplerin bis vor zwei Jahren im „Ten Bells“ gewohnt hat.
Wenn man die großen Erzählungen von Mutter Erde auf sich einwirken lässt, so sind die Geschichten oft wie das eigene Leben aufgebaut. Viele von uns haben eine unversehrte Kindheit, eine jähe Aufbruchsstimmung und das Desaster von Habgier und Wachstum erlebt, ehe wir jetzt alt und kaputt auf die Erde schauen und seufzen, dass wir deren Untergang gerade nicht mehr erleben werden.
„Ebenezer Tweezer war ein schrecklicher Mensch, sein Leben aber war wundervoll. Er musste niemals hungern, denn seine zahlreichen Kühlschränke quollen stets über vor Leckereien. […] Nicht einmal über seinen Tod musste sich Ebenezer Tweezer Gedanken machen. Als die folgende Geschichte ihren Lauf nahm, war sein 512. Geburtstag nur noch eine Woche entfernt …“ (S. 9 f.)
„Das postkoloniale Denken versucht zu beweisen, dass die Vernichtung des europäischen Judentums ein Genozid wie jeder andere war, nämlich ein Töten aus konkreten praktischen Überlegungen. Daher versuchen die postkolonialen Theoretiker möglichst oft die Worte »Kolonialismus« oder »Imperialismus« zu verwenden, wenn sie das Schicksal der Juden Europas beschreiben …“ (S. 23)
„Hi, ich heiße Valentina … und ich bin Linus. Wie sieht eine Eiche aus? Was ist typisch für eine Buche? In der Schule lernst du viel über Bäume und ihre Blätter. Aber es ist ganz schön schwierig, sich zu merken, ob der Blattrand eines Baumes »gezackt«, »gezähnt« oder »gesägt« ist. Wie kannst du Bäume aber ganz leicht erkennen. Was sind ihre Besonderheiten? und wie kannst du sie dir merken. Unser Freund Roland, ein echter Baumexperte, hat und dabei geholfen.“ (S. 4 f)
Literatur ist ein Material, das je nach Konsistenz gewisser Formen bedarf, um es zu transportieren oder archivieren. Neben den klassischen Erscheinungsformen wie Roman, Gedicht oder Essay gibt es noch etwas, was sich in keiner Form fassen lässt. Augenzwinkernd könnte man vom „Nichteingezwängten“ reden, also einem Text, der für alle Formangebote zu groß oder zu klein ist.
„Naturwissenschaften möchten erklären, wie und warum etwas geschieht, z. B. wenn elektrischer Strom durch einen Draht fließt oder wann Sterne oder Planeten entstehen. Dazu gehen sie logisch Schritt für Schritt vor. Die hier beschriebenen Schritte werden von allen Naturwissenschaften verwendet.“ (S. 10)
Eine einzige gelungene Shortstory ist schon aufregend wie das Gesamtwerk einer Künstlerin, zeigt sie doch auf engstem Raum jeweils eine zentrale Thematik, eine solitäre Erzähltechnik und eine konnotierte Lebenserfahrung. Lydia Davis erfüllt diese Kriterien in beinahe jeder ihrer Geschichten, und manchmal setzt sie dazu neue Maßstäbe, wie in der ersten Geschichte des Bandes „Es ist, wie’s ist“.
„10 Erdmännchen sind ausgebüxt und machen eine Tour durch den Zoo. Wer hat Adleraugen und findet sie. Die pfiffigen und flinken Kerlchen spielen Mikado mit dem Stachelschwein, genießen eine Elefantendusche und tanzen sogar mit den Pinguinen!“
„Die Reise ins anfängliche philosophische Denken ist deshalb so faszinierend, weil sie uns im Prozess der Aneignung auf die eigenen Anfänge zurückführt. Nirgendwo sonst – scheint mir – sind wir so sehr auf die Gründe zurückgeworfen, auf die alles Denken, auch unser eigenes Denken aufbaut, wie in dieser Rückbesinnung auf die Anfänge.“ (S. 9)