Peter Paul Wiplinger, "Schachteltexte III"
Damit die Literatur aus dem Leben heraustreten und sich Luft verschaffen kann, braucht es zwei Beobachtungsschlitze: Durch den einen blickt man auf den anstehenden Tag, durch den anderen auf das verflossene Leben.
Peter Paul Wiplinger führt die beiden Suchbewegungen mit seinen Schachteltexten elegant und eindringlich zusammen. Seit fünfzehn Jahren arbeitet er an diesem einmaligen Dokument, wobei auf ausgeklappte und ausgerissene Verpackungsteile mit der Füllfeder Texte komponiert werden. Ein Auge blickt auf den aktuellen Zustand des schreibenden Ichs und das andere setzt sich den historischen Gezeiten von Kindheit bis zur Reife aus.
„Die Barfuß-Bande gibt es seit Anfang der Sommerferien. Und obwohl sie den perfekten Namen hat und auch schon richtige Bandenabenteuer bestanden hat, ist Corvin sich gerade nicht sicher, ob die Barfuß-Bande wirklich noch eine Bande ist. »Wenn wir schon wieder ein Mitglied verlieren, ist das echt peinlich. So was hab ich noch nie von anderen Banden gehört!«“ (S. 6)
Tourismus ist wie Sex: Wenn du anfängst, darüber nachzudenken, ist er kaputt. Durch das Format Essay werden derlei Gefährdungen minimiert. Im Essay darf nämlich auf gesicherten Fakten subjektiv nachgedacht werden.
„Ist das aufregend! Der junge Wikinger Leif und sein älterer Bruder Aki lauschen ihrem Papa Erik. Papa Erik erzählt die besten Geschichten. Von wunderschönen Elfen, von Drachen und Trollen. Sie sitzen zu Hause am Feuer. Mama Inga hört zu. Dabei webt sie einen Teppich.“
Germanisten kümmern sich um die Autoren, Rezensenten um die Leser. Bei einem Meisterwerk treffen beide friedlich aufeinander und besingen das Kunststück von vorne und hinten.
„Im Jahr 1634 war die Vereinigte Niederländische Ostindien-Kompanie die wohlhabendste Handelsgesellschaft auf dem gesamten Globus, mit Außenposten, die sich über ganz Asien und das afrikanische Kap verteilten. Der profitabelste dieser Außenposten war Batavia.“ (S. 7)
Niederschmetternd sind immer jene Romane, die beinhart den Verlauf von „Schicksal“ erzählen. Für die Leser besteht die Belohnung schließlich in der Ermunterung, dass der Sinn des Lebens im Aushalten besteht. Für dieses kleine Motivationslicht opfern literarische Heldinnen schließlich ihr Leben.
„Luzie Zander lebte mit ihrer Mutter und ihrem Hund Baldur in der Nähe einer Fischerstadt. Sie wäre schrecklich gerne zur See gefahren, aber es war zu gefährlich. Und Schuld daran war … die Legende vom Schwarzen Felsen!“
Vielleicht gibt es in der Lyrik so etwas wie poetische Hygiene, wonach die Beteiligten aufgeräumt in sich selber wohnen und so geschützt sind von Lebewesen allzu einfacher Bauart, wie es Viren und Bakterien darstellen. Nur wer den täglichen Attacken als Zwischenwirt standhält, kann seinen künstlerischen Blick stabil halten wie auf einem Stativ.
„»Wo warst du denn die ganze Zeit?« »Bist du wirklich nach Paris gekommen?« »Und wo hast du dich die ganze Zeit im Zug versteckt?« So werde ich immer wieder gefragt und muss jedes Mal meine Abenteuer erzählen. […] Um nicht alles jedes Mal wieder neu erzählen zu müssen, habe ich mich entschlossen, meine Geschichte aufzuschreiben.“ (S. 5)