Die Lust zu lesen oder: wie lässt sich Lesekompetenz nachhaltig fördern? Teil 1

Große Bildungsstudien wie PISA und PIRLS stellen den kognitiven Prozess der Informationsaufnahme aus Texten in den Mittelpunkt ihres Verständnisses von Lesekompetenz. Reicht es für den Leseunterricht aus, dass Kinder lernen, Texte zu verstehen und ihnen wesentlichen Sachinformationen entnehmen zu können? Ist es nicht ebenso wichtig nicht nur gut, sondern auch gern zu lesen?

Die bekannte Literaturdidaktikerin Bettina Hurrelmann hielt das Verständnis von Lesekompetenz, wie sie die PISA-Studie vertritt, für die Leseförderung in der Schule für zu kurz gegriffen. In ihrem Aufsatz aus dem Jahr 2002 „Leseleistung – Lesekompetenz“ betrachtet sie diesen Lesekompetenzbegriff kritisch und versucht herauszuarbeiten, welche Erkenntnisse sich aus der PISA-Studie für die Lese-Didaktik gewinnen lassen.

Bereits 2002 betrachtet sie das von den Bildungsstudien favorisierte Literacy-Konzept, mit seinem typisch funktionalen Blick auf das Lesen, als zu kurz gegriffen und stellte diesem ein didaktisch und theoretisch breiter gestelltes Konzept vom „Lesen als kulturelle Praxis“ gegenüber, das „Lesekompetenz im Sozialisationskontext“ betrachtet.

Im Konzept vom „Lesen als kulturelle Praxis“ werden ganz wesentlich auch die Motivation für das Lesen sowie die emotionale und interaktive Dimension des Lesens berücksichtigt. Das heißt, nicht nur was wir aus dem Gelesenen an Informationen entnehmen oder wie wir unser vorhandenes Wissen mit dem Wissen von Texten verbinden und erweitern können, ist von zentraler Bedeutung, sondern auch was uns zum Lesen motiviert, welche Gefühle Lesen in uns hervorruft und wie wir mit anderen über Gelesenes sprechen und diskutieren. Diese vom Literacy-Konzept vernachlässigten Bereiche des Lesens gilt es im schulischen Leseunterricht ebenso nachhaltig zu berücksichtigen und zu vermitteln, wie die Förderung der kognitiven Leseleistung.

Wann wird ein Kind zum Leser?

Lesen gilt im „Literacy“-Konzept als basale Kulturtechnik. „Reading Literacy“ bedeutet somit, über ein kulturelles Werkzeug zu verfügen, das in modernen Gesellschaften notwendig ist, um kommunizieren und handeln zu können. In diesem Verständnis steht das Verstehen geschriebener Texte, die Fähigkeit einen Nutzen aus Informationen von Texten ziehen und über Texte reflektieren zu können, im Mittelpunkt. Außerdem sollen mit Hilfe der Informationen aus Texten eigene Ziele erreicht und das eigene Wissens und intellektuelle Potential weiterentwickelt werden können. Am Schluss wird die Bedeutung des Lesens auch darin gesehen, dass alle ihr Wissen, ihre Informationen im gesellschaftlichen Leben einbringen können.

Ob aber jemand gern und viel liest, hängt wiederum ganz entschieden von den Erfahrungen des Kindes mit dem Lesen ab, ob das Lesen sein Bedürfnis nach Weltorientierung und Selbstaufklärung, aber auch seinen Wunsch nach sinnlich-ästhetischer Erfahrung erfüllen kann und ob es im sozialen Bereich, in der Kommunikation mit anderen Sinn macht. Lesen darf also nicht nur als Mittel zum Zweck betrachtet werden, um die schulischen und beruflichen Anforderungen zu bewältigen.


Der Lesekompetenzbegriff von PISA orientiert sich am Literacy-Konzept und konzentriert sich auf Leseverständnis als Informationsverarbeitung. Diagramm nach Bettina Hurrelmann: Leseleistung – Lesekompetenz, S. 8, Bild: Markt-Huter

 

Blickt man über das Individuum hinaus, ist die Sozialisation in die Welt der Schriftkultur ist für die Teilhabe von Menschen am kulturellen Leben von zentraler Bedeutung, was in einem pragmatischen und kognitionsorientierten Ansatz von Lesekompetenz nur eine geringe Rolle spielt.

Für den Unterricht bedeutet das „Konzept der sprachlich-literarischen Bildung“ wie sie Hurrelmann versteht, dass die schulische Lesedidaktik in eine umfassende kulturelle Praxis des Lesens einführen soll. Zu dieser Praxis gehört nicht nur das Verständnis von Texten, sie muss auch deren gesamten Kontext berücksichtigen, in dem das Lesen allgemein stattfindet. Allgemein gesagt sollen die Leser alle Erfahrungen machen können, die mit dem Lesen verbunden sind.

Die Didaktik muss die entwicklungsspezifische Entfaltung von Lesekompetenz berücksichtigen und dabei die auf die Alters- und Entwicklungsstufen abgestimmten Möglichkeiten beachten, wie z.B. Kinder und Jugendliche zum Lesen motiviert und von Texten emotional angesprochen werden können. Dazu muss die Lese- und Literaturdidaktik die normativen Zielsetzungen für die jeweiligen Entwicklungsstufen eigens formulieren.

Schülerinnen und Schüler in deren sozialem Umfeld Lesen eine untergeordnete oder gar keine Rolle spielt, sind ganz besonders auf eine konzentrierte Unterstützung durch leseförderliche Bedingungen in der Schule und im Unterricht angewiesen. Dabei müssen die Motivation sowie die emotionalen und interaktiven Dimensionen der Lesekompetenz speziell beachtet werden.

Die Kinder sollen in der Schule positive Leseerfahrungen machen, es soll Lesefreude vermittelt werden, um dadurch mit schriftsprachlichen Texten vertraut zu machen und Lesegewohnheiten stabilisieren zu können. Kompetente junge Leserinnen und Leser konnten diese Erfahrungen Großteils bereits in der Familie machen und entwickeln.

Lesen kommt gerade in der heutigen Gesellschaft eine große Bedeutung zu, kann es über Literatur doch dabei helfen, eigene Entwicklungsprobleme und Lebensthemen zu bearbeiten, über die Welt nachzudenken, sich über eigene Gefühle, Wünsche und Einstellungen im Klaren zu werden und ästhetische Erfahrungen und Freude zu erleben.


Das Verständnis von "Lesekompetenz im Sozialisationprozess" stellt das Lesen in einen umfassenden kulturellen Zusammenhang und verweist auf die Voraussetzungen, Wirkungen und die normative Leitidee des gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekts. Diagramm nach Bettina Hurrelmann: Leseleistung – Lesekompetenz, S. 8, Bild: Markt-Huter

 

Der Deutschunterricht hat dabei die schwierige Aufgabe, gegen eine weitverbreitete große Abneigung der Jugendlichen gegen das Lesen anzukämpfen. Damit kommt der Auswahl der im Unterricht verwendeten Texte eine ganz besondere Rolle zu. Gelesen werden sollen motivierende, unterhaltsame und gut geschriebene Texte der Kinder- und Jugendliteratur. Dabei sollen nicht nur fiktionale Literatur, sondern auch Sachtexte zum Zug kommen.

Ebenso gilt es eine Verbindung zur außerschulischen Lektüre herzustellen, damit Kinder und Jugendlich auch außerhalb des Unterrichts lesen. Besonders wichtig es auch, die Unterrichtsfächer zu einem systemischen Konzept der Leseförderung zu vernetzen. Leseunterricht soll also über den traditionell damit beschäftigten Deutschunterricht hinaus zur Anwendung kommen.

Auf sozialer Ebene soll das kulturwissenschaftliche Modell von Lesekompetenz die Informiertheit, die Fähigkeit zur Weiterbildung, das politische Interesse, die Kritikfähigkeit und das kulturelle Verständnis der Kinder und Jugendlichen fördern.

Auf persönlicher Ebene steht eine sprachlich-literarische Bildung im Mittelpunkt, welche hilft, die Fähigkeit zu Selbstreflexion, die Artikulations- und Ausdruckfähigkeit, die Vorstellungskraft und die ästhetische Genussfähigkeit zu fördern. Die Auswirkungen einer so verstandenen Bildungsvermittlung lassen Großteils ebenso empirisch überprüfen, wie kognitive Grundfähigkeiten und Informationsverarbeitung von Texten.

 

Weiterführende Links:
Bettina Hurrelmann: Leseleistung – Lesekompetenz
ALEKI – Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendmedienforschung

 

Zur Person:
Bettina Hurrelmann war Universitätsprofessorin für Germanistik und Literaturdidaktik an der Universität Köln und leitete bis 2008 die Arbeitsstelle für Leseforschung und Kinder- und Jugendmedien. Sie ist im Sommer 2015 im Alter von 72 Jahren verstorben.

 

>> Die Lust zu lesen oder: wie lässt sich Lesekompetenz nachhaltig fördern? Teil  2

 

Andreas Markt-Huter, 21-11-2017

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