Vorlesestudie: Leselust kann soziale Unterschiede ausgleichen

Selten herrscht eine so große Übereinstimmung zwischen Experten wie über die Bedeutung des Vorlesens für die individuelle sprachliche und soziale Entwicklung von Kindern.

Lesen ist als Voraussetzung für das Lernen und Verstehen und als wesentliche Grundlage für die Kommunikationsfähigkeit der einzelnen Menschen ebenso unverzichtbar, wie für das gesamte schulische und berufliche Leben. Nur wer lesen kann, dem steht auch der Zugang zu Informationen in unserer Mediengesellschaft offen und nur wer lesen kann, ist in der Lage aktiv am politischen Leben in einer Demokratie teilnehmen.

Das Vorlesen, eine Leseförderung, die bereits im Elternhaus beginnt, gilt unbestritten als eine wichtige Voraussetzung für eine lebenslange Verbundenheit mit dem Lesen. Dabei eröffnet das Vorlesen den Kindern später die Welt zum eigenständigen Lesen. Kinder zum Lesen zu motivieren und in ihnen die Freude am Lesen zu wecken, ist daher eine wesentliche Aufgabe für Eltern und ErzieherInnen.

Vorlesen motiviert Kinder zum selber Lesen und vermittelt positive Erlebnisse im Zusammenhang mit Büchern. Dabei kommt dem selbstverständlichen Umgang der Eltern mit Büchern, eine wesentliche Bedeutung zu. Nicht alle Kinder haben aber das Glück, dass ihre Eltern selbst gerne und viel lesen oder die Zeit aufbringen ihnen vorzulesen.


Öffentlichen Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Bibliotheken kommt in Bezug auf das Vorlesen eine wichtige Rolle zu, um das unterschiedliche Vorleseverhalten von Eltern zu kompensieren. Foto: Markt-Huter

In drei Studien wurde in Deutschland das Vorleseverhalten im Elternhaus aus verschiedenen Perspektiven untersucht. Eine 2007 veröffentlichte Studie setzte sich mit dem Thema Vorlesen in Deutschland im Allgemeinen auseinander. Die folgende Studie aus dem Jahr 2008 hatte Vorlesen im Kinderalltag zum Thema und die 2009 erschienene Untersuchung ging der Frage nach Warum Väter nicht vorlesen.

 

Studie 1: Vorlesen in Deutschland 2007

An der allgemeinen Befragung, mit der eine Gesamtperspektive erzielt werden sollte, nahmen 5.700 Personen ab 16 Jahren teil, darunter 1.000 Eltern von Kindern unter 14 Jahren. In einer weiteren Befragung wurde der Blickpunkt auf das Vorleseverhalten von Eltern mit Migrationshintergrund gelegt. Daran nahmen 250 türkische Familien mit ihren Kindern im Vor- und Grundschulalter teil.

Ergebnisse:

  • 42 % aller Eltern lesen nicht regelmäßig vor
  • Fast ein Fünftel aller Eltern liest überhaupt nicht vor
  • Nur etwa 30 % aller Eltern gehören zum harten Kern der täglichen Vorleser

Bei den Familien mit Migrationshintergrund fiel das Ergebnis noch bedenklicher aus:

  • Vier Fünftel der Eltern lesen nicht regelmäßig vor
  • 42 % der Eltern lesen überhaupt nicht vor
  • Nur 17 % aller Eltern gehören zum harten Kern der täglichen Vorleser

Experten halten Vorleserituale bereits bei Kindern unter drei Jahren für ungemein wichtig für den Spracherwerb, für das Begreifen der Welt und für die emotionale Entwicklung. Dass ein so großer Anteil von 42 % der Eltern diese Möglichkeit ihre Kinder zu fördern ungenutzt lassen, heißt auf die preiswerteste Investition in die Zukunft ihrer Kinder zu verzichten.

  • 21 % der Eltern mit Kindern unter 3 Jahren lesen nur gelegentlich und weitere 21 % dieser Eltern lesen ihren Kindern überhaupt nicht vor.
     
  • Im Kindergartenalter lesen insgesamt 33 % der Eltern von 3- bis 6-Jährigen nur gelegentlich oder gar nicht vor, was von Experten als klare Benachteiligung der betroffenen Kinder in Bezug auf die Schulvorbereitung gewertet wird.
     
  • Im Schulalter ziehen sich die Eltern als Vorleser weiter zurück. 47 % der Eltern von 6- bis 10-jährigen Kindern lesen nur mehr gelegentlich oder gar nicht vor. Dabei sollte die Zuwendung beim Vorlesen für Schulkinder zu- und nicht abnehmen.

Als Gründe für das Vorlesen gaben die Eltern überwiegend an, weil es ihnen Spaß mache, weil sie die gemeinsame Zeit mit ihren Kindern schätzen würden und mit etwas Abstand auch aus pädagogischen Gründen.

Als Begründungen weshalb sie nicht Vorlesen würden, wählten die meisten Eltern, dass ihnen die Zeit fehle und dass sie keine guten Vorleser seien.

Die Studie ergibt außerdem, dass das Vorleseverhalten auch von der Bildung der Eltern abhängt. Je niedriger die Schulbildung, je geringer das Einkommen und je weniger Ausbildung für die berufliche Tätigkeit erforderlich waren, desto weniger lesen Eltern ihren Kindern vor.


Resümee der Studie 2007:

Die Experten der Studie halten fest, dass

  • ca. ein Fünftel der Bevölkerung Kindern vorliest, obwohl sie keine eigenen Kinder unter 14 Jahren haben.
  • die Vorlesekultur soll gestärkt werden soll, um ein zukunftsfähiges Fundament für das Bildungssystem zu errichten.
  • dabei eine wichtige Aufgabe Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Bibliotheken zukommt. 

 

Studie 2: Vorlesen im Kinderalltag 2008

An der Repräsentativen Umfrage, die sich mit dem Vorlesealltag bei Kindern beschäftigt nahmen 875 Kinder teil. Gemeinsam mit den Ergebnisse der Elternbefragung aus dem Jahr 2007, an der sich 1.000 Eltern beteiligt hatten, versucht die Studie ein authentisches und wissenschaftlich fundiertes Bild zusammen zu fügen.

Ergebnisse:

37 % der Kinder gaben an, dass ihnen niemals vorgelesen wird, weder zu Hause noch in Kindergarten oder Schule. 22% dieser Kinder würden gerne vorgelesen bekommen. Dass Eltern ihren Kindern Vorlesen nimmt mit dem Alter des Kindes rapide ab. Während noch 89 % aller Kinder im Vorschulalter vorgelesen wird sinkt der Anteil mit der Einschulung auf 80% und liegt im Alter von 10-11 Jahren bei 30 %.

Wenn es ums Vorlesen geht, spielen die Mütter ganz eindeutig die Hauptrolle. 64 % der Kinder wird von der Mutter vorgelesen und nur 8 % der Kinder erklären, dass ihnen ihr Vater vorliest.


Um eine erfolgreiche Vorlesekultur zu entwickeln, braucht es sowohl die Mitwirkung der Eltern sowie die Initiative von Einrichtungen in denen gelesen wird, wie z.B. Kindergärten und Schulen. Foto: Wikimedia-Commons

Aus der Sicht der Kinder ergibt sich, dass mehr als ein Drittel der Eltern ihren Kindern nicht vorliest, wobei das Einkommen und der Bildungsgrad der Eltern fast keine Rolle spielen.

Ein weiterer Unterschied zur Befragung aus dem Jahr 2007 betrifft die Anzahl der Eltern die Vorlesen. 2007 erklärten lediglich 18% der Eltern, dass sie ihren Kindern nie vorlesen würden. 2008 gaben 37 % aller befragten Kinder an, dass ihnen niemals vorgelesen wird.

Die Umfrage ergibt außerdem, dass Kinder das gemeinsame Vorlesen in der Familie als spannend und schön erleben. Dabei gehören drei wesentliche Punkte zur erfolgreichen Vorlesekultur:

  • Vorlesen mit den Eltern als Abendritual
  • Reisezeit als Vorlesezeit mit den Eltern
  • Kindergärten, Tagesstätten und Schulen als Einrichtungen, in denen vorgelesen wird


Resümee der Studie 2008:

  • Vernetzen von Vorleseaktivitäten
  • Vorlesen muss als zentraler Bildungsimpuls verstanden werden
  • Öffentliche Strukturen für das Vorlesen müssen ausgeweitet werden

 

Studie 3: Warum Väter nicht vorlesen

Bei dieser Studie wurden 500 Väter befragt, die nur selten oder gar nicht vorlesen. Folgendes Statement der Studie bringt das besondere Verhältnis zwischen Vätern und dem Vorlesen auf den Punkt:


Interviewer: Finden Sie Vorlesen wichtig für die Kinder oder finden Sie es gibt Wichtigeres?

Vater: Ich finde es ungeheuer wichtig - deswegen versuche ich immer wieder, meine Frau zu motivieren vorzulesen.

(Vater, 35 Jahre; 3 Töchter, liest selbst nicht vor)

 

Väter die Vorlesen sind genauso wichtig wie Mütter die Vorlesen, weil sie eine entscheidende Rolle in der Lesesozialisation des Kindes spielen, wobei Väter gerade für Buben eine besondere Vorbildfunktion ausüben.


Väter, die Vorlesen, sind üben gerade auf Buben eine besondere Vorbildwirkung für das Lesen aus. Foto: Wikimedia-Commons

Regelmäßiges Vorlesen fördert wichtige Bereiche der kindlichen Entwicklung:

  • Auditive Wahrnehmung, Sprachentwicklung
  • Visuelle Wahrnehmung - Taktile Fähigkeiten
  • Gedächtnis - Konzentration - Moral- und Wertvorstellungen
  • Empathie - Problemlösefähigkeiten - Fantasie
  • Bildungskompetenzen
  • Lesefreude

Es ließ sich feststellen, dass bei Kindern mit einer hohen Lesefreude der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg nicht mehr erkennbar war!

Ergebnisse:

Als Hauptgründe für die geringe Bereitschaft vorzulesen nannten die Väter:

  • Für das Vorlesen ist die Mutter zuständig,
    • weil sie besser vorlesen können
    • weil die Kinder lieber von der Mutter vorgelesen bekommen wollen
       
  • Sie haben keine Zeit und kommen von der Arbeit zu spät nach Hause, um vorzulesen
    Väter ziehen andere Freizeitaktivitäten mit ihren Kindern vor

Vor allem jüngere Vater halten es nicht für so wichtig, ihren Kindern vorzulesen, die Hälfte erklärt, dass ihnen Vorlesen keinen Spaß macht. Als Gründe dafür, nennt die Hälfte der Befragten mangelnde Geduld außerdem wird Vorlesen als ermüdende Tätigkeit empfunden.

Auf die Frage was Väter gerne vorlesen würden, wünschten sich

  • mehr als 90 % lustige Geschichten
  • 79 % wollten Sachgeschichten vorlesen, aus denen man lernen kann
  • 70 % nannten auch spannende Geschichten


Resümee der Studie 2009:

80 % der Väter lesen selten vor,

  • weil sie für diese Aufgabe die Mütter zuständig sehen
  • weil sie für das Vorlesen keine Zeit haben
  • weil sie andere Freizeitaktivitäten mit ihren Kindern vorziehen

 

Festzuhalten bleibt aber, dass ungefähr 90 % aller befragten Väter der Aussage zugestimmt haben, dass Vorlesen wichtig für die Entwicklung der Kinder ist.

Gerade für die Lesesozialisation von Buben ist das Vorlesen von Vätern wichtig, weshalb die Bewusstseinsbildung eine wichtige Rolle spielt. Dabei soll vermittelt werden, dass Vorlesen eine aktive und attraktive Freizeitbeschäftigung mit Kindern sein kann. Ein besonders wichtiger Aspekt war, dass Lesefreude den Zusammenhang zwischen Schichtzugehörigkeit und Schulerfolg überwindet.

 

Weiterführende Links:
Stiftung Lesen
Institut für Lese- und Medienforschung: Vorlesestudien

 

Andreas Markt-Huter, 18-03-2010

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