Gerhard Ruiss / Reinhold Ruiss, Iagandwaunn amoi

h.schoenauer - 21.03.2025

Gerhard Ruiss / Reinhold Ruiss, Iagandwaunn amoiZwölf Wiener Dialektlieder auf CD, ein Booklet mit den Texten im Dialekt und in einer interlinearen Übertragung, Biographien der Künstler, prägnante musikhistorische Annotation – beglücktes Herz, was willst du mehr!

Je nach Fangemeinde wird der Doppelkünstler Gerhard Ruiss als Musiker und Literat wahrgenommen, bei einem CD-Projekt lassen sich diese beiden Kunst-Hälften zudem gar nicht trennen. Da es bei einer schriftlichen Rezension vor allem um Sätze geht, tut man sich leichter, wenn man sich bei der Begutachtung vor allem auf den literarischen Aspekt stürzt.

Das Mammutwerk von Gerhard Ruiss besteht in seiner Neuübertragung und Reaktivierung der Texte und Musik des Tiroler Weltbürgers Oswald von Wolkenstein (1377-1445). Daraus ist eine Beschäftigung mit einer Kunst geworden, worin Politik, Liebeslyrik, Abenteuer und Lebenssehnsucht zu Einsichten führen, die in ihrer jeweiligen Zeit zeitlos sind.

Die Arbeiten von Gerhard Ruiss gleichen einem Vulkan-Ausbruch, was kein Wunder ist, sitzt er doch bereits ein Leben lang auf dem Österreichisch-Wienerisch-Wolkensteinschen Feuerring, der jederzeit losgehen kann.

Wiener Lieder sind oft an jener seismischen Kante angesiedelt, auf der die individuellen Schicksale fallweise ins Rutschen geraten. So gleicht denn auch der Titel der CD, „Irgendwann einmal“, der Formulierung eines trotzigen Kindes, das die Ausführung eines Erziehungsbefehls auf später verschiebt. Die CD-Parole gleicht der Aufmüpfigkeit eines arbeitenden Menschen, der die anfallenden Tätigkeiten in wichtig und unwichtig einzuteilen weiß. Und das Motto gleicht schließlich der Lebenserfahrung von Leuten, die viel nachgedacht haben, um zu erkennen, dass man den Tod während des Lebens besser verschiebt, im entscheidenden Augenblick aber zulässt mit dem Seufzer: „Besser gleich als gar nicht.“

Dieses Wechselspiel zwischen Aufbegehren und Gelassenheit fußt auf der Tradition des bockigen Wienerliedes, die vor allem in der Wiener Gruppe literarisch-musikalisch gepflegt worden ist. Als Meilensteine dieser unterhaltsam-philosophischen Musik werden auch The Worried Men Skiffle Group, Arik Brauer und der späte Willi Resetarits angeführt.

Die Texte beschreiben in zwölf verdichteten Situationen eine Art Lebenslauf, der dann entsteht, wenn man dem Leben auch seinen Lauf lässt. Das „Irgendwann einmal“ wird hier zum treibenden Element aus Gelassenheit und Hellhörigkeit.

Ein simpler Blick auf die Welt zeigt schon jede Menge Ungereimtheiten, da gibt es die Emsigen und Faulen, die Feigen und Stürmischen, die Abgehetzten und Ausgekochten, die sich in einer „Seicherl-Parade“ (Track 1) letztlich als löchriges Werkzeug für das Ausschöpfen jedweder Ideologie erweisen.

Dem Mega-Satz „lieber gleich als gar nicht“ (Track 3) entspricht der kluge Satz „aus gar keinem Grund“ (Track 4), der sprachlich darauf verweist, dass Wiener Dialekt von Dialektik kommt.

Das raffinierte Wort „einpegeln“ (Track 6) handelt primär von der Fähigkeit, den Alkoholpegel geschickt den Bedürfnissen des Tages anzupassen. Aus soziologischer Sicht geht es beim Einpegeln um die Fähigkeit, aus seiner Rolle nicht auszuscheren und seine Karriere einzupendeln in den Lauf der Gesellschaft, wie man sich sonst im Straßenverkehr in einer Kolonne „eingepegelt“ bewegt.

Wie sehr Arbeit zur Heimat werden kann und Identität stiftet, zeigt die Reflexion eines Kellners, der seinen Rayon (Track 7) bedient wie ein Lehen, das er zur Zufriedenheit der Gäste verwaltet. Das Glück entsteht dabei auf beiden Seiten, bei den Gästen und beim Kellner.

Am Sonntag (Track 9) schließlich zeigt sich der wahre Wert der Woche. In einer Melange aus fad und sinnlos wird die Zeit beim Wirten totgeschlagen, bei Kaffee und Kuchen, beim Fernsehen des Einheitssenders. Damit es nicht als deppert erkannt wird, ist das Verhalten in Rituale verpackt, die streng eingehalten werden. Das mögliche Fehlverhalten in diesem regulierten Sonntagsgeschehen kann so auf die anderen geschoben werden, während man selbst die formidable Ausrede hat als „Irgendwann einmal“.

Aus diesen Textgerüsten fließt jene Stimmung, die „auf dieser Welt nicht mit Worten erklärbar ist“, wie es in den Subtexten des Oswald von Wolkenstein heißt.

Das CD-Projekt ist weit mehr als eine Scheibe, die man als User ganz oldschool in den nächstbesten musikalischen Schlitz steckt. Aus dem umfangreichen Booklet lässt sich herauslesen, was an Kunstaufwand notwendig ist, um Technik, Graphik, Instrumente, Studio und Vertrieb unter einen Hut zu bringen. „Irgendwaunn amoi“ wird dadurch zu einem Kompendium, das den aktuellen Kulturbetrieb im Österreich des Jahrs 2024 beschreibt.

Gerhard Ruiss / Reinhold Ruiss, Iagandwaunn amoi. 12 Wiener Dialektlieder
Wien: redpmusic 2024, CD Booklet, 22,00 €

 

Weiteführende Links:
Literaturradio: Gerhard Ruiss / Reinhold Ruiss: Iagandwaunn amoi
Wikipedia: Gerhard Ruiss

 

Helmuth Schönauer, 06-12-2024

Bibliographie
AutorIn:
Gerhard Ruiss / Reinhold Ruiss
Buchtitel:
Iagandwaunn amoi. 12 Wiener Dialektlieder
Erscheinungsort:
Wien
Erscheinungsjahr:
2024
Verlag:
redpmusic
Preis in EUR:
22,00
Kurzbiographie AutorIn:
Gerhard Ruiss, geb. 1951 in Ziersdorf, lebt in Wien.

Reinhold Ruiss, geb. 1952 in Ziersdorf, lebt in Wien.