Was immer das Leben unvergessen machen kann, es gleicht einer Sanduhr, die ein paar Mal gedreht wird, ehe der Sand in der Zeit verschwunden ist.
Erich Hörtnagl legt mit „Unforgattable – Unforgotten“ sein Lebenswerk als Fotograf und Dramaturg vor. Die Bilder sind als wohl überlegte Ausschnitte einer weltumspannenden Choreografie aufbereitet, der Buchtitel ist als unsichtbares Relief in den Buchumschlag gestanzt, sodass man ihn in der Hauptsache abtasten muss. Beim ersten Anfassen des Buches werden Zeitgenossen blitzartig an einen Laptop erinnert, was Gewicht und Haptik betrifft, ehe dann die kulturell gestanzte Erinnerung an das Handwerk der Buchdruckkunst einsetzt.
Die beiden Essays von Alois Schöpf und Kurt Höretzeder lassen sich wie die Abdeckung einer Sanduhr oben und unten begreifen, bei jedem Drehen des Buches wird das Vorwort zum Nachwort und umgekehrt. Beide Autoren stehen beinahe fassungslos vor dem epischen Bildwerk und versuchen mit klug ausgewählten Denkansätzen den einen oder anderen Zugang zu den Vokabeln Unforgattable – Unforgotten zu finden.
Alois Schöpf verweist auf die Kunst des Erinnerns, die für die Generation der 1950 Geborenen zu einem Bild voller Zuwachs, Optimismus und möglicher Glückseligkeit wird. Deren Zeitfenster für die Erinnerung an das Paradies als Zeitgeschichte beginnt sich aber zu schließen. So heftet sich am Lebensabend eines weitgehend Havarie-freien Lebens, bei dem allerdings global allerhand Kollateralschäden entstanden sind, für diese Generation die Frage nach der persönlichen Mitwirkung für die Unsterblichkeit an:
„Was habe ich getan, dass andere froh sind, wenn es mich nicht mehr gibt?“ (11)
Ähnlich staunend vor der gegenwärtigen Epoche gibt sich Kurt Höretzeder, wenn er auf die Bilder des Meisters blickt und sie als Kommentar zu den Hauptproblemen der gegenwärtigen Fotografie deutet: „Was einst dem Bewahren und Wiederbeleben diente, wird in der Bilderflut der Gegenwart zur millionenfach geteilten Kulisse. – Je mehr Bilder wir uns machen, desto mehr entgleiten sie uns.“ (223)
Die Bilder des Erich Hörtnagl rutschen zwischen diesen beiden Gedankenkorken als permanent fließende Zeitmasse hin und her. Sie sind im Laptop-Format aufbereitet, über weite Strecken in eine seltsam metallene Farbe getunkt, die zwischen purem Grafit und Alltagspatina zu plastischem Schwarzweiß aufschäumt, nur ab und zu sind die Buchbögen in Farbe gehalten, wohl um zu zeigen, dass diese Foto-Bronzen überhaupt nichts zu tun haben mit Schnappschüssen.
Die Bilder sind strikt katalogisiert mit den drei Parametern für die Bewältigung der Erinnerung: Ort, Land, Jahr. Auf diesen drei Angaben fußt unser Umgang mit dem eigenen Leben. Dabei löst jedes Jahr eine individuelle Färbung des Zurückschauens aus, bei der Nennung eines Landes taucht sofort die darin eingeflochtene Kultur auf, und der Ort gibt jeweils einen Mikrokosmos preis, wie er beim Reisen, Schauen, Essen und Reden entstanden ist.
Jedes Bild wird dadurch zu einem Markstein für das Unvergessliche. Beim Betrachten eines einzelnen Fotos tun sich drei Welten auf, ‒ jene des Künstlers, jene des Betrachters und jene der abgebildeten Person.
Dabei entsteht eine einzigartige Verknüpfung von Ereignissen, Personen sind unsterblich, ohne dass sie es wissen, die Abgebildeten sind vielleicht schon verschwunden, aber ihr Land ist noch da, und die Zeit hat sich Jahreszahlen umhängen lassen, damit wir sie wenigstens abschnittweise begreifen.
Die Motive stehen untereinander in struktureller Verbindung, wenn etwa die Statuen der Osterinsel gleich „steif“ in die Höhe ragen wie die Strumpfständer im Schaufenster einer Italienischen Boutique.
Die einzelnen Reisen des Autors verschmelzen zu einer großen Lebensreise, wenn man die Länder hintereinander liest, allein auf den ersten Seiten ringen Italien, Schweden, Österreich, Myanmar und Uruguay um die besten Sets für die Inszenierung des Außergewöhnlichen.
Die Geschichten lassen sich wie im modernen Roman als Hypertexte in alle Richtungen lesen, jede Seite ist mit visuellen Umsteigeknoten ausgestattet, die jederzeit relevant werden können.
Und konventionell gelesen ergibt sich ein Stück Biografie des Künstlers, indem die wichtigsten Projekte als Dokumente für Regiearbeiten, Reisen und figurative Ästhetik erscheinen.
Das Unvergessliche der Bilder zeigt sich auch im Nach-Bild, das die Fotos erzeugen, wenn man das Buch schon geschlossen hat. „Ein Held auf einem Pferd fährt im imperialen Gestus die Hand aus in eine glänzende Zukunft, daneben fährt sich auf einem Vorstadt-Graffiti ein Finger in das Nasenloch um dort zu verharren.“ (169)
Als Gesamtkunstwerk macht Erich Hörtnagl schließlich noch die Jahrhunderte alte Buchdruckkunst unvergesslich, wahrscheinlich ist sie die rare Kulturtechnik schlechthin, die dem Phänomen Zeit unvergesslich gegenübertreten kann.
Erich Hörtnagl, Unforgettable – Unforgotten. Fotografische Fragmente, Alois Schöpf (Vorwort) | Kurt Höretzeder (Nachwort) | Ewa Jönsson Hörtnagl (Kuratorin) | Olof Werngren (Design)
Berlin: Dr. Cantz’sche Verlagsgesellschaft 2025, 236 Seiten, 49,40 €, ISBN 978-3-96912-259-4
Weiterführende Links:
Dr. Cantz’sche Verlagsgesellschaft: Erich Hörtnagl, Unforgettable – Unforgotten
Wikipedia: Erich Hörtnagl
Wikipedia: Alois Schöpf
Helmuth Schönauer, 20-11-2025