Natascha Gangl, Frische Appelle & andere Sprechtexte

h.schoenauer - 16.01.2026

Natascha Gangl, Frische Appelle & andere SprechtexteManche Bücher verhexen das Fachpublikum mit ihren schlauen neuen Erzählstrategien, andere wirken auf das alltägliche Sprechgeschehen ein wie der sprichwörtliche Gassenhauer für einfache Handgriffe.

Natascha Gangl verzaubert mit ihrem Konzeptbuch „Frische Appelle & andere Sprechtexte“ sämtliche Sorten von Publikum. Ihren großen Auftritt hat die Autorin beim Bachmann-Preis 2025, als man an ihrem Werk hervorhebt, dass es an der Schnittstelle mündlich/schriftlich und Umgangssprache/Dialekt angesiedelt ist. Gegen ihre Art des Arbeitens hat die KI noch kein Kraut gefunden, die Texte Natascha Gangls sind also garantiert original und originell.

Der siegreiche Text, an dem sich diese Theorien abhandeln lassen, nennt sich „da stoa“ (der Stein). Darin wird im Dialekt die Frage gestellt, „wo ghearst du hin?“ So wurden früher am Land Kinder von Touristen ausgefragt, wenn diese scheinbar orientierungslos in der Landschaft herumstanden, während die Reisenden auf Adressen und Fixpunkte aus waren.

Im Vorwort beschreibt Brigitte Schwens-Harant als Laudatorin und Kuratorin des Bachmannpreises die Arbeitsweise der Autorin, wobei sie vor allem auf die Erzähltechnik des Verzögerns und Verlangsamens verweist.

„Frische Apelle“ setzt sich aus fünf Fragestellungen, Konzepten oder Klangdramaturgien zusammen, die Thesen implizit durch bloße Fallbeispiele zum Anklingen bringen. Das Schriftbild ist weitläufig, Gemäldehaft und wie ein Comic ohne Zeichnung zu lesen. Die evozierte Sprachmelodie ist dem Publikum zugeneigt, als stiller Leser hat man den Eindruck, einen Poetryslam-Abend zu erleben, bei dem die Autorin extra für einen einzigen Publikumsmenschen angereist ist.

  • Frische Appelle
  • Demontagen
  • Loop
  • Klangcomics
  • offene Fragen

Mit diesen Zugängen wird ein raffiniert ironisches Stück in Gang gebracht, das dramaturgisch alle Register zieht, inklusive Selbstreflexion, Mehrdeutigkeit und Augenzwinkern, was die Einschätzung des Textes betrifft.

  • Frische Appelle (13) wenden sich unverblümt an ein Publikum, das entweder selbst arbeitet oder zusieht, wie andere arbeiten. Am Beispiel eines musealen Webstuhls können wir zusehen, wie das Elend früher an den Geräten Platz genommen hat, wir können aber auch als Museumsbesucher selbst ein paar Handbewegungen am Webstuhl machen, um zu begreifen, wie Arbeit befohlen wird, wie Appelle zur Beschleunigung ausfallen, und wie alles schließlich in dem selbsterklärenden Satz endet: „Die Arbeit macht sich an die Regierung.“ (30)

Die Einbettung des Webstuhls in einen musealen Kontext erinnert von Ferne an Alexander Kluges Arbeits-Texte, die oft aus dem Vertauschen von Bildunterschriften mit den gezeigten Bildern entstehen.
- Die Demontagen (35) beginnen mit einem Heimatbegriff, der in ein Kinderlied geschlüpft ist. „Ei ei Heimat“. Das Individuum freilich sollte andere Schlüsse aus der klanglichen Streicheleinheit ziehen: Ich bin auf Widerstand! (55)

  • Loop (81), in der Mitte des Buches, schickt alles nach hinten und vorne in eine Endlosschleife. Beim Putzen gerät die Protagonistin in eine Zeitschleife, aus der ihr auch das blaue Wettex nicht heraushilft, mit dem sie die Welt zu entzaubern gedenkt. Was bleibt, sind Fundgegenstände, wie sie Bibliothekare oft als Lesezeichen in alten Büchern finden, und Staub, purer Staub. (98) Für die Buchgestaltung ist es eine Herausforderung, diesen Staub in ein sichtbares, hygienisch einwandfreies Layout zu bringen.
     
  • Klangcomics (109) knüpfen an das musikalische Hörspiel an, wie es um 1970 an deutschsprachigen Rundfunkanstalten exzessiv gepflegt worden ist. Wind und Meer von Peter Handke ist beispielsweise 1970 entstanden, ohne dass dieses Hörspiel hier explizit erwähnt wäre.

Der Begriff der Etüden wird um die Konsistenz der Buchstaben erweitert, im Sinne einer Marotte oder Etüde werden die Wörter aus einem verschollenen Setzkasten zusammengesetzt.

Aus dem gefilterten Klangcomic erklingt schließlich der entscheidende Appell: „Du musst arbeiten.“ Diese Meldung ist wuchtig als Blocksatz gesetzt, der Satz wird so lange wiederholt, bis er sich aus dem Kontext gelöst hat. (161)

  • Offene Fragen (171) legen schließlich die Texte in einem neuen Zusammenhang aus. So wird etwas zu einer Präambel für ein Gesetz, indem es „Für das Gewaltschutzzentrum Steiermark“ (173) bearbeitet ist.

Die Sektion „kleine Morgenappelle“ gibt entscheidende Tipps im Umgang mit der Sprache beim Sprechen.  „IV // Dann: // die entlegenen Worte / im offenen Mund / abtasten. // O-tasten. // Warten. // Woaten. // Was geht? | V // Spuck. // Die Restal / aus ‒ // Raste. // Lass die Zunge nach hinten rollen. // Fahr die Fühler aus. // Was setzt an?“ (180/181)

Das Ende geht in einen Blackout über, dargestellt mit vier Fragebögen.

Natascha Gangl sucht nicht lange nach der Schwachstelle bei den Lesern, sie zielt direkt auf deren sprachliches Herz, weshalb die Frischen Appelle einem prompt zu Herzen gehen.

Natascha Gangl, Frische Appelle & andere Sprechtexte. Vorwort Brigitte Schwens-Harrant
Klagenfurt: Ritter Verlag 2025, 201 Seiten, 25,00 €, ISBN 978-3-85415-696-3

Weiterführende Links:
Ritter Verlag: Natascha Gangl, Frische Appelle & andere Sprechtexte
Wikipedia: Natascha Gangl

 

Helmuth Schönauer, 06-11-2025

Bibliographie
Autor/Autorin:
Natascha Gangl
Buchtitel:
Frische Appelle & andere Sprechtexte
Erscheinungsort:
Klagenfurt
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
Ritter Verlag
Seitenzahl:
201
Preis in EUR:
25,00
ISBN:
978-3-85415-696-3
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Natascha Gangl, geb. 1986 in Bad Radkersburg, lebt in Wien.

Brigitte Schwens-Harrant, geb.1967 in Wels, ist Literaturkritikerin und Journalistin.