Wolfgang Pollanz, Ein durch und durch durchschnittliches Leben

h.schoenauer - 08.02.2026

Wolfgang Pollanz, Ein durch und durch durchschnittliches LebenSobald man das Mittelmaß von etwas zu ermitteln versucht, treten die Extreme und Extravaganzen unkündbar in den Vordergrund. Ein durchschnittliches Leben zu ermitteln, führt in der Literatur verlässlich zu einem Heldenepos, in dem sich die Protagonisten nicht gegen ihre wahrhaftige Bedeutung zur Wehr setzen können.

Wolfgang Pollanz beschreibt im Duktus einer Autobiographie das Leben in Österreich, wie es ein vermeintlich durchschnittlicher Protagonist auf dem steirischen Lande von den 1950er Jahren bis herauf in die Gegenwart geführt haben könnte. Denn obwohl alles mit dem Selbstbewusstsein eines Schelmenromans erzählt ist, wird für den Musiker und Schriftsteller Wolfgang Pollanz das eigene Leben wie von selbst zur eigenständigen Literatur, die sich quasi zu einem individuellen Genre entwickelt hat.

Diesen realistischen Konnex stellt eine Parallelerzählung her, die es als Fußnotenroman bis in den Titel hinein schafft, angekündigt als „Roman mit Fußnoten“.

Gleich dreimal wird zudem das Durchschnittliche hervorgehoben,

  a) als durchschnittliche Biographie eines Individuums
  b) als durchschnittliche Erlebniswelt eines Helden in Österreich
  c) als unauffällige Durchschnittsarbeit im Literaturbetrieb.

Alle Zugänge sind ironisch gemeint, und den Lesern steht es frei, die Ernsthaftigkeit der Materie selbst zu bestimmen.

Im Fließtext als Romanform geht es um die Nachkriegszeit, die Verwundung des Vaters im Krieg, die Zufälligkeit, mit der in den 1950er Jahren die Menschen im neuen Staat sesshaft werden, um das verlorene Einsitzen im Internat, um das Zelebrieren der Kultur in der Landeshauptstadt und sporadische Drogenerfahrungen. Allmählich wächst ein scheinbar stabiler Wille heran, sich mit dem eigenen Leben durchzubringen und durch Reisen, Kunst und Arbeit dem Leben den sprichwörtlichen Sinn zu geben. Als dann noch die Liebe beweist, dass sie mehr ist, als eine schöne Textstelle in Popsongs, ist das Glück für ein durchschnittliches Leben vollkommen.

Einen Höhepunkt stellt eine akademische Auszeichnung für das Kürbis-Wesen dar, welches der Held zur Blüte gebracht hat. Unter „Kürbis“ muss man sich einen kulturellen Kosmos vorstellen, in dem Theater, Kunst, Verlag, Musik und Kürbis-Label zu einem epochalen Gebilde ausgeformt sind.

Das Unterfutter der Wirklichkeit ist in den Fußnoten eingebaut, über dreihundert sind es geworden, obwohl ursprünglich noch mehr geplant waren. Wie in akademisch seriösen Arbeiten üblich, gilt die erste Anmerkung dem Gendern, es sind immer alle gemeint, die sich angesprochen fühlen. Dieser tautologische Hinweis gilt letztlich für alles, was scheinbar erklärt wird.

Denn meistens lösen die erklärenden Fußnoten erst recht eine neue Geschichte aus, die sich oft erst nach einigen Seiten wieder halbwegs einfangen lässt.

In dieser Sub-Welt des Textflusses ist alles an Erklärungen eingebaut, was man zum Unterbrechen des Fließtextes als Ausrede verwenden kann. Oft sind es Wikipedia-Hinweise, die es einem ersparen, im wirklichen Wikipedia nachzuschauen. Aber auch klandestine Quellen, die in der Peripherie eines Staates weit verbreitet sind, werden regelmäßig ans Licht der Aufmerksamkeit gezerrt.

Textstufen der Vorbereitung für den Roman, Notizen und Querschläger von Interviews zwingen dazu, das Eindeutige zu meiden und in Varianten zu denken.

Aber auch der Vorgang des Lektorierens, Drucks und der Buchkultur insgesamt kommen zur Sprache. Und selbstverständlich tauchen auch echte Zitate auf, die den Ablauf ferner Vorgänge in die Erinnerung zurückrufen. Über diese Zitate aus der Pop-, Film- oder Subkultur lassen sich auch persönliche Erfahrungen der Leser herstellen, schließlich sind alle Leser Konsumenten jenes Durchschnittslebens, von dem der Autor gerade berichtet.

Didaktisch äußerst anregend sind die 14 Kapitelüberschriften gestaltet, die von der Anzahl und Dramatik her an den berühmten Kreuzweg erinnern, der früher noch weitverbreitet über die Lande installiert war.

Stationen wie Niederkunft, Hatschi Bratschis Luftballon, Marginale Miniaturen, Meer, Völliger Versager, Fotos, verschollene Verse und andere vergebliche Versuche, All My Animals und lockere Liebschaften ergeben einen Musterlebenslauf, den wahrscheinlich alle Mitglieder einer ausgesuchten Kohorte so erlebt haben.

Eine Schlussanmerkung relativiert noch einmal das Erzählte und stellt einen wundersamen Konsens zwischen Leben und Literatur her.

„In diesem Roman plagiiere ich mich immer wieder selber, indem ich an mehreren Stellen diverse Teile früherer Veröffentlichungen verwendet, überarbeitet oder paraphrasiert habe.“ (212)

Denn eines muss uns klar sein, für ein durch und durch durchschnittliches Leben braucht es permanentes Nachjustieren, Vorausdenken und Aufgeben von Ideen zur rechten Zeit.

Wolfgang Pollanz, Ein durch und durch durchschnittliches Leben. Roman mit Fußnoten
Graz: Verlag Klingenberg 2025, 216 Seiten, 22,90 €, ISBN 978-3-903284-63-0

 

Weiterführende Links:
Verlag Klingenberg: Wolfgang Pollanz, Ein durch und durch durchschnittliches Leben
Wikipedia: Wolfgang Pollanz

 

Helmuth Schönauer, 11-12-2025

Bibliographie
Autor/Autorin:
Wolfgang Pollanz
Buchtitel:
Ein durch und durch durchschnittliches Leben. Roman mit Fußnoten
Erscheinungsort:
Graz
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
Verlag Klingenberg
Seitenzahl:
216
Preis in EUR:
22,90
ISBN:
978-3-903284-63-0
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Wolfgang Pollanz, geb. 1954 in Graz, lebt in Wies.