Alexander Kluy, Der Bleistift

h.schoenauer - 02.03.2026

Alexander Kluy, Der BleistiftDer Bleistift hat es geschafft – er ist von einem Alltagsgegenstand zu einem Kultgerät geworden. Schriftsteller und Zeichner betreiben Podcasts und Foren, um sich über neueste Rituale rund um den Bleistift zu informieren.

Alexander Kluy schöpft bei seiner „kleinen Kulturgeschichte“ über den Bleistift aus dem Vollen. Als Verfasser zahlreicher Schriftsteller-Biographien stößt er immer wieder auf Künstler, die das Schreiben geradezu kultisch betreiben, indem sie rund um den Bleistift eine magische Aura aufbauen.

Manchmal entwickelt sich das Schreiben mit dem Bleistift zu einem eigenen Genre, das in Monographien besungen wird. Bekannteste Beispiele sind „Aus dem Bleistift-Gebiet“ von Robert Walser und „Die Geschichte des Bleistifts“ von Peter Handke. Das Arbeitsgerät ist in diesen Büchern „beseelt“ und übernimmt den Feinschliff der Aufzeichnung mit dem Gestus eines Fetischs.

Seit dem Vormarsch der Digitalisierung fristet der Bleistift ein wohlgelittenes Schicksal in Künstlerkreisen, aber auch unter Pädagogen genießt er noch erstaunliches Ansehen, ist er doch ein idealer Therapeut für die Gelenkigkeit einer kindlichen Schreibhand. So ist es auch kein Wunder, dass in der Geriatrie der Bleistift hoch im Kurs steht. Solange jemand nämlich mit einem Bleistift etwas anzufangen weiß, ist die Feinmotorik des Denkens noch intakt.

Alexander Kluy behandelt in seinem Abriss den Bleistift wie einen Künstler, dem man vor allem mit Dankbarkeit begegnet, ehe man sich vorsichtig an seine Qualitäten und Verdienste herantastet. „Der Bleistift opfert sich bei der Ausübung der Kunst.“ (22) Diese Beschreibung im Stile von Märtyrern berührt mit feiner Ironie das Religiöse, das hinter manchen Bleistift-Künsten steckt.

Schon der Begriff Bleistift ist eine Liebkosung wie ein Künstlername, denn mit etwas Pech hätte sich auch der Begriff Karbon-Kritzler durchsetzen können. Es handelt sich ja bei diesem Schreibgerät um plastisches Graphit, das das Wort „schreiben“ (graphein) seit der Antike in seinen Adern hat.

Dass wir es mit einem Bergbauprodukt zu tun haben, zeigt sich auch an beeindruckenden Zahlen aus der industriellen Zeit. So gab es 1898 allein in Nürnberg 25 Bleistiftfabriken.

Und die größte Bleistiftfabrik der Welt erzeugte Ende der 1990er Jahre im Faber-Castell-Werk nördlich von Sao Paolo 1,5 Milliarden Stifte im Jahr. (40)

Rund um die Bleistift-Industrie entstanden ganze Dynastien, die wie Aristokraten ihr Bleistiftimperium durch Hochzeiten und Scheidungen zuerst vergrößerten und später marktgerecht einschrumpften.

Im historischen Abriss wird der Bleistift in Europa und Amerika gesondert behandelt. Das ergibt einen Sinn, weil der Bleistift als Indikator der Industrialisierung in den beiden Hemisphären unterschiedliche Verbreitungswellen erfahren hat. Während in Europa die Industrialisierung unter aristokratischen Auspizien vor sich ging, war in Amerika die Liberalität das treibende Element. Und hinter beiden Wellen standen extrem große Kohlefelder in den Ausmaßen von Pennsylvania oder Schlesien als Mütter des Graphits.

Kulturgeschichtlich erreicht der Bleistift in Europa seinen Peak als Impulsgeber für Zeichnungen jeglicher Art, während er in Amerika die Urform von Pressetexten in Gestalt des Steno-Stiftes begleitete.

Skurrile Skizzen über das Entstehen des Bleistifts münden in jene Ikone des Surrealismus, wo eine Hand einen Bleistift führt, der eine Hand zeichnet, die einen Bleistift führt und so fort.

Wer Bleistift sagt, darf natürlich den Bleistiftspitzer nicht vergessen. Was heute so nebenher auf einem Bleistift-geführten Schreibtisch steht, nämlich die Spitzer-Dose, hat eine lange Entwicklung hinter sich. Von der Drehscheibe, an der man den stumpfen Stift hielt, entwickelte sich das Bleistift-Spitzen zu einem Handwerk, in Gestalt eines Master-Betriebs, bei dem man die Stifte nachschleifen ließ wie Messer beim Scherenschleifer. In der Hauptsache freilich glichen viele Spitzer Artefakten im Matchbox-Format.

Alexander Kluys Essay ist eine Liebeserklärung an den Bleistift. Wenn man das Lese-Bändchen an der letzten Seite eingeschlagen hat, um die Lektüre zu beenden, überfällt einen sofort aufgewühlte Unruhe: man muss sofort den nächstbesten Bleistift in die Hand nehmen, um sich abzureagieren.

Und das Schönste: wer einen Bleistift in der Hand hält, weiß in Echtzeit seiner Produktion, was er sagen oder zeichnen will. Ein Bleistift kennt keinen Leerlauf an Sinn.

Alexander Kluy, Der Bleistift. Eine kleine Kulturgeschichte, Abbildungen
Innsbruck: Limbus Verlag 2025, 96 Seiten, 15,00 €, ISBN 978-3-99039-277-5

 

Weiterführender Link:
Limbus Verlag: Alexander Kluy, Der Bleistift

 

Helmuth Schönauer, 06-01-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Alexander Kluy
Buchtitel:
Der Bleistift. Eine kleine Kulturgeschichte
Erscheinungsort:
Innsbruck
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
Limbus Verlag
Seitenzahl:
96
Preis in EUR:
15,00
ISBN:
978-3-99039-277-5
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Alexander Kluy, geb. 1966, lebt in München.