Wenn man die weite Welt nur eng genug fasst, hat man sie bald vollends im Griff und sie frisst einem aus der Hand. Alfred Paul Schmidt schrumpft in seinem Roman „Diese weite Welt“ das Universum auf die Stadt Graz herunter, der er den wundersamen Namen Schenn gibt, was schnell ausgesprochen etwa „schön“ bedeuten könnte. Und weil es so schön ist, heißt auch der Fluss Schenn, an den die Stadt angedockt hat.
Ich-Erzähler, Protagonist und Antreiber für exzessives Denken ist Christian Leitner, Schriftsteller und siebenundvierzig Jahre alt, was ein gewisser Anachronismus ist, denn üblicherweise sind erzählende Schriftsteller allemal in Ruhestand. Aber das ist der Held vielleicht auch, denn er geht keiner geregelten Arbeit, ja nicht einmal geregeltem Schreiben nach. In der Hauptsache streift er durch die Stadt und bleibt am Lokal Neger hängen, dessen Namen man gerade noch aussprechen darf, weil es sich um einen Traditionsbetrieb handelt, der nichts für Political Correctness kann.
In drei Kapiteln durchpflügt Christian Leitner seine Welt, die er durch diesen Roman mit seinen Anhängern teilt. Immerhin hat er bislang schon drei Verlage bei ihrem Konkurs begleitet, wobei unklar ist, ob seine schier unverkäuflichen Werke dafür Anlass waren. Aktuell ist er beim Keiper Verlag unter Vertrag, der offensichtlich ein gutes Händchen hat, um unverkäufliche Werke für die Unsterblichkeit zu pushen. In einem Nebengespräch erfahren an der Literatur Interessierte, dass seine drei letzten Werke 250-mal über den Verkaufstresen gegangen seien, für die Österreichische Gegenwartsliteratur ist das gar nicht so schlecht.
Das Bild von einem Denkschäfer nistet sich im Erzähler ein und bestimmt die Dramaturgie. Ähnlich einem Schäfer wandert der Dichter mit seinen äsenden Schafen durch das Gelände, mal muss er die Gedanken zusammentreiben, mal haut ihm ein Gedankengang ab und wird vom Wolf gefressen. Wenn ein Gebiet abgegrast ist, kommt das nächste dran, so bleibt die Gedankenlandschaft frisch und fruchtig wie die Steiermark, die direkt an Schenn anschließt.
Die drei Kapitel könnte man als drei Weidezonen für denkende Menschen deuten.
- Im ersten Teil geht es um das Erstellen von Exposés für das Theater, um das Wesen der Kunst in einem widerspenstigen Umfeld, um die Notwendigkeit von Utopien für die vage Deutung der politischen Zukunft des Gemeinwesens.
Das politische Personal in Schenn ist einmalig, führt doch eine kommunistische Bürgermeisterin eine moderne Stadt in eine barocke Zukunft, worin der Staat als verschnörkeltes Gebilde auftreten wird.
Persönlich neigt der Erzähler dazu, Gedanken mit Gesprächen zu unterfüttern und diese mit Getränken zu hinterlegen. Die drei G (Gedanken, Gespräche, Getränke) bestimmen den Ablauf des Tagwerks eines Flaneurs. Die Leser werden alle paar Seiten direkt angesprochen, manchmal wird ihnen etwas im Stil jener Betulichkeit erklärt, mit der in der Trinkszene oft der unterschiedliche Alkoholpegel überwunden wird.
- Im mittleren Teil kommt es, sinnigerweise begleitet mit Überlegungen zur Musik Schönbergs, zu einer einschneidenden Veränderung des Denkschäfers. Er widmet sich der Sanierung seines Körpers, was eine halbjährliche Probeabstinenz zur Folge hat. Während es den Gedanken egal ist, ob sie angetrunken oder nüchtern auf die Weide geführt werden, tun sich für den Dichter neue Welten auf, und das in der ohnehin schon weit gedeuteten Welt von Schenn. Über ein kleines Kräutergärtlein am Schlossberg lernt er eine gewisse Daniela kennen, deren Art die Welt zu deuten eine neue Textur der Erkenntnis forciert.
Halbwegs saniert lässt sich der Held noch eine Operation angedeihen, die er hauptsächlich dazu nützt, sich mit Kant und seinem Freiheitsbegriff auseinanderzusetzen.
- Im dritten Teil knüpft der Erzähler fünf Jahre nach seiner Gallenoperation wieder an das Denken an, das ihm seinerzeit wegen der Abstinenz im Stammlokal Neger fast verlorengegangen wäre. Inzwischen ist viel Denker-Gras über die früheren Ideen und Spintisierereien gewachsen, das Leben des Schriftstellers ist erstaunlich stabil geworden und wird von der Geliebten und dem Kräutergarten bestens eingehegt. Aus dieser nüchternen Betrachtung heraus lassen sich die Grenzen der Literatur und des Literaturbetriebs radikal beschreiben. Der Markt hat keine Verwendung für Schriftsteller diffuser Lebensart, da ist es schon besser, die Wahrheit auszusprechen und die Schuld vom Markt zu nehmen.
„Ich lebe von der Tätigkeit der Frau an meiner Seite, deren Idee, einen Kräutergarten anzulegen und gemeinsam zu bearbeiten, hat sich als hinreichend ertragreich erwiesen.“ (83)
In Rückblenden erscheint das frühere Leben vage und fremd und wird nur deshalb ans Tageslicht zurückgeholt, um ein historisches Fundament zu legen für das jetzige Denken. Die Geschichte darf nicht verdrängt werden, auch die eigene nicht.
So kommt es zu einem idealen Zustand für das Denken: Die Vergangenheit ist besiegt, der Traditionsbetrieb Neger fuhrwerkt ungebrochen, die Gedanken schießen ohne die Budweiser Hülsen im Hintergrund geradezu aus dem Kopf, Schenn ist kommunistisch und einzigartig, und die Gedanken aus der Weite der Stadt, lassen sich fallweise als Utopie auf die ganze Welt übertragen.
Was denn die Begründung sei, warum die Stadt Schenn die Armen aus der ganzen Welt in ihre Welt aufnehmen sollte, wird der Denkschäfer gefragt.
„Ganz einfach: Der Reiche lebt, im Unterschied zum Armen, beständig in der Angst, bei ihm ist was zu holen, deswegen ist sein Geiz pathologisch. Reichtum ist eine kranke Gesundheit.“
Wenn also in der Stadt nichts zu holen ist, kommt auch niemand mehr, um sich darin anzusiedeln. Somit wäre die Migrationsfrage gelöst.
Alfred Paul Schmidt verknüpft elegant diverse Essays zu einem Abenteuerroman des flanierenden Denkens.
Alfred Paul Schmidt, Diese weite Welt. Streifzüge eines Denkschäfers, Roman
Graz: edition keiper 2025, 156 Seiten, 21,00 €, ISBN 978-3-903575-56-4
Weiterführende Links:
edition keiper: Alfred Paul Schmidt, Diese weite Welt
Wikipedia: Alfred Paul Schmidt
Helmuth Schönauer, 03-01-2026