Raimund Bahr, In der Zeit, die kommen wird

h.schoenauer - 23.03.2026

Raimund Bahr, In der Zeit, die kommen wirdEine Revolution bringt einen nicht weiter, selbst wenn sie gelingt, steht man immer noch am gleichen Fleck und schaut bloß in eine andere Richtung.

Raimund Bahr beginnt seine Eintragung im aktuellen Journal mit einer Überlegung als braver Staatsdiener. Zwar darf er mit Hingabe die revolutionären Schriften Bakunins lesen, aber als staatstreuer Unterrichter ist er verpflichtet, die Jugendlichen System-tauglich in die Zukunft zu führen. Dabei liegt ein großer Widerspruch zwischen dem, was an hehren Zielen in den Lehrplänen steht, und dem, was im Alltag zählt, nämlich die kapitalistische Ordnung mit dem permanenten Geldfluss von unten nach oben nicht zu stören.

Raimund Bahr versucht drei Schattierungen des sinnvollen Lebens als Beruf auszuüben. Für das Brot unterrichtet er an einer Schule, für die Kreativität leistet er sich den Habitus eines Schriftstellers, und für das Abschleifen an der Realität übt er die Tätigkeit eines Verlegers aus.

Im Journal der Jahre 2023-25 werden diese drei Bereiche abwechselnd aufgemischt wie bei einem Kartenspiel und als Patience ausgelegt. Denn die einzelnen Einträge handeln vor allem von der Geduld und dem langen Atem, die es für alles braucht, was einen zum Unterschied zur Revolution tatsächlich weiterbringen kann.

Und allen drei Themen liegt ein melancholischer Ton zugrunde. Als Lehrer kennt der Autor sein Ablaufdatum und arbeitet darauf hin, als Autor hat er Angst, schon alles gesagt und geschrieben zu haben, als Verleger leidet er unter dem proklamierten Ende der gesamten Buch-Zunft, auf das an manchen Tagen alles Gedruckte und Gebundene hinsteuert. Über allem droht als dunkler Gedankenpate Günther Anders, der in seinen Schriften vor allem die Zerstörung der Humanität als Ursache für den Verfall der zivilisierten Welt analysiert.

Die einzelnen Abschnitte sind lakonisch mit einem Datum und der Uhrzeit des Entstehens dokumentiert und chronologisch eingeordnet. Bemerkenswert an dieser „Beurkundung“ ist das Verrutschen der Satzzeichen in der Datumsangabe, sodass eine Ziffernfolge entsteht, deren Dechiffrierung man jedes Mal neu angehen muss.

Die sogenannten „Schultexte“ sind mit Sternchen gegendert und erzeugen schon bei der Lektüre eine gewisse Aggression: Wie kann man philosophieren, indem man die Sprache visuell, akustisch und grammatisch zerstört? Solange dieser Genderfimmel durch die Bildungsanstalten weht, kann man die Bildung vergessen, ist man versucht zu sagen.

Glücklicherweise beschränken sich diese unlesbaren Einträge auf ein paar Tage und sind wohl einer gewissen depressiven Unterwürfigkeit geschuldet, die den Lehrer befällt, wenn er als Autor schreibt.

Als Autor leistet sich der Journal-Verfasser (Journalist) wundersame Spaziergänge am See, Witterungen, die gefühlt noch nie auf diese Landschaft gefallen sind und einen Zyklus über die Vergänglichkeit der Jahreszeiten, die an Ovidsche Metamorphosen erinnern.

Als kulturpolitischer Faden zieht sich das Thema „Boomer“ durch den Text. Diese Generation leidet darunter, dass sie immer zu spät gekommen ist, immer zu massig aufgetreten ist und schließlich als überflüssig empfunden wird.

Aus diesem Gefühl heraus wird auch die Literaturgeschichte gedeutet, die manchmal Größen herausbringt, welche auch als Sackgassen oder Endpunkte gedeutet werden müssen. Nach Kafka gibt es eben nichts mehr, was in diesem Stil und Lebensstil fortgeführt werden könnte. Die Endpunkte dieser Literaturbetrachtung übertragen sich manchmal auf die philosophierende Psyche: 

„Etwas ist in mir zum Stillstand gekommen. Dieser unbändige Wille meinem Leben einen Sinn geben zu wollen.“ (23)

Und verlässlich rappelt sich der Verleger am nächsten Tag wieder auf und beschließt, neue Formen des Romans zu suchen, diese aufzuschreiben oder gar zu verlegen.

Die Dreierkombination von sinnvollen Tätigkeiten erweist sich als der Münchhausensche Schopf, mit dem man sich zumindest in einem Segment immer wieder aus dem Sumpf herausziehen kann, ‒ mit etwas Glück kommt man als Ganzes aus dem Sinn-Loch.

Das Altern erweist sich als größte Innovationskraft beim Denken. Immerhin ermöglicht gerade das Alter, immer wieder Neues zu entdecken, ohne in das Muster eines bestehenden Lehrplans zu verfallen. Die Schönheit des Alterns wird mit dem Begriff „Senilium“ gekrönt, eine Koseform von Senium. ‒ Das Historische ist wahrscheinlich das Einzige, was Generationen im Kern gemeinsam haben. (68)

Das Verlegerische wird gerade wegen der scheinbaren Aussichtslosigkeit des Unterfangens dynamisch und kraftvoll analysiert. Schon immer sind höchstens zwei Prozent der anfallenden Romane eines Jahrgangs in der Germanistik gelandet und von dort aus in den jeweiligen Bildungskanon gehievt worden. Der sogenannte Selbstverlag ist somit eine Art Selbstverteidigung gegen den Strom des Vergessens.

In einem didaktischen Einschub wird das Märchen vom Dorfschreiber entwickelt, worin sich Stoff, Schrift und Vertrieb harmonisch vor einem edlen Dorfpublikum ausbreiten lassen.

Ein Genre, das dem Dorfmärchen ziemlich nahekommt, wenn auch von einer anderen Seite her, wäre das Gebet. Vielleicht sollte ich nur mehr Gebete schreiben, heißt es verheißungsvoll resignativ.

Aber der Titel bleibt eine rätselhafte Leerstelle und lässt die Zukunft offen, „In der Zeit, die kommen wird“. Diese Fügung zwingt die Leser geradezu dazu, sich etwas auszudenken, was kommen wird, dabei ist jede Deutung oder Beschlagwortung zulässig.

Raimund Bahr, In der Zeit, die kommen wird. Journal 2023-25
St. Wolfgang: Edition art science 2025, 122 Seiten, 15,00 €, ISBN 978-3-903335-48-6

 

Weiterführende Links:
Edition art science: Raimund Bahr, In der Zeit, die kommen wird
Wikipedia: Raimund Bahr

 

Helmuth Schönauer, 31-01-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Raimund Bahr
Buchtitel:
In der Zeit, die kommen wird. Journal 2023-25
Erscheinungsort:
St. Wolfgang
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
Edition art science
Seitenzahl:
122
Preis in EUR:
15,00
ISBN:
ISBN 978-3-903335-48-6
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Raimund Bahr, geb. 1962 in Mödling, lebt in St. Wolfgang.