Was sich wie ein kontrollierter Fluch einer seelisch austarierten Person anhört, entwickelt sich im Verlaufe des lyrischen Prozesses zu einer Sucht. „Herr Gott noch mal“ kann eben auch den Wunsch ausdrücken, etwas möge noch einmal geschehen.
Oswald Blassnig bedient sich für die poetische Dokumentation täglicher Sinnfragen der Form des lyrischen Gebets. Im Vorwort spricht der Theologe Paul Zulehner von einem diskreten Gebetsraum, worin sich Staunen und Dankbarkeit abwechseln.
Aus germanistischer Sicht könnte man den Gedichten ein formales Andocken an gewisse Strophen des Georg Trakl attestieren, thematisch sind die Texte oft in der Nähe eines n. c. kaser, was das Sprichwörtliche der Gebete betrifft. Und der suggestive Zugang zur Transzendenz eines frühen Thomas Bernhard sei auch erwähnt, der im frühen Gedichtband „In hora mortis“ stets seinen Herrn anruft.
Jenseits von Theologie und Germanistik lässt sich der ironische Fluch „Herr Gott noch mal!“ als humoristisch angelegter innerer Monolog lesen. Dabei tritt nur ein Teil des Gedichts an die Öffentlichkeit, indem es im Gedichtband notiert wird, der andere Teil bleibt intim und geheimnisvoll. Denn es bleibt augenzwinkernd offen, wie realistisch dieser Herr die Patenschaft über seine Gebete zulässt.
„Gebet des Atheisten // Herr, / ich danke dir, / dass du mich / im Glauben lässt / nichts zu glauben.“ (41)
Diese schelmische Dialektik hat sich der Autor in seinem Ringen um die Aufarbeitung einer streng religiösen Erziehung mühsam erarbeitet, ehe er über das Schlupfloch des Humors zu einer heiteren Sicht von Diesseits und Jenseits gekommen ist.
„Alltagsgebet // Herr, / geh einmal mit mir / in meinen Alltag hinein! / Es sollte nicht dein Nachteil sein. / Und ich verspreche dir: / Es wird auch nicht / ganz nutzlos sein. // Herr, / geh mit mir dann wieder / aus dem Alltag hinaus! / Und ich verspreche dir: / Es wird die Ruhe sein, / die wir gemeinsam dann genießen, / weit entfernt von allen Lebenskrisen.“ (51)
Der erste Eindruck riecht nach „Pflicht erfüllt“ und referiert an die Erfahrung, wonach man als Schüler täglich sein Gebet herunter murmeln musste, egal in welcher Stimmung man sich bewegt hat. Es kommt nach dieser Erfahrung auf das Ritual des Betens an sich an, der Inhalt ist egal.
Diese Schlitzohrigkeit ist in manchen Gedichten zu spüren, wenn die hohl wirkende Form eines Floskelgebets dann überraschend mit Inhalt gefüllt wird. Dieser Gebetsinhalt lässt sich in den nächstbesten Medien finden, indem dort ebenfalls Nachrichten abgedruckt sind wie Gebete, nach dem Motto, Hauptsache, es steht was in der Zeitung.
Themen für solche Gebetsgedichte sind etwa Zeitgeist, LGBTQ, Titelgeier, Krankenhaus, Kartenhaus, Spießbürger oder Depression.
Manchmal werden diese Themen zu einem Genre aufgemotzt, wenn es etwa um das Gebet eines Schülers geht, um ein Bergsteigergedicht oder um das Gebet eines Tirolers überhaupt.
„Gebet eines Tirolers // Herr du weißt, / die Turn- und Sportfraktion / geht nicht so gern / zur Kommunion. // Sie kämpft doch lieber / ganz verbissen um Sekunden, / und versucht nur eins: / Die Anderen zu überrunden. [...]“ (74)
Aus zeitgenössischer Sicht handeln diese Texte vom Rückzug der Religion als politische Kategorie und die Umwandlung allgemein gespielter Religiosität in das tatsächlich Intime, das in reiner Form oft nur mehr in der Lyrik zu finden ist. Der Ton, den Oswald Blassnig dabei anschlägt, ist ein sehr abgeklärter, früher hätte man „weise“ dazu gesagt. Hinter den einzelnen Flashs, die jäh über die Seite jagen, steckt die Gelassenheit nach dem Sprichwort „Papier ist geduldig“.
Mit dieser Verschiebung ins Unaufgeregte kommentiert der Autor das Ausgeistern einer Generation mit Gedanken, die von der öffentlichen Welt nur mehr als intimer Diskurs mit einem unbekannten Adressaten gedeutet wird. Und dabei eignet sich die lyrische Welt bestens, mit sich ins Reine zu kommen.
Für diese „Reinheit“ sorgen auch die Aquarelle, denen man die gleiche Aufmerksamkeit wie den Gebeten schenken sollte, tragen sie doch einladende Titel wie Kerngesund / Man hört es läuten / Das Jahr ist noch jung / Unerhört / Auf dem Weg.
Die zweite Bedeutung des Titels eignet sich besten für einen frohen Ausblick nach der Lektüre: „Gebet nach einem Glücksfall // Herr Gott noch mal!“
Oswald Blassnig, Herr Gott noch mal! Mit einem Vorwort von Paul Zulehner. Mit Aquarellen des Autors
Wien: Verlag Der Apfel 2025, 116 Seiten, 28,90 €, ISBN 978-3-85450-020-9
Weiterführende Links:
Verlag Der Apfel: Oswald Blassnig, Herr Gott noch mal!
Wikipedia: Oswald Blassnig
Helmuth Schönauer, 28-01-2026