„Der wirksamste Befehl sei aber jener, den man gar nicht mehr explizit erteilen müsse, sondern der sich als Zwangsläufigkeit aus den Umständen ergebe. Die aber durchaus vorab zu gestalten seien.“ (15) Es ist natürlich lange her, dass so gedacht worden ist, und wahrscheinlich trifft diese Vermutung über den Befehl uns durch Algorithmen orientierungslos Gewordene so ins Herz, weil diese Vermutung selbst zu einem Befehl geworden ist, der uns auch nach Jahrhunderten noch erreicht.
Orhan Kipcak hat eine Erzählmethode gefunden, mit der er die vom vielen Lesen abgestumpften Menschen hellwach und neugierig werden lässt. Er verwendet für seine Hingucker-Titel das Alphabet, was vor allem bei Bibliothekaren gut ankommt, welche die Welt ausschließlich nach dem Alphabet ordnen.
Ergänzt werden die Titel-Buchstaben mit jeweils einem griffigen Sehnsuchtswort, wie beispielsweise Kakanien, wodurch noch vor dem ersten Aufschlagen des Buches eine Erwartungskette in Gang gesetzt wird.
Apropos Buch, jede dieser Buchstaben-Monographien trägt eine eigene ISBN Nummer und gilt als selbständiges, abgeschlossenes Werk, wenngleich etwa beim Kakanien-Band eine Fortsetzung als Boa angekündigt ist, die aber noch nicht erschienen ist.
Am Markt sind mittlerweile zehn Bände, die als „Fumetti“ beworben werden, wie italienische Comics in visuellen Gourmet-Kreisen beschrieben werden.
Wesentlich sind natürlich die Zeichnungen, die zum elementaren Informationsträger werden, was Größe und Hinterhalt des Eindrucks betrifft. Im Falle von Kakanien erwecken die sieben Zeichnungen von Norbert Gmeindl den Eindruck einer skurrilen Anatomie, wie wir sie aus dem üppigen Phantasiereich von Herzmanovsky-Orlando kennen. Eine Giraffe hält Mittagsschlaf, römische Legionärs-Helme sausen wie moderne Drohnen ohne soldatischen Korpus über ein Gelände, ein Elefant wird diversen Strahlungen und Strömungen ausgesetzt, um seine Empfänglichkeit für Hypnose zu testen.
Womit wir endlich beim Kakanien-Text sind, der sich einer militärisch-staatstragenden Überlegung annimmt, ob nämlich Hypnose die Befehlsgewalt verstärken könne. Zu diesem Zweck treffen sich auf höchster Ebene Entscheidungsträger und diskutieren in drei Szenen über animalischen Magnetismus und seine Implementierung in die Kunst der Hypnose.
Im ersten Setting drängt sich eine versenkbare Schreibmaschine in den Vordergrund und macht die Hofräte staunen, wie klar sich damit Thesen und Perspektiven entwickeln lassen.
Im zweiten Akt zelebrieren Hofräte die hohe Kunst des Salonierens, rund um ein Kanapee werden diverse Führungskräfte einander vorgestellt und auf interessanten Gesprächsstoff abgeklopft.
Im dritten Teil trägt ein Hofrat Krauss schließlich Trainingsprojekte vor, die er im Tiergarten Schönbrunn mithilfe eines Hypnoseapparats an diversen Gattungen durchgeführt hat. – Fazit:
„Der Hypnoseapparat funktioniere bei allen Säugetieren äußerst zuverlässig. Auf uns warten große Taten.“ (20)
Dieser Essay über das Denken im alten Stil besticht durch seine Patina, die wie ein Hitzeschild die Gedanken durch die Zeiten trägt. So in etwa könnten im fiktiven Kakanien, das in der Literatur ja als Vorbild für ein fiktives Österreich dient, Gedanken entwickelt, Wissenschaft betrieben und Bildung verwaltet werden.
Hinter allem steckt ein militärischer Sound Marke Prinz Eugen, der das fiktive Reich mit realen Abwehrmaßnahmen an der Außengrenze zusammenhält. Wenn sich der forschende Geist mit dem Militärischen verbindet, entstehen geniale Erfindungen. (5)
Ein Schwenk auf ein x-beliebiges gegenwärtiges Denkzentrum in der Hauptstadt zeigt die große Übereinstimmung des Fumetto-Textes mit dem, was wir gerüchtehalber aus den Ministerien mitkriegen.
Und geradezu beiläufig lässt ein Hofrat das Wesen des Staates und seiner Befehlsketten fallen, indem er den idealen Befehl formuliert. „Der Befehl verschwindet dann im Notwendigen. Ein derart unsichtbarer Befehl braucht keinen sichtbaren Körper mehr. Nur in Augenblicken der Krise muss sich die Autorität verkörpern – dies ist der Moment, in dem Haltung alles ist!“ (15)
In dieser Tonart erzählt sich Orhan Kipcak durch das Universum des Alphabets. Zehn Teile sind schon erschienen und locken mit ungewöhnlichen Titeln und Beschlagwortungen wie etwa:
X – wie Xenophon: Schamanische Graphologie in den 1930er Jahren.
H – wie Haimon: Geburt einer balkanischen Nation aus Wissenschaft und Poesie.
C – wie Cowboy: Ein Emigrant, das Lied der Prärie und die Russen in Wien.
G – wie Ganglion: Besichtigungen eines romantischen Gedankens enden fatal.
D – wie Diktaphon: Disput zwischen Diktiergerät, Kassette und Autor.
Orhan Kipcak, K – wie Kakanien. Aus dem Plotlexikon, Fumetto, mit sieben Zeichnungen von Norbert Gmeindl
Wien: Edition mono/monochrom 2025, 24 Seiten, 12,00 €, ISBN 978-3-903549-06-7
Weiterführende Links:
Edition mono/monochrom: Orhan Kipcak, K – wie Kakanien
Homepage: Orhan Kipcak
Helmuth Schönauer, 06-02-2026