Erfolgreich Lesende verfügen über die Fertigkeit, Wörter akkurat und automatisiert in angemessener Geschwindigkeit zu dekodieren. Diese Fertigkeiten werden unter dem Begriff „Leseflüssigkeit“ zusammengefasst. Auch wenn sie notwendig sind, um ein sicheres Leseverstehen zu entwickeln, so sind sie nicht ausreichend. Trotzdem konzentriert sich die schulische Förderung von Leseflüssigkeit bisher hauptsächlich auf diese Aspekte. Das Potenzial prosodischer Kompetenzen bleibt dagegen didaktisch ungenutzt …“ (S. 13)
Die wissenschaftliche Arbeit „Lernpotenziale prosodischer Leseförderung“ geht der Frage nach, inwiefern sich die Förderung der richtigen Betonung beim Lesen auf das Verständnis des Gelesenen auswirkt und damit eine sinnvolle Erweiterung der traditionellen Leserförderung im schulischen Unterricht darstellen kann.
In der Einleitung wird der zentrale Begriff der „Prosodie“ erläutert, unter den alle rhythmischen, melodischen und akzentuierenden Aspekte der Sprache, wie z.B. Intonation, Lautstärke, Pausen u.a. verstanden werden, die sowohl das Sprachverständnis als auch die soziale Interaktion beeinflussen.
Das Kapitel „Entwicklung prosodischer Kompetenz“ geht der Entwicklung prosodischer Kompetenz in verschiedenen Lebensabschnitten von 0-6 Jahren und von 5-19 Jahren nach und zeigt deren Rolle für die Wahrnehmung von Sprache und das Lesenlernen auf. Dabei wird für den schulischen Bereich die Bedeutung der Prosodie für die Förderung der Lesekompetenz in der 1.-3., 4.-7. Und 8.-13. Klasse näher aufgezeigt.
Um erfolgreich sinnerfassend zu lesen, muss neben dem korrekten, schnellen und mühelosen Dekodieren auch mit gutem Ausdruck und Betonung artikuliert werden. Dabei soll das Leseverstehen durch die Bildung von Sprechgruppen gefördert werden, die eine prosodische Einheit bilden. Plakativ gesagt eine Portion von Wörtern, die gut zusammenpassen und deshalb leicht zu merken sind und durch die entsprechende Betonung leichter verständlich gemacht werden.
Als theoretische Grundlagen werden die Terminologien prosodischer Gliederung erläutert wie Rhetorisches Kolon, Linguistische Begriffe wie Sprechakt, Syntagma, Phrasierungs- und Intonationseinheit sowie die sprechwissenschaftlichen und sprecherzieherischen Begriffe Sinnschritt, Atemgruppe, Gliederungseinheit und Rhythmische Gruppe.
In einem zweiten Teil wird die dazugehörige Interventionsstudie vorgestellt, an der zwei 6. Klassen als Interventionsgruppe und Kontrollgruppe teilgenommen haben. Die Interventionsgrupp absolvierte fünf Wochen lang Übungen zur prosodischen Leserförderung deren Testergebnisse mit der Kontrollgruppe ohne Übungen verglichen wurden. Dabei konnten sich für das Textverständnis signifikante Verbesserungen erkennen lassen.
Ein überaus informatives Sachbuch, das einen interessanten Aspekt der Leseförderung in den Mittelpunkt stellt und aufzeigt, dass die Prosodie nicht nur eine ästhetische Ergänzung beim sinngestalteten Lesen, sondern auf allen Niveaustufen ein wichtiger Teil beim Erwerb der Lesefähigkeit sein kann.
Das Lesen in Sprechgruppen wird dabei als mögliches Instrument zum sinnerfassenden Lesen nicht nur für literarische Texte im Deutschunterricht, sondern auch von Sachtexten verstanden, mit dem das Textverständnis gefördert werden kann. Ein überaus empfehlenswertes Sachbuch für alle im Bildungsbereich, die sich für Leseförderung interessieren.
Inga Rottinghaus-Höfer, Lernpotenziale prosodischer Leseförderung. Theoretische Grundlagen und empirische Erkenntnisse
Bielefeld: WBV 2026, 156 Seiten, 51,30 €, ISBN 978-3-7639-7967-7
Weiterführender Link:
WBV: Inga Rottinghaus-Höfer, Lernpotenziale prosodischer Leseförderung
Andreas Markt-Huter, 02-03-2026