Nicholas Potter, Die neue autoritäre Linke

Andreas Markt-Huter - 12.06.2026

Nicholas Potter, Die neue autoritäre Linke„Große Teile dieser Linken haben sich spätestens seit dem 7. Oktober inhaltlich und ideologisch verrannt. Sie haben sich selbst verraten. Wo sind sie bloß falsch abgebogen? Oder tickten sie schon immer so und haben jetzt endlich den Mut, das sagen zu dürfen, woran sie immer glaubten?

Ausgehend vom Massaker am 7. Oktober 2023 bei dem knapp 1.200 Juden der Terrororganisation Hamas zum Opfer gefallen sind, geht Potter der Frage nach, wie sich große Teile der Linke auf die Seite der Täter stellen konnten und seither in gewaltsamen Demonstrationen gemeinsam mit Islamisten gegen Israel auftreten und einen offenen Antisemitismus zur Schau stellen.

In seiner Einleitung geht der jüdische Autor, der für die deutsche taz schreibt und sich selbst politisch links einordnet auf seine persönlichen Erfahrungen mit der radikalen Linken seit dem 7. Oktober 2023 ein. Nach seinen Berichten aus Israel über das Massaker wird er persönlich mit dem Tod bedroht.

Im ersten Kapitel „Das Netz der Aktivisten – Wie sich die neue Linke organisiert“ wird gezeigt, wie sich unterschiedliche linke Gruppen mit islamistischen Gruppen, aber interessanterweise auch einer jüdischen antizionistische Gruppe, verbinden und antiisraelische Demonstrationen und Veranstaltungen organisieren. Dabei tritt auch die klare Anwendung von Gewalt sowie die Deutung des Massakers als politischen Widerstand in den Fokus der Darstellung.

In weiterer Folge geht der Autor der ideologischen Rechtfertigung für den Terror nach, der von den linken Gruppierungen als Widerstand interpretiert wird. Ausgehend vom Antiimperialismus, den die Linke bereits in der Vergangenheit propagierte, radikalisierte sich die Bewegung durch verschiedenen Dekolonialismus -Doktrinen, die sich vor allem durch ein ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken, das nur Opfer und Täter kennt und in dem der weiße Westen für das Unglück in allen anderen Regionen verantwortlich gemacht wird. Dabei wird Israel als weiße Kolonialmacht verstanden, sodass die Palästinenser in ihrem Freiheitskampf gegen ihre Unterdrücker mit allen Mitteln unterstützt werden müssen.

Das Kapitel „Die strategische Unterwanderung – Wie Bewegungen infiltriert werden“ zeigt, wie in linken Parteien und Bewegungen das Klima durch radikale Aktivisten zunehmend israelfeindlich und antisemitisch verändert wird. Dabei wird diese Entwicklung vor allem durch soziale Medien gesteuert und verstärkt.

„Wer Gegenrede leistet, muss teilweise mit massiven Einschüchterungen, Beleidigungen oder Mobbing rechnen.“ (S. 77)

Das folgende Kapitel schildert wie die radikale Linke gezielt durch Bedrohung von Journalisten Druck auf die Presse ausübt. Dabei wird ein gewalttätiger Angriff auf einen Fotojournalisten geschildert, der über eine Palästina-Kundgebung berichtet hat. Zudem habe sich gezeigt, dass Angriffe auf die Presse häufig einen antisemitischen Anklang aufweisen oder kritische Presseberichte überhaupt als „zionistische Lügner“ diskreditiert wird.

Ein wesentlicher Teil der radikalen linken Bewegung bilden der „digitale Empörungsaktivismus“ in den sozialen Medien aber auch die Universitäten, die von radikalen Linken als Kulisse extremistischer Proteste herangezogen werden, wobei sich gerade die Universitäten, sich als Zentren der Gewalt und des Antisemitismus von linken und islamistischen Gruppen gezeigt haben. Weitere Orte der linken Radikalisierung finden sich in Teilen der Popkultur, der Musik zur Radikalisierung beiträgt. Ein eigenes Kapitel zeigt an zahlreichen Beispielen, wie die Radikalisierung der Sprache zunehmend auch Gewalt nach sich zieht.

Die abschließenden Kapitel geht der Frage nach, was gegen die autoritäre Entwicklung der Linken und den Islamismus unternommen werden muss und welche Gefahren von ihr ausgehen. Dabei wird auch die schwierige Rolle von Polizei und Staat angesprochen aber auch auf die Gefahren eines Polizeistaates hingewiesen.

Nicholas Potter bietet einen informativen Einblick in die linke radikale Szene, die sich vor allem seit dem Hamas-Angriff nicht nur in Deutschland zunehmend radikalisiert, sondern auch mit islamistischen Gruppen verbündet hat. Wie viele ehemalige Link scheint auch der Autor von der politischen Neuausrichtung auf Dekolonialismus-Theorien der Linken und dem zunehmenden Antisemitismus in vielen Bereichen verwirrt und konsterniert zu sein.

Ein lesenswertes Sachbuch mit viel Sachwissen und Hintergrundwissen, das anhand zahlreicher Beispiele und Fakten eine bedrohliche Entwicklung aufzeigt, die viele westliche Gesellschaften bedroht.

Nicholas Potter, Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft
München: dtv 2026, 256 Seiten, 20,60 €, ISBN 978-3-423-26448-8

 

Weiterführende Links:
Dtv: Nicholas Potter, Die neue autoritäre Linke
Wikipedia: Nicholas Potter

 

Andreas Markt-Huter, 05-05-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Nicholas Potter
Buchtitel:
Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft
Erscheinungsort:
München
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
dtv
Seitenzahl:
256
Preis in EUR:
20,60
ISBN:
978-3-423-26448-8
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Nicholas Potter wurde in Großbritannien geboren und studierte Englische und Deutsche Literatur am King’s College London. Er arbeitete für die Amadeu Antonio Stiftung und ist seit 2024 als Journalist und Redakteur bei der taz tätig. Er lebt in Berlin.