Eric Erhardt, Im Klauhof

h.schoenauer - 25.09.2026

Eric Erhardt, Im KlauhofDie Literatur lässt die schöne Annahme zu, dass unendlich viele Welten ineinander gesteckt auf uns einwirken. Jede Welt, die wir aufrufen, begegnet uns mit eigener Sprache, die manchmal mit unserer Erfahrung zur Deckung gebracht werden kann, oft aber auch ein Eigenleben entwickelt, dem wir nur bedingt hinterher huschen können.

Eric Ehrhardt nimmt sich „Im Klauhof“ die Welt der Waren, des Scheins und der damit verknüpften Emotionen vor. Der „Roman“ handelt von „Warenbegebenheit“, also Begebenheiten, wie sie täglich unbegrenzt am Globus verteilt vorkommen.

Markanteste Absicht seines fiktionalen Textes ist das Aufsuchen einer neuen Semantik. Sie ist an die deutsche Sprache zumindest vom Hörensagen geknüpft. Mit ihren Wurzeln ist sie freilich an Subsprachen angelehnt, wie sie etwa das Jenische darstellt, deren Besitzer seit Jahrhunderten beinahe unerkannt „unter uns“ wohnen, die aber eine Geheimsprache verwenden, wie es der Ausriss aus dem Glossar im Anhang (147) verdeutlicht.

Der Text gibt sich am ehesten als lyrische Komposition, der Satzspiegel ist in funktionale Ebenen aufgebrochen, die zum einen einen lyrischen Strom soeben erschaffener Wörter vorstellen, zum anderen mit dem Augenzwinkern einer Metaebene dem Gelesenen einen ersten Sinnvorschlag liefern. Zudem sind nach der Methode „alphabetische Rasterfahndung“ fettgedruckte Merksätze eingewoben, auf jeder Seite ist schließlich eine Graphik alten Stils eingedruckt. Diese erläuternde Zeichnung ruft mit deklinierter Fingerstellung diverse Zahlenfolgen auf wie Morsezeichen. Dabei gleichen die einzelnen Fingerstellungen in den Umrissen einer Klaue, die ins Bild gehalten wird.

Der Begriff Klaue lässt sich dabei

  • als animalische Gliedmaße,
  • als schlecht geratene Handschrift
  • oder als Werkzeug zum Klauen (Stehlen) deuten.

Alle diese Bedeutungen sind notwendig, um den elementaren Gedankengang von „Klauhof“ zu evozieren.

In einer Genesis der Welt des Konsums und des Scheins werden die vorhandenen Wörter aufgebrochen, indem sie sich als Hörfehler darstellen, die Mitschrift einer Stimmung suggerieren oder graphische Gebilde aus der Welt der Werbebotschaften orthographisch neu ordnen. Meist werden Sonderzeichen, Asteriske und Verweise auf Fußnoten mitten in die Wörter installiert. Am häufigsten ist das Zeichen für eingetragene Marke, zwischendurch sind ganze Absätze zu einem einzigen Pixelhaufen an Markenzeichen aufgeschäumt.

Die zehn Kapitel sind wie Magnetfelder der Semantik ausgelegt und treiben die einzelnen Wörter als Magnetnadeln in eine vorbestimmte Richtung. Markante Schlagwörter sind Einkaufsparadies (Kap.1) / Geben und nehmen (Kap.6) / Die große Preisoffensive (Kap.9) / Im Klauhof (Kap.10).

Dabei scharen sich die Schlagwörter entlang der ausgegebenen Parolen, wie wir es täglich in der Welt der Sonderangebote, Schnäppchen und Rabatte gewohnt sind. Aber noch ehe das Auge aus diesem angelesenen Bombardement flüchten kann, ist die Sprache schon selbst zu einem Bombardement geworden, es herrscht Krieg in allen Formen und Varianten. Die Warenbegebenheit wird in die Geschichte als Kriegserzählung eingehen.

Eric Erhardt entwickelt im Klauhof die Form des assoziativen Essays. Während ein erzählendes Ich die Klau-Abenteuer auf sich einwirken lässt, wuchern parallel sogenannte Fallbeispiele aus dem Tableau, wenn die Marken nicht nur vorgestellt, sondern auch gleich in Aktion genannt werden.

Für sich gesehen ist die Warenbegebenheit genauso logisch wie die Warenwelt. Und offen bleibt die Frage, die sich jeder in Kindertagen schon einmal gestellt hat: Sind die Wörter deshalb da, weil es passende Dinge zu ihnen gibt, oder schafft die Gesellschaft ständig sinnlose Sachen, damit sie neue Wörter dafür erfinden kann?

Die dargestellte Sprache fördert jedenfalls ein unterhaltsames Sprachspiel, das parallel zur sogenannten Wirklichkeit abgewickelt werden kann. Im Klauhof geht es genauso vernünftig und schräg zu wie im offiziellen Kaufhof – alle reden davon, aber niemand hat den Durchblick.

Wahrscheinlich ist auch die Sprache bloß dazu da, dass wir sie konsumieren.

Eric Erhardt, Im Klauhof. Nach einer Warenbegebenheit
Klagenfurt: Ritter Verlag 2026, 149 Seiten, 21,00 €, ISBN 978-3-85415-700-7

 

Weiterführender Link:
Ritter Verlag: Eric Erhardt, Im Klauhof

 

Helmuth Schönauer, 31-05-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Eric Erhardt
Buchtitel:
Im Klauhof. Nach einer Warenbegebenheit
Erscheinungsort:
Klagenfurt
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
Ritter Verlag
Seitenzahl:
149
Preis in EUR:
21,00
ISBN:
978-3-85415-700-7
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Eric Ehrhardt, geb. 1989 in Magdeburg, lebt in Zürich.