Aria – etwas zwischen Luft und Lied. Denk dir, die Sonne war da, heißt es zudem im Eingangsspruch zu den Gedichten. Anne Marie Pircher lässt knapp siebzig Gedichte auffliegen aus ihrem Band, sie sitzen locker und springen aus dem Untergrund, dem Wetter, dem Gehölz heraus, oder versammeln sich vogelähnlich in der Windströmung, ehe sie sich dann zu einem lyrischen Motiv verklumpen und als Blatt zu Boden segeln.
Als Gliederung und Orientierungsbojen sind vier Vignetten eingelagert, die sich als fragile Naturmotive in den Text hineinschieben und als Geäst, Uferteich, Windblüten oder Zittergras Akzente setzen.
Die einzelnen Gedichte haben ungefähr „Blattgröße“, wie sich schon im ersten Gedicht programmatisch zeigt. „Kapitulation // Mein Blatt hielt lange / stand: am Arm des Nussbaums / zwischen Tanz und Kampf […] // Nun ist Stille dort / wo einst ein Messer / die Luft zerschnitt // das Blatt ein Fall / für die Erde.“ (9)
Die Gedichte sind zudem mit einem markanten Schlagwort als Überschrift ausgestattet, das sowohl Neugierde schafft als auch dem Ordnungstrieb Orientierung gibt, dass man es als Leser in seinen bisher angelesenen Gedichteschatz einordnen kann.
Überschriften mit einem langen Nachhall sind etwa: Verschlag, Landleben, Klarsicht, Auslese, Abfindung, Tauwetter, Ausweg, Taufe, Flugbahn, Dort, Silberfisch.
Auf ein Register wurde bewusst verzichtet, um auf die Vernetzung der einzelnen Texte untereinander zu verweisen, es sollen nicht einzelne Seiten herausgepickt werden, sondern die Handbewegung beim Auf- und Abrollen des lyrischen Fadens soll nicht zu kurz kommen.
Selten rückt das lyrische Ich in die Schlagzeile hinein, wenn es heißt: Ich ging fort. (85)
Bemerkenswert ist auch die Evokation englischer Titel, wie wir sie aus der Hitparade vergangener Jahrzehnte kennen: Lost in Translation, Poetry of Translation, Teen spirit, Close your eyes and listen. Dahinter steckt die Erfahrung, dass im zweisprachigen Kuddelmuddel Südtirols oft das Englische als rettende Jury gilt, weshalb ja auch an manchen Schulen Bozens weltmännisch auf Englisch doziert wird.
Auf der Suche nach dem lyrischen Kern eines Gedichtbandes tut man gut daran, den obligaten Vogel zu suchen, der als deppensicheres Motiv in so gut wie allen lyrischen Publikationen vorkommen muss. Im Falle von „Aria“ wird man schon bei der „Feuertaufe“ (42) erstmals fündig ‒ „Gezeichnet von Krähe und Winter / schließe ich die Tür“. Später schlägt das Vogelmotiv dann noch einmal kräftig zu: „Flugbahn // […] Ich eine Süchtige nach / Aufwind, in dem der Vogel / sein Gewicht / verliert.“ (75)
Die Gedichte sind unspektakulär im Stil, oft ist es das pure Layout, das die Sätze in Schwingung versetzt. Auch dem sogenannten experimentellen Ton hat die Autorin ziemlich abgeschworen, es ist, als hätte sie das Kindheitserlebnis der Unterwerfung auch auf die Lyrik übertragen.
„Unterwerfung // Kind, das ich war / und doch nie Kind / weggederht vom Licht / ins Auge des toten Rehs // Ernst oder Spiel / ein Ton, der vergeht / mit allen Sinnen / wiederkehrt // Ich brauche den Verlust / einer Hand, Gewicht / über die Scham // Das Auge stirbt zuerst / nach und nach / der Rest.“ (70)
Da heutzutage bei jeder literarischen Äußerung einer Autorin auch der feministische Quotient gemessen wird, hier eine raffinierte Stelle, die dem verklemmten Liebesgetue allenthalben die Leviten liest: „In mir Männer / die alt / geworden sind: unbrauchbar / für den Beweis.“ (21)
Übermalt wird dieses Liebesleben freilich mit einer Romanze im alten Stil: „Liebesleben // Auf dem Weg dorthin / verlor sich die Spur / eine Hand, mein Gesicht / Wir wussten nicht / in welchem Land wir irrten / woher wir kamen / Wir webten uns Rätsel / wollten unerkannt bleiben / für jene Freiheit / die Einsamkeit hieß.“ (87)
Da ist sie wieder, jene Aura von „Aria“, die Luft und Lied zugleich bedeuten kann.
Anne Marie Pircher, Aria. Gedichte
Innsbruck: Edition Laurin 2024, 90 Seiten, 19,00 €, ISBN 978-3-903539-44-0
Weiterführende Links:
Edition Laurin: Anne Marie Pircher, Aria
Wikipedia: Anne Marie Pircher
Helmuth Schönauer, 30-06-2026