Was ist eigentlich mit Kafkas Lippenstift passiert? – Hatte er überhaupt einen, und wenn ja, gibt es ihn noch in einem Archiv?
Bastian Schneider erzählt während der Vorstellung seines Romans „Umschreibung“ unbekümmert von einem Spaziergang vor Jahren, auf dem ihm diese Fragen eingeschossen sind. Als professioneller Schriftsteller hat er beschlossen, zuerst den Roman auszuführen und erst dann zu überlegen, ob es dafür überhaupt ein Publikum braucht. Was auf den ersten Blick wie eine Marotte des Literaturbetriebs wirkt, nämlich dass jemand seine Gedanken beim Spazierengehen füttert, ist wahrscheinlich das größte Motiv für das Schreiben überhaupt: Die Schreibenden müssen es einfach herauslassen, ob es dafür ein Publikum gibt oder nicht.
Der Roman „Umschreibung“ ist eine feine Sache geworden, die man den Themen Literaturgeschichte, Dichter-Kult, Fiktionaler Realitätscheck zuschreiben könnte.
Das erzählerische Netz, das über den Text gelegt ist, besteht aus einem literaturhistorischen Gegen-Plot zur üblichen Geschichte, aus Mails, Dokumenten und Zeitzeugnissen im Stile von Faksimiles und aus Vignetten im Stile alter Bucheindrucke.
Die Story fußt auf der fundamentalen Erkenntnis, dass die Literaturgeschichte die eigentliche Literatur ist, weil sie wie die sogenannten Primärtexte von A bis Z erfunden ist. In der freien Form der Fiktion dürfen in dieser Literaturgeschichte Personen zusammenkommen, die sich so nie gekannt haben. Auch die Themen dürfen den Dichtern neu zugeordnet werden, sodass sich allein schon aus der Devianz zur bisherigen Geschichtsauffassung ein frisches Schreibuniversum auftut. Orts- und Zeitwechsel sind ebenfalls frei, nur die Urkunden wirken Orts- und Formgebunden, freilich sind auch sie erfunden.
Der Begriff „Umschreibung“ sagt es schon sehr genau, hier wir einerseits etwas umgeschrieben, damit es in neuen Worten neu wirkt, andererseits meint Umschreibung einen Vorgang, bei dem das Ereignis nicht eindeutig ist. Die Schreibe geht in diesem Fall um wie eine Krankheit.
Die Grundpfeiler des Projekts sind die drei Figuren Franz Kafka, Walter Benjamin und Jorge Luis Borges. Diese drei Säulen der Fiktion sind zu einem standfesten Monument verschraubt, das sich als ein Stück lustvolles Wahrscheinlichkeitsspiel erweist.
- Haben sich Franz Kafka und Walter Benjamin überhaupt 1916 getroffen und wenn ja, was haben sie besprochen?
- Warum erweist sich Argentinien als Musterland literarischer Groteske? Hängt es womöglich damit zusammen, dass der Weltschriftsteller Jorge Luis Borges darin seine These entwickelt hat, dass die Welt eine Bibliothek sei? Immerhin war er ja Direktor der Nationalbibliothek.
- Wie intensiv kann Literatur umgeschrieben werden, bis sie nicht mehr als solche erkannt wird und beispielsweise als Computerspiel auftaucht?
Fragen dieser Art soll der Privatdetektiv Emil Nerz beantworten, der als Gruß an das Krimi-Genre als forensischer Guide durch den Text geschickt wird.
In der Folge muss dieser Erzählende Detektiv alles abarbeiten, was ihm der Literaturbetrieb so vor die Beine wirft. Er ist viel unterwegs, digital und analog in klassischem Abenteurer-Habitus, er trifft auf Persönlichkeiten, die gerade noch schemenhaft als literarische Exilanten zu erkennen sind, er durchstöbert Archive gleichermaßen wie Literaturlabore. Dabei spielen Zeit und Zeitpunkt keine Rolle, sodass sich etwa 1916 durchaus die Entwicklung der Geschichte in eine völlig neue Richtung denken lässt.
Eingeweihte Bibliothekskenner werden aufjaulen vor Wonne, denn in einem Leselabor ist endlich die selbst-lesende Maschine erfunden worden, die sich nicht nur selbst artig umblättert, sondern den Text auch vernichtet, wenn sie ihn abgescannt hat.
Lesen bedeutet jetzt Transformation der Datenträger, denn als höchste Instanz gilt das Universal-Archiv, das zeitgemäß gefüttert werden muss. Dabei erfährt die Kunst der Urkunde höchste Raffinesse, denn resistente Archivalien verändern ständig Form, Inhalt und (Zeit)Geist, sodass sie wie Quanten in der Physik neu definiert und umgeschrieben werden müssen. Die Literatur wird schließlich zur Quantenphysik der Fiktion.
Der Roman lässt sich vortrefflich in Bibliothekskreisen lesen und diskutieren, denn erst in der Schwarm-Intelligenz der Lektüre kommen die Nuancen der „Umschreibung“ jäh zum Vorschein.
Bastian Schneider, Umschreibung
Wien: Sonderzahl Verlag 2026, 132 Seiten, 24,00 €, ISBN 978-3-85449-696-0
Weiterführende Links:
Sonderzahl Verlag: Bastian Schneider, Umschreibung
Wikipedia: Bastian Schneider
Helmuth Schönauer, 06-06-2026