Wenn sich Gedichte auf einen Erzähler einlassen, liegt ein Genrewechsel zwischen Lyrik und Prosa in der Luft.
Daniela Chana erweckt ihre Gedichte fallweise als Personen zum Leben, die miteinander kommunizieren können. So gibt es die sonst menschlichen Facetten zwischen Liebe, Eifersucht und Ignoranz plötzlich auch zwischen den Texten. Das Programm dieser Lyrik ist im Begleittext zur „Affäre mit einem Erzähler“ angeschoben: Für die Presse schreibt sie [Daniela Ghana] regelmäßig Essays über Themen des Alltags und der Literatur.
Dieses Oszillieren zwischen Alltagsthema, Ausformung von Beobachtung und Analyse zur Literatur und schließlich die allgemeine Verfeinerung zu Lyrik macht das Projekt standfest und filigran zu gleich.
Im Titel gebenden Gedicht „Affäre mit einem Erzähler“ (20) kriegt es dann auch das lyrische Ich mit einem Prosa-Gegenüber zu tun, das Ambiente ist perfekt, Bücher, Wein, Intelligenz, Erotik. Wie schäkernde Kinder betreiben die beiden das lyrische Spiel „Vögel verjagen“. Der Prosatext scheint gegenüber dem feinen Gedicht im Vorteil zu sein, er schlingt sich mit dichten Geschichten um das lyrische Ich und lässt dabei ein Gebilde aus Blättern entstehen, halb Buch, halb Gewächs.
Das Wesen der Lyrik kommt wenig später zum Vorschein. „Lyrik // Ein bisschen vor dem Vorhang / Ein bisschen dahinter / Ein riesiger Zaubertrick / Und verhaltener Applaus“ (25)
Und einen dritten Zugang zum Wechselspiel Alltag, Essay, Gedicht liefert dann noch das Abenteuer Roman. „Ich lese den Roman“ (40) lässt das Ich beinahe erschaudern, wie sauber und vollkommen so ein Buch sein kann, des sich zu allen Tageszeiten lesen lässt, vor allem aber mit Rotwein und Musik, wie ein orthopädisches Gerät kann so ein Roman das Rückgrat ausrichten, das erst später wieder zu ächzen beginnt bei alltäglichem Gebrauch.
Neben der komödienhaften Auseinandersetzung diverser Genres, literarischer Gepflogenheiten und Vers-Spielereien gerät auch das lyrische Ich zwischendurch in Schräglage, wenn es von einem Gedicht benetzt wird. Plötzlich geht der Körper in einem Schaumbad verloren und taucht gesäubert als neue Identität wieder auf, ein andermal gewinnt eine unauffällige Tätigkeit wie Orangen-Schälen oder Geschirr-Spülen die Oberhand und verdrängt jegliche Persönlichkeit aus dem Textraum. Dann schlagen Doppeldeutigkeiten der Wörter zu, ein Spiegel in einer Damenhandtasche mutiert zu einem leichten Alkoholspiegel aus einem entsprechenden Fläschchen.
Das Wesen von Gedichten zeigt sich oft auch in gezielter Unschärfe, die erst dann rechtmäßig erkundet werden kann, wenn man daran vorbeischaut. So entfällt der Heldin beim Einchecken in einem Hotel der eigene Name und sie gibt etwas an, was ungefähr so heißt wie sie selbst. (17). Ein andermal geht das Wort für Strophe verloren und blockiert das Gedicht, das gerade in Form gebracht werden soll.
Oft genügt das Skizzieren eines Ambientes, und schon fühlt sich ein Gedicht darin heimisch, wie etwa mit der bloßen Denotation „Sonntag in Wien“ (42). Viele Texte geben sich den Habitus als Stillleben, wenn jemand fragt, ob wohl keine Gedichte im Raum sind, oder eine elegante Dame behauptet, Bücher zu schreiben durch Pose.
„Teenager vor Landschaft“, „trauriger Vater am Land im Dezember“ sind per se Titel für Gemälde, Filme oder Gedichte.
Und nicht zu vergessen die Aura, die diese Texte dort verströmen, wo sie auftreten. Die Stadt ist zwischendurch voll von Paketen und Briefen, die als Gedichte ausgeliefert werden, denn jedes Gedicht trägt die Urform eines Pakets in sich.
„Schreib ein bisschen“ heißt schließlich eine fulminante Ermunterung, die sich die Heldin selbst zu murmelt, während die Männer ringsum in Stellung gehen. Erotik flackert nicht nur zwischen den Körpern herum, auch zwischen den Zeilen, Wörtern, ja sogar Pausen baut sich eine fulminante Erotik auf, wenn das Gedicht als Escort genommen wird.
Daniela Chana krönt ihre essayistischen Grundlagenforschungen zwischendurch mit einer Höchstleistung an lyrischer Kompetenz. Gedichte zelebriert sie als Königsdisziplin beim Beschreiben des Alltags.
Daniela Chana, Affäre mit einem Erzähler. Gedichte
Innsbruck: Limbus Verlag 2026. 96 Seiten, 15,00 €, ISBN 978-3-99039-281-2
Weiterführende Links:
Limbus Verlag: Affäre mit einem Erzähler
Wikipedia: Daniela Chana
Helmuth Schönauer, 26-07-2026