Erika Wimmer Mazohl, Geburt. Öl

h.schoenauer - 04.11.2026

Erika Wimmer Mazohl, Geburt. ÖlLyrik klärt die Dinge durch Mehrdeutigkeit, womit sie der Wahrheit oft näher kommt als der scheinbar eindeutige Schnappschuss. ‒ Allein schon die Verbindung der Begriffe Geburt und Öl lässt ganze Kosmologien rund um das Leben entstehen, und sei es nur durch die Verknüpfung individuellen Lebens mit dem großen Schmiermittel unserer Zeit, dem Öl.

Der Gedichtband „Geburt. Öl“ von Erika Wimmer Mazohl fußt auf drei Erkenntnisebenen.

  • In der direktesten Konfrontation setzen sich die Gedichte mit einem Ausstellungskatalog auseinander, worin der Zyklus „Doch alle Lust will Ewigkeit“ von Karin Welponer zeitlos dokumentiert ist. Illustrationen zu dieser Inszenierung aus dem Jahr 2022 sind das zeichnerische Gerüst für den Lyrikband.
     
  • Auf einer biographisch weiter gefassten Ebene wird das Gesamtwerk von Karin Welponer gewürdigt, indem wichtige Werke im Kontext von künstlerischen Expeditionen in Gedichtform angesprochen werden.
     
  • Und auf einer fast schon abstrakten Ebene kommt ein allgemeiner Lebenszyklus zum Vorschein, worin sich von der Geburt bis in den Tod ein weiblicher Körper dem biologischen Programm der Zellen ausgesetzt sieht.

Der Gedichtzyklus selbst widmet sich unter fünf Schlagworten einer Reise durch Lust, Schmerz und Verfall, die Kapitel sind markiert mit den Einträgen Öl /Geburt / Reise / Welken / Tiefsee.

„Öl“ (5) evoziert im Stile von Glücksverheißungen paradiesische Bilder nach dem Motto: Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen. Hinter dieser Verheißungssematik sind schließlich diverse Lustorgane verborgen, die manchmal kindlich vulgär als Grotte oder Fotze aufblitzen, ehe sie sich dann hinter der Funktion von Geburt verstecken, diskret angedeutet als ein Land, worin die Ernte als Olivengeburt gefeiert wird. Aus der Olivengeburt wird schließlich das Öl gepresst, das als optische Variante auch im Ölgemälde eingesetzt wird.

„Geburt“ (17) berichtet unter einem doppelten stroboskopischen Effekt von einer Befruchtung, die mit dem lautmalerischen Oho! Abgeschlossen wird. Dach diesem Oho-Effekt geht es in den Gedichten um Form und Farbe des heranreifenden Es, Zellkerne werden aufgebrochen und schmelzen, Zeitangaben in Wochen berichten vom Fortschreiten der visualisierten Frucht, ein Ich taucht auf und schmiegt sich an das Firmament der Bauchhöhle. In der Quellenangabe zu diesem Zyklus wird auf den Bildband verwiesen „Ein Kind entsteht“. Die Gedichte erweisen sich als lyrische Kommentare zu einem klassischen Aufklärungsbuch.

„Die Reise“ (37) führt in ein Gebilde aus Insel, Wüste und Oliven, worin es zu einer Totgeburt kommt. Diese Gedichte rekurrieren auf die vorangegangenen Erklärungen aus dem Geburts- und Ölzyklus, ehe sie sich als geographische Gebilde zu erkennen geben. Mitten in einem plangeschliffenen Wesen aus Gestein, kommt es zur Totgeburt von Gelände. Später führt die Reise an eine Nahtstelle zwischen zwei Kontinenten, endlich tauchen Wasser und Leben auf, Bauern bestellen das Land mit kargen Gesten, ehe sie zusammen mit der Aussaat vertrocknen. Im Hintergrund tanzen die Figuren in mehrfachen Ansätzen Flamenco, im Untergrund läuft als Kontext eine Reise durch Andalusien mit.

„Welken“ (61) fasst den Herbst zusammen mit den Elementen Seide / Blütenfall / Sammlung / Falten / Zellverfall. Während die Lebensmotive dahinschmelzen, fordern die verwelkenden Zellen die Gabe von Sauerstoff. (74)

„Tiefsee“ (75) zeigt sich als Archiv, indem jegliches Leben für die Zeitlosigkeit aufbereitet wird durch Kälte, Stille, Nacht und uneingeschränkte Freiheit der Evolution. Von filmischer Ferne winkt aus diesen Gedichten der Geist des Philosophen Alexander Kluge, wenn er von einem Ur-Ozean spricht, auf den jedes lyrische Ich zurückfällt. Als gute Freunde jener Menschheit, von der sie beinahe ausgerottet worden wären, tauchen im Ausgangsreigen Riesenkalamar, Seewolf und Blattschupper auf.

„BLATTSCHUPPER // einst wird die wut / der enkel euch treffen // ihr seid der alptraum / künftigen lebens // : geburt ist natur / doch bedarf sie / der sanftmut die / ihr verliert : / verspielt //nicht mehr lange“ (95)

Aus dieser Prophezeiung speist sich vielleicht ein neuer Zyklus, der wiederum beides hervorbringt: Geburt und Öl.

Erika Wimmer Mazohl osziliert mit ihren Motiven zwischen Individuum und Holozän, wie sie in den Bildern und Zeichnungen von Karin Welponer zu entdecken sind. 

Erika Wimmer Mazohl, Geburt. Öl, Gedichte. Aus d. Reihe: Limbus Lyrik, illustriert von Karin Welponer
Innsbruck: Limbus Verlag 2026, 96 Seiten, 15,00 €, ISBN 978-3-99039-294-2

 

Weiterführende Links:
Limbus Verlag: Erika Wimmer Mazohl, Geburt. Öl
Wikipedia: Erika Wimmer Mazohl

 

Helmuth Schönauer, 01-09-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Erika Wimmer Mazohl
Buchtitel:
Geburt. Öl, Gedichte
Erscheinungsort:
Innsbruck
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
Limbus Verlag
Reihe:
Limbus Lyrik
Illustration:
Karin Welponer
Seitenzahl:
96
Preis in EUR:
15,00
ISBN:
978-3-99039-294-2
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Erika Wimmer Mazohl, geb. 1957 in Bozen, lebt in Innsbruck.

Karin Welponer, geb. 1941 in Bozen, lebt in Südtirol.