Geschichte | Politik

Giwi Margwelaschwili, Fluchtästhetische Novelle

h.schoenauer - 23.05.2013

„Wie komme ich jemals von hier weg, wenn kein Leser mich begleitet?“ (62)
Wakusch, der Held der fluchtästhetischen Novelle, hat tatsächlich seltsame Sorgen.

Er ist entführt worden oder vom Geheimdienst verhaftet, sitzt als Nachkriegsgefangener am Flughafen Berlin Schönefeld in einer Douglas mit sowjetischen Hoheitszeichen und sieht, wie die Maschine propellert, aber nichts geschieht. Als Buchstabenheld unterliegt er den Gesetzen der Buchstabenwelt: Buchpersonen sterben durch das Nicht-gelesen-Werden.

Florjan Lipus, Bostjans Flug

h.schoenauer - 21.05.2013

In der Poesie gilt der Flug als ein eigener Zustand zwischen Wirklichkeit und Traum, weshalb  gerade in der Lyrik oft der Vogelflug als Verbindung zwischen diesen Erlebnissen eingesetzt ist.

Florian Lipus nennt seinen Roman einen Flug, Bostjans Flug, in dem der Held in einem Trance-haften und traumatisierten Zustand durch die Gezeiten gejagt wird.

Christo Karastojanow, Teufelszwirn

h.schoenauer - 19.05.2013

Der Teufelszwirn ist eine fadenförmige Schmarotzerpflanze ohne Blätter und Wurzel, die ganze Kleefelder oder Kartoffeläcker aushungert und vertilgt.

Christo Karastojanow stellt seine Trilogie über die politischen Geschehnisse im Bulgarien der frühen 1920er Jahre unter den Schutz dieser höllischen Pflanze, die in ihrem Habitus perfekt an ein schmarotzendes politisches System erinnert, das sich über das Volk her macht. Als es nach dem ersten Weltkrieg so halbwegs wieder geordnet zugeht, stürzt die Ermordung des Premiers Stamboliski 1923 Bulgarien bis in die entlegenste Provinz ins Chaos.

Lindita Arapi, Schlüsselmädchen

h.schoenauer - 07.05.2013

In kaum einer europäischen Gegend machen sich die Menschen das Leben so schwer, wie in Albanien. Als Verschärfung des politischen Regulativs kommt oft noch die Sippschaft hinzu, der niemand entrinnt. Die Sippe nämlich weiß immer, was der oder die Einzelne tut, im Familiengroßverband gibt es kein Individuum.

Lindita Arapi erzählt anhand des Mädchens Lodja von der Unwirtlichkeit des sozialen Zusammenlebens in Albanien. Das Mädchen wird von der Umwelt ferngehalten, es darf nicht mit anderen spielen oder am Abend auf den Corso, jeden Tag blickt es aus dem kleinen Fenster in den Innenhof. Wir sind nicht so wie die anderen, lautet die lapidare Erklärung.

Markus Koschuh, Voulez-vous Koschuh avec moi?

h.schoenauer - 25.04.2013

Seit Markus Koschuh ein abendfüllendes und staatstragendes Stück über das Unwesen der Tiroler Agrargemeinschaften geschrieben hat, wirken auch seinen kürzeren Texte aus der Tiefe des Alltags wie verbotene Spikes in einem scharf gewuchteten Reifen.

Markus Koschuh nimmt für seine literarischen Piecen immer ein Stück Wirklichkeit, klaubt diese vom sumpfigen Boden der Medien auf und wirft sie wie ein Hölzchen durch die Luft. Manchmal saust diesem Stück Wirklichkeit das Publikum wie ein Hund auf der Wahrheitssuche hinterher, manchmal fällt so ein Stück Literatur einfach wieder zurück in den Morast des Alltags und versinkt.

Hermann Gummerer / Franziska Hack, Total alles über Südtirol

h.schoenauer - 21.04.2013

Die intensivsten Geschichten lassen sich am besten durch Bilder erzählen und die größten Datenmengen nisten sich über Piktogramme fast wie von selbst im Gehirn ein.

Hermann Gummerer und Franziska Hack rollen das Land Südtirol mit aberwitzig innovativen Tabellen, Torten-Segmenten, Piktogrammen, Schaltkreisen und Sinnspiralen auf. Dabei lautet offensichtlich die Spielregel: alles, was vielleicht in einem Buch steht, lässt sich auf einer einzigen Schautafel zusammenzufassen.

Marion Schiffler, Ich war das Jadekind

h.schoenauer - 14.04.2013

Wenn in einem Landstrich wie Südtirol ein besonderer patriotischer Mythos gepflegt wird, so wird oft darauf vergessen, dass viele kreative Seelen ausgewandert sind, andere haben schon die Welt gesehen und sind dann wieder ins Gebirge heimgekehrt.

Marion Schiffler berichtet in ihrer autobiographischen Erzählung von ihrer Kindheit zwischen 1924 und 1938 in Kanton und Hongkong. Ihr Vater ist als Vertreter des deutschen Konzerns IG Farben in China stationiert, so dass es dem Kind an Wohlstand nicht mangelt.

Hans Winkler u.a. (Hg.) Franz Held

h.schoenauer - 08.04.2013

Tut weniger saufen und statt dessen mein Buch subskribieren, vielleicht gibt’s doch noch einen Rausch.

Diese literarisch-patriotische Aufforderung des Schriftstellers, Aussteigers und Emigranten Franz Held zur Publikation seiner Gedichte zeigt bereits den skurril-realistischen Zugang, den der Autor gegenüber seinen Zeitgenossen und der Welt überhaupt an den Tag legt.

Kei Kimura / Maketa Smith-Groves, Once Upon a Time. Es war einmal Fukushima

h.schoenauer - 25.03.2013

„Vor die Wahl gestellt zwischen Kummer und Nichts, nehme ich den Kummer.“ (116)

Was mit der Märchen-Formel „Es war einmal“ beginnt, ist der alptraumhafte Versuch, mit den Mitteln der Poesie und der archaischen Gedichtform das Unheimliche zu beschreiben, nämlich die Auswirkungen des implodierten Reaktors Fukushima.

Musa Beksultanow, Ferne Gestade des Lebens

h.schoenauer - 08.03.2013

Von manchen Ländern ist in unseren Gestaden fast nichts bekannt und schon gar nicht deren Literatur. Von Tschetschenien wissen wir höchstens, dass dort Ausnahmezustand herrscht und viele Menschen das Land verlassen haben.

Musa Beksultanow, im Exil in Kasachstan geboren, lebt in Grosny, seine Erzählungen handeln immer wieder von Tschetschenien, das er mit den Mitteln der Trance, der Mythologie und der Erzählkraft der Vorfahren darzustellen versucht.