Mike Markart, Der dunkle Bellaviri
Wenn eine große Verstörung vorliegt, verordnen Ärzte manchmal Spaziergänge oder den bloßen Aufenthalt im Freien. In der Literatur entsteht aus diesen Genesungs-Aufenthalten der Helden oft ein gesunder Roman.
In Mike Markarts Roman „Der dunkle Bellaviri“ ist das erzählende Ich vorerst so verstört, dass es demonstrativ vor allem Vögel und Laub beobachtet, um nicht von irgendjemandem angesprochen zu werden. Dieser Erzähler strolcht mit sich selbst herum, ehe er an der Klingelleiste einer Wohnanlage den Namen Garretti liest, diesen Namen füllt er nun mit Erzählungen und Projektionen aus.
Das gehört zu den brennendsten Fragen der Literaturgeschichte: Wie kann man einen dicken Roman, den man kaum lesen kann, so straff zeichnen, dass man ihn wundersam leicht anschauen kann?
Ballast gilt in der Verdauung und im Ballonwesen als etwas Wertvolles, in der Psychologie und Soziographie allerdings als etwas Suboptimales.
„Aber gewappnet mit den Prinzipien der Wirtschaftswissenschaft, wie sie in diesem Buch dargestellt sind, werden Sie verstehen, wie wir in die heutige Situation gelangt sind. Und vielleicht beginnt sich dann ein erster Ausweg abzuzeichnen …“ (15)
Im Stimmenroman versammeln sich Sprüche, Ausfälle oder Anleitungen längst verschollener Situationen im Kopf zu einem stets abrufbaren Album aus vergangenen Zeiten.
Oft ist das Toben von Naturgewalten die beste Beschreibung für das Leben eines Individuums.
So wie Fahnen von Zeit zu Zeit ausgerollt und wieder zusammengefaltet werden müssen, müssen auch die patriotischen Helden einer Gegend von Zeit zu Zeit aufgefrischt und „reloaded“ werden.
Ein Mann vergafft sich in der Straßenbahn in eine Frau, geht ihr im geordneten Stalking-Abstand hinterher bis zu ihrer Wohnungstür. Als sie darin verschwunden ist, riecht er an der Tür und stellt fest, dass sie geruchlos ist. – Was ist das, eine Beschreibung eines Psychopaten, eine erotische Abbruchgeschichte, eine Meldung über das Versagen der Sinnesorgane?
Der Begriff Antiroman lädt die Leserschaft ein, vor der Lektüre zu reflektieren, was mit dieser fiktionalen Antimaterie wohl angesprochen werden könnte.
„Woran denken Sie, wenn Sie hören: ‚Landschaft schmeckt‘? An einen knackigen Apfel frisch vom Baum? An Wallnussbäume? Eine kühle Bergquelle? An Salat? Wogende Ähren auf einem Getreidefeld?“ (11)