Oleksandr Irwanez, Pralinen vom roten Stern
Ein makabrer Stoff setzt sich erst in Romanen ab und dann in der Politik. So entsteht das Phänomen, dass Romane zuerst wie aus einer anderen Welt erscheinen und später zur allgemeinen Wirklichkeit werden, als ob sie in realiter verfilmt wären.
Oleksandr Irwanez, Mitglied der legendären ukrainischen Literatur-Gruppe BuBaBu, veröffentlicht 2001 den Roman „Mauer“ in einer Untergrundedition. Da ist die Ukraine noch unversehrt und zumindest geographisch ein von allen akzeptiertes Gebilde. Im Roman geht freilich eine Mauer durch die Stadt Riwne wie einst durch Berlin. Im Westen der Ukraine nämlich hat sich die WUR etabliert (Westukrainische Republik) und im Osten ist die Republik in ein großes Retro der Sowjet-Zeit gefallen. Der Roman erzählt also scharfsinnig prognostisch den Zustand von 2017, nur dass die Gebietsaufteilung seitenverkehrt ist.
Box ist eine fiktive Live-Show, dabei werden Paare in eine durchsichtige Box gesperrt, damit sie sich im Rahmen eines Erkennungsspieles vor der Kamera zerfleischen.
Die Literatur belohnt sich manchmal selbst, indem sie Prophezeiungen, tatsächlich eintreten lässt und eine Post-Dystopie daraus macht.
In der Konsumgesellschaft gibt es ein großes Tabu, nämlich das Ende der Dinge und Dienstleistungen zu denken.
Alles, nichts und beides sind radikale Mengenangaben, wo es keinen Nachlass oder Rabatt gibt. Alles, nichts und beides ist eine Überlebensformel, die für alle wesentlichen Themen in Frage kommt: Liebe, Tod, Bleiben, Weggehen.
Zukunftsprognosen werden meist von jener Stimmung getragen, die gerade in der Gegenwart als virulent empfunden werden. Prognostische Romane sagen also immer etwas über die Gegenwart aus.
Um eine Gesellschaft so halbwegs allumfassend und gerecht beschreiben zu können, bedarf es eines außenliegenden Erzählstandpunktes, der ein Minimum an Überblick verspricht.
In einem kulturellen Ambiente der Revivals und Remakes stellt sich durchaus die Frage, ob man den ganzen Schöpfungs-Semmel nicht ironisch neu deuten sollte.
Als das dickste Genre der Literatur gilt allenthalben die SF-Literatur. Insider führen diese gewaltigen Romane darauf zurück, dass in der SF nichts selbstverständlich oder irdisch ist und von der Schwerkraft angefangen alles neu erfunden und beschrieben werden muss.
Die besonders heftige Gegenwart tritt in der Literatur gerne als Endzeit auf, von da ab ist es dann nicht mehr weit bis zu einer ausgewachsenen Apokalypse.