Fantasy | Science Fiction

E. M. Forster, Die Maschine steht still

andreas.markt-huter - 04.12.2017

Die Literatur belohnt sich manchmal selbst, indem sie Prophezeiungen, tatsächlich eintreten lässt und eine Post-Dystopie daraus macht.

E. M. Forster erzählt in seiner über hundert Jahre alten Geschichte von einem totalitären Internet, das die Menschen überfordert und als Diktatur bei der Stange hält. Im Zentrum des Geschehens steht die „Maschine“, alles wird durch sie gesteuert, sie ist weltweit vernetzt, ohne sie geht gar nichts. Es gibt sogar einen eigenen Knopf, mit dem angepasste Literatur abgezapft (heruntergeladen) werden kann.

Heinz Helle, Eigentlich müssten wir tanzen

h.schoenauer - 04.06.2017

In der Konsumgesellschaft gibt es ein großes Tabu, nämlich das Ende der Dinge und Dienstleistungen zu denken.

In Heinz Helles Roman machen sich fünf junge Männer auf, um in Tirol auf Abenteuer zu gehen, wie es sich für einen Kurzurlaub geziemt. Wie Tausende an jedem Wochenende rollen sie gut gelaunt und wohl auch mit diversen Hilfsmittel stimuliert den berüchtigten Irschenberg hinunter in jene Senke, von wo aus man ins verheißene Land Tirol abbiegt. Aber kaum sind sie durch die Gebirgsarschbacken des Landes eingedrungen, zeigt sich alles ausgebrannt, vernichtet und zerstört.

Amina Abdulkadir, Alles, nichts und beides

h.schoenauer - 06.02.2017

Alles, nichts und beides sind radikale Mengenangaben, wo es keinen Nachlass oder Rabatt gibt. Alles, nichts und beides ist eine Überlebensformel, die für alle wesentlichen Themen in Frage kommt: Liebe, Tod, Bleiben, Weggehen.

Amina Abdulkadir nennt die Anwendung ihrer Lebensformel Kürzestgeschichten, denn sie sind das radikalste Narrativ, das es für eine Ausnahmesituation gibt. Diese Geschichten haben oft die Gestalt eines Stachels und werden dem anwesenden Fleisch eingerammt als Mahnmal, Gedächtnisstütze oder Erinnerungs-Pikser.

Vladimir Sorokin, Telluria

h.schoenauer - 03.07.2016

Zukunftsprognosen werden meist von jener Stimmung getragen, die gerade in der Gegenwart als virulent empfunden werden. Prognostische Romane sagen also immer etwas über die Gegenwart aus.

Vladimir Sorokins „Telluria“ ist ein Stück Apokalypse, das in etwa zwanzig Jahren aus dem Kontinent Eurasien für den Roman herausgebrochen ist. Die gegenwärtigen Staatsgefüge sind zu Grunde gegangen und in kleine Gebiete mit Warlords oder sonstigen oligarchischen Kommandanten zerfallen. Manche Banden sind völlig neu und aus einem Gothic-Gruselkabinett gestiegen, andere zeigen Spuren von Taliban oder sonstigen Schreckgespenstern der Gegenwart.

Martin Amanshauser, Der Fisch in der Streichholzschachtel

h.schoenauer - 09.06.2016

Um eine Gesellschaft so halbwegs allumfassend und gerecht beschreiben zu können, bedarf es eines außenliegenden Erzählstandpunktes, der ein Minimum an Überblick verspricht.

Martin Amanshauser verwendet für seine epochale Piraten-Saga „Der Fisch in der Streichholzschachtel“ gleich zwei erzählende Ausgucke. Zum einen lässt er den Ich-Erzähler Fred aus der Sicht einer desaströsen Karibikfahrt in der Gegenwart erzählen, zum anderen schickt er den italienischen Chronisten Salvino als zweiten Ich-Erzähler an Bord eines Piratenschiffes in einen Zeitflash dreihundert Jahre zurück.

Thomas Zippel, Spiel's noch einmal, Gott

h.schoenauer - 04.11.2015

In einem kulturellen Ambiente der Revivals und Remakes stellt sich durchaus die Frage, ob man den ganzen Schöpfungs-Semmel nicht ironisch neu deuten sollte.

Spätestens seit ein ausgemergelter Steve Jobs seine Apple-Schöpfungen im Jahrestakt auf den Markt geworfen und sich dabei den Namen I-God eingefangen hat, ist eine Parallelsetzung zwischen Planetengeschichte und digitaler Globalisierung durchaus reizvoll.

Dietmar Dath, Feldeváye

h.schoenauer - 24.09.2015

Als das dickste Genre der Literatur gilt allenthalben die SF-Literatur. Insider führen diese gewaltigen Romane darauf zurück, dass in der SF nichts selbstverständlich oder irdisch ist und von der Schwerkraft angefangen alles neu erfunden und beschrieben werden muss.

Dietmar Dath verwendet in seinem Roman „Feldeváye“ (ausgesprochen: Feldeweihe) die Sciencefiction dafür, den ganzen Krimskrams der üblichen Fiktion auszublenden, um sich voll und ganz seinem beinahe entmaterialisierten Essay über die Kunst widmen zu können.

Klaus Rohrmoser, Dunkle Mutter Finsternis

h.schoenauer - 07.04.2015

Die besonders heftige Gegenwart tritt in der Literatur gerne als Endzeit auf, von da ab ist es dann nicht mehr weit bis zu einer ausgewachsenen Apokalypse.

Klaus Rohrmoser schreibt in seinem Roman „Dunkle Mutter Finsternis“ von ein paar verlorenen Heldinnen und Helden, die nach einer Attacke auf die Zivilisation in Bunkern, Reduits und versprengten Inseln übrig geblieben sind. In 99 Anschnitten fährt das Messer der Analyse durch ein soziales Konstrukt, das entlarvt und dekonstruiert ist.

Tilman Spreckelsen, Kalevala

andreas.markt-huter - 11.02.2015

„Wo bist du gewesen? Im Norden, sagte Väinämoinen, in Pohjolo, wo die Hexe Louhi herrscht. Aber wusstest du, dass sie eine wunderschöne Tochter hat, so reizend wie ihre Mutter hässlich ist? Das Mädchen soll denjenigen heiraten, der für Louhi das Sampo schmiedet.“ (46)

Tilman Spreckelsen begibt  sich auf die Spurensuche nach Elias Lönnrot, dem Verfasser des finnischen Nationalepos Kalevala und erzählt dabei, die Kalevala, eine Sage aus dem Norden nach. Dieses aus zahlreichen Überlieferungen der finnischen Mythologie zusammengestellte und 1835 veröffentlichte Epos, erzählt von den Abenteuern und Taten der großen finnischen Helden Väinämöinen, Lemminkäinen, Kullervo, Illmarinen und Marjatta.

Michael Poore, Der raffinierte Mr. Scratch

h.schoenauer - 16.10.2014

Am ehesten kriegt man das Unvorstellbare in den Griff, wenn man es zur Hauptfigur macht, die die Episoden authentisch vorantreibt. So lässt sich die Geschichte manchmal nur von der schwarzen Seite aus beschreiben, wenn die offizielle zu grell überblendet ist.

Michael Poore schickt seinen Satan in Gestalt des Mr. Scratch durch die amerikanische Weltgeschichte, denn die Welt ist amerikanisch, zumindest die teuflische. Mr. Scratch ist fieser Fernsehmoderator und wird ununterbrochen niedergeschossen, was ihm aber nichts  ausmacht, weil er ja der Teufel ist.