Tecia Werbowski, oblomowaSpätestens seit Otto Grünmandls Wunder-Programm „Ich bin nicht Oblomow“ wissen Fachleute des beschaulichen Lebens, wer Oblomow ist. Ein Held, wie für das Bett gemacht, mit starken beamteten Zügen.

Natürlich spielt das Bett auch in Tecia Werbowskis Roman „Oblomowa“ die Hauptrolle. Die Ich-Erzählerin Maya Ney ist stolz auf ihren Namen, weil er so kurz und vernünftig klingt und dennoch überflüssig ist, weil die Erzählerin vollkommen allein auf der Welt ist. Sie wohnt mittlerweile abgelegen in den kanadischen Wäldern und hat nur mehr eines im Sinn, ihre beiden Katzen durch die wunderschönen Jahreszeiten zu führen.

talese_voyeur.jpgDie wirklich wahren Romane sind so echt, dass man nicht mehr unterscheiden kann, was Fiktionen und was Fakten sind.

Gay Talese gilt als Meister des „literarischen Journalismus“, der seit den 1960er Jahren Furore macht, indem Reportagen mit den Mitteln der Literatur entworfen werden. So ist auch die Hauptfrage immer, gibt es das wirklich so?

irwanez, pralinen vom roten sternEin makabrer Stoff setzt sich erst in Romanen ab und dann in der Politik. So entsteht das Phänomen, dass Romane zuerst wie aus einer anderen Welt erscheinen und später zur allgemeinen Wirklichkeit werden, als ob sie in realiter verfilmt wären.

Oleksandr Irwanez, Mitglied der legendären ukrainischen Literatur-Gruppe BuBaBu, veröffentlicht 2001 den Roman „Mauer“ in einer Untergrundedition. Da ist die Ukraine noch unversehrt und zumindest geographisch ein von allen akzeptiertes Gebilde. Im Roman geht freilich eine Mauer durch die Stadt Riwne wie einst durch Berlin. Im Westen der Ukraine nämlich hat sich die WUR etabliert (Westukrainische Republik) und im Osten ist die Republik in ein großes Retro der Sowjet-Zeit gefallen. Der Roman erzählt also scharfsinnig prognostisch den Zustand von 2017, nur dass die Gebietsaufteilung seitenverkehrt ist.

rachel cusk, transitDie Meisterinnen des Erzählens lassen die Geschichten an sich herankommen, seitlich vorbei streichen und wieder verschwinden. Währenddessen entwickelt sich das Thema, zum Beispiel Transit.

Rachel Cusk platziert in ihren Romanen meist eine Ich-erzählende Heldin, durch welche die anströmenden Rauchgase abziehen wie durch einen Schlot. Im vorausgeschriebenen Roman „Outline“ (2014) stellt sich die Heldin als Medium zur Verfügung, an das allerhand Geschichten und Begebenheiten herangetragen werden in der Hoffnung, dass eine starke Abprall-Heldin den Wellen die Kraft brechen könnte.

undine radzeviciute, fische und drachenSogenannte Chinesenviertel sind dazu da, dass sich darin die Kultur von Jahrtausenden mit den aktuellen Menschenschicksalen der jeweils individuellen Gegenwart begegnen können.

Undinė Radzeviciutė lässt drei Frauengenerationen in einem Chinesenviertel wohnen, wobei bewusst auf die Ortsangabe verzichtet wird, nur Freundschaften, Reisen, Studien und Bücher spielen in konkreten Städten, mit denen die Heldinnen vernetzt sind.

alfred gelbmann, vorläufig lübeckWoraus besteht eigentlich ein guter Roman? - Aus Roman!

Alfred Gelbmann bringt im Erzählprojekt „Vorläufig Lübeck“ eine Biographie zum Vorschein, worin Autor, Held und fiktionales Vorbild heftig miteinander vermischt sind. Vereinfacht könnte man sagen, jemand liest innig Gustave Flauberts satirischen Roman Bouvard und Pécuchet, worin sich die Figuren über sich selbst so lange lustig machen, bis sie aus dem Roman verschwinden und wieder die Rolle von Kopisten annehmen müssen.

lukas meschik über wasserStraffe Fügungen können ein üppiges Lebensprogramm beschreiben, über Wasser heißt dabei für den einen, dass er nach Schwierigkeiten gerettet und über Wasser ist, ein anderer hat vielleicht messianische Züge und geht mit seinem Programm tatsächlich über Wasser.

Lukas Meschik lässt seinen Helden Noah über das Wasser der Gegenwart surfen, manches dient ihm dabei als Auftriebsstoff, anderes als Antriebsmittel, manche Passagen bestehen aus purem Gleitmittel. Begriffe wie Angst, Möglichkeit, Blech oder Montag sind als Schlüsselwörter ausgebaut, und man ahnt schon, wie sich darum herum das Leben ansetzt wie Moos auf altem Gestein.

jeannine meighörner, das fliende herzIm historischen Roman lässt es sich mit Fakten durchspielen, was ein anderer Verlauf der Geschichte hätte bewirken können, es lassen sich auch Träume der Gegenwart in das historische Ambiente zurückflashen, und schließlich können im historischen Roman Provinzereignisse zu Weltereignissen aufgeblasen werden.

Jeannine Meighörner hat längst herausgefunden, dass die Tiroler nur daran interessiert sind, ob auch alle historische Größen einmal in Tirol gewesen sind, um das Land für gut zu befinden. Da wir im 19. Jahrhundert nur Zeugnisse des durchreisenden Goethe und Heine haben, müssen die beiden eben ununterbrochen herhalten, um die Größe des Transitlandes Tirol zu dokumentieren.

sniadanko_leidenschaft.jpgLeidenschaften sind meist zeitlich begrenzte Gefühlsaufwallungen, die jenseits der Logik einer Person oder einem Thema umgehängt werden.

Natalka Sniadanko stellt eine Sammlung dieser Leidenschaften vor, die über die Ich-Erzählerin Oljessa im Laufe des Lebens hereinbrechen. Nicht immer nämlich sucht die Protagonistin diese Leidenschaften auf, manchmal wird sie von diesen auch heimgesucht. Während der Ausbildung zu einem „galizischen“ Lebensgefühl muss die Heldin gut acht Leidenschaftsbündel über sich ergehen lassen. Dieses heftige Reißen an der Psyche setzt in der Kindheit ein, erstreckt sich über ein philologisches Ukraine-Studium und führt nach Deutschland, wo je nach Konstitution der Männer deutsche, italienische oder aristokratische Leidenschaften ausbrechen.

bernhard setzwein, der böhmische samuraiDas größte Kapital, das neben der sprichwörtlichen Kohle mit den Mächtigen mitmarschiert, ist jener Schatz an Geschichten, den zu heben und zu erleben nur Eliten imstande sind. Den Adel hat seinerzeit nicht so sehr die Aberkennung von Titeln und Gütern geschmerzt als vielmehr das Ausbleiben von Geschichten, worunter die auf ein normales Leben Zurückgestutzen fortan zu leiden hätten.

Bernhard Setzwein, der großartige Chronist des Bayrischen und Böhmischen Waldes, erzählt am Beispiel des „böhmischen Samurai“, wie das Leben plötzlich den Teppich unter den Füßen der Helden einrollt und anderen ausrollt. Die an den roten Teppich gewöhnten Adeligen stehen plötzlich im Letten eines Anhaltelagers und verstehen die Welt nicht mehr, wo sie doch ein Leben lang nur Gutes getan haben.