lisa spalt, die zwei henriettasFrei komponierte Romane haben für den Leser den Vorteil, dass sie auf unterschiedliche Weise gelesen werden können und der Leser mit seiner Sichtweise immer recht hat. Diese offene Erzählform gibt letztlich nur ein paar Laserstrahlen vor, an denen bei jedem Lesevorgang die Episoden neu ausgerichtet werden müssen.

Lisa Spalt setzt mit den zwei Henriettas ihren Heldinnen ein Denkmal, das auf jeder Seite neu zusammengesetzt wird. Im Hintergrund agiert eine Erzählerin, Layouterin oder Forscherin, die aus einem Berg von Fotomaterial etwas Brauchbares gestalten will.

rosemarie poiarkov, aussichten sind überschätztAuf den alten Postkarten und mittlerweile im Netz gibt es diese Kurznachrichten, wo ein komplizierter Zustand auf einen Kurzsatz zusammengestutzt wird. „Aussichten sind überschätzt!“

Rosemarie Poiarkov überschreibt einen ganzen Roman mit dieser Kurznachricht, dabei geht es um ein komplexes Gebilde an Beziehungen, Freundschaften, Alltagsstrategien und um den fast verfassungsmäßigen Wunsch, eines Tages vielleicht glücklich zu sein.

walter kohl, out demons outSo um 1980 herum haben die damals sechzigjährigen Autoren in ihren aktuellen Romanen wie verrückt ihren Vater gesucht. Momentan versuchen die jetzt sechzigjährigen Kunden des Beats und der psychodelischen Musik mit ihren Bands von damals ins Reine zu kommen. Wahrscheinlich ist das nur eine andere Art von Vatersuche.

Walter Kohl hat seinen ursprünglichen Plan, als saugender Fan von damals eine Biographie über die Edgar Broughton Band zu verfassen, sublimiert, indem er einen mehrschichtigen Roman über Träume, Altwerden, Dorfleben und das Nichts in England und Österreich geschrieben hat.

ralf schlatter, steingrubers jahrWas ein ordentlicher Alptraum ist, braucht mindestens ein Jahr, um halbwegs in Worte gefasst und aufgearbeitet zu werden.

Ralf Schlatter schenkt seinem Helden Felix Steingruber gleich zu Beginn einen so gewaltigen Alptraum, dass sich dieser den ganzen Roman lang nicht mehr davon erholt. Der Schrecken des Traumes besteht letztlich darin, dass ein Psychiater erklärt, nichts mehr für den Helden tun zu können.

Tecia Werbowski, oblomowaSpätestens seit Otto Grünmandls Wunder-Programm „Ich bin nicht Oblomow“ wissen Fachleute des beschaulichen Lebens, wer Oblomow ist. Ein Held, wie für das Bett gemacht, mit starken beamteten Zügen.

Natürlich spielt das Bett auch in Tecia Werbowskis Roman „Oblomowa“ die Hauptrolle. Die Ich-Erzählerin Maya Ney ist stolz auf ihren Namen, weil er so kurz und vernünftig klingt und dennoch überflüssig ist, weil die Erzählerin vollkommen allein auf der Welt ist. Sie wohnt mittlerweile abgelegen in den kanadischen Wäldern und hat nur mehr eines im Sinn, ihre beiden Katzen durch die wunderschönen Jahreszeiten zu führen.

talese_voyeur.jpgDie wirklich wahren Romane sind so echt, dass man nicht mehr unterscheiden kann, was Fiktionen und was Fakten sind.

Gay Talese gilt als Meister des „literarischen Journalismus“, der seit den 1960er Jahren Furore macht, indem Reportagen mit den Mitteln der Literatur entworfen werden. So ist auch die Hauptfrage immer, gibt es das wirklich so?

irwanez, pralinen vom roten sternEin makabrer Stoff setzt sich erst in Romanen ab und dann in der Politik. So entsteht das Phänomen, dass Romane zuerst wie aus einer anderen Welt erscheinen und später zur allgemeinen Wirklichkeit werden, als ob sie in realiter verfilmt wären.

Oleksandr Irwanez, Mitglied der legendären ukrainischen Literatur-Gruppe BuBaBu, veröffentlicht 2001 den Roman „Mauer“ in einer Untergrundedition. Da ist die Ukraine noch unversehrt und zumindest geographisch ein von allen akzeptiertes Gebilde. Im Roman geht freilich eine Mauer durch die Stadt Riwne wie einst durch Berlin. Im Westen der Ukraine nämlich hat sich die WUR etabliert (Westukrainische Republik) und im Osten ist die Republik in ein großes Retro der Sowjet-Zeit gefallen. Der Roman erzählt also scharfsinnig prognostisch den Zustand von 2017, nur dass die Gebietsaufteilung seitenverkehrt ist.

rachel cusk, transitDie Meisterinnen des Erzählens lassen die Geschichten an sich herankommen, seitlich vorbei streichen und wieder verschwinden. Währenddessen entwickelt sich das Thema, zum Beispiel Transit.

Rachel Cusk platziert in ihren Romanen meist eine Ich-erzählende Heldin, durch welche die anströmenden Rauchgase abziehen wie durch einen Schlot. Im vorausgeschriebenen Roman „Outline“ (2014) stellt sich die Heldin als Medium zur Verfügung, an das allerhand Geschichten und Begebenheiten herangetragen werden in der Hoffnung, dass eine starke Abprall-Heldin den Wellen die Kraft brechen könnte.

undine radzeviciute, fische und drachenSogenannte Chinesenviertel sind dazu da, dass sich darin die Kultur von Jahrtausenden mit den aktuellen Menschenschicksalen der jeweils individuellen Gegenwart begegnen können.

Undinė Radzeviciutė lässt drei Frauengenerationen in einem Chinesenviertel wohnen, wobei bewusst auf die Ortsangabe verzichtet wird, nur Freundschaften, Reisen, Studien und Bücher spielen in konkreten Städten, mit denen die Heldinnen vernetzt sind.

alfred gelbmann, vorläufig lübeckWoraus besteht eigentlich ein guter Roman? - Aus Roman!

Alfred Gelbmann bringt im Erzählprojekt „Vorläufig Lübeck“ eine Biographie zum Vorschein, worin Autor, Held und fiktionales Vorbild heftig miteinander vermischt sind. Vereinfacht könnte man sagen, jemand liest innig Gustave Flauberts satirischen Roman Bouvard und Pécuchet, worin sich die Figuren über sich selbst so lange lustig machen, bis sie aus dem Roman verschwinden und wieder die Rolle von Kopisten annehmen müssen.