Bilderbücher und ihre Bedeutung für die Entwicklung von Kindern – Teil 1

BB_KG_ti1_0.jpgKinder unternehmen alles, damit sich ihre Eltern mit ihnen beschäftigen. Galten sie früher als hilflose, passive Geschöpfe, zeigen neue Erkenntnisse der Säuglingsforschung und Entwicklungspsychologie, dass der Mensch in keiner Phase seines Lebens so viel lernt, sich so schnell verändert und entwickelt wie in seiner Kindheit. Kinder werden heute als aktive und gezielte Mitgestalter ihrer Umwelt betrachtet und Bilderbücher können bei der sprachlichen, emotionalen und sozialen Entwicklung eine ganz wichtige Rolle spielen.

Bereits für ganz kleine Kinder gibt es Fühlbücher, die den Tastsinn von Kinder beschäftigen, oder Bücher, die bei Berührung bestimmte Effekte, wie Geräusche, Lichter oder Bewegungen hervorrufen und mit denen sie sich selbständig beschäftigen können. Interessanter ist selbstverständlich das Vorlesen durch die Eltern, bei dem die Kinder unterschiedliche sprachliche Erfahrungen machen können wie Sprechweise, Sprechgeschwindigkeit, Betonung, Mimik und Körpersprache, die mit dem Lesen einhergehen, aber auch aufmerksames Zuhören lernen.

Das ritualisierte Vorlesen vermittelt den Kindern ein angenehmes Gefühl der Geborgenheit und bildet damit eine positive Grundlage für die zukünftige Haltung des Kindes zum Lesen. Das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern bietet zahlreiche Gelegenheiten zum Dialog, zum Frage- und Antwortspiel zwischen Eltern und Kind. Dabei lassen sich zahlreiche Themen des Alltags spielerisch behandeln und sprachlich zum Ausdruck bringen, wie z.B. wütend sein, „Klo-gehen“ u.a.

Während Eltern instinktiv ihre Sprache auf die sprachlichen Fähigkeiten ihres Kindes einstellen, werden Kinder in Kinderbüchern sprachlich meist mehr gefordert. Wortschatz und Satzbau sind meist komplexer gestaltet als die Alltagssprache des Kindes, was die Sprachentwicklung fördert. Besonders beliebt sind dabei Geschichten in Reimen, die von den Kindern rasch erfasst und auswendig gelernt werden und neue sprachliche Dimensionen eröffnen.

Im Bereiche der Pädagogik hat sich für die verschiedenen, mit dem Lesen verbundenen Kompetenzen der englische Oberbegriff „Literacy“ durchgesetzt. Dieser bezeichnet nicht nur die Fähigkeit, Zeichen inhaltlich und sprachlich zu erfassen, sondern auch ...

die Freude am Lesen, die Auseinandersetzung mit Texten und Geschichten, den Umgang mit Büchern, sprachliche und narrative Fähigkeiten, Deutung von Symbolen und Bildern sowie den Umgang mit neuen Medien wie Notebooks, Tablets, Internet oder dem Fernsehen. (Albers, Das Bilderbuch, S. 17)

Mit diesem breitgefassten Begriff kommt zum Ausdruck, dass die Grundlagen des Lesens bereits vor dem eigentlichen „Lesenlernen“ in der Schule gelegt werden. Die Auseinandersetzung des Kindes mit Sprache, Schrift und Medien erfolgt somit bereits als Teil der Erziehung in der Familie aber auch im Kindergarten. Dazu gehören alltägliche Erfahrungen von Kindern mit Symbolen wie z.B. für McDonalds oder verschiedene Automarken ebenso wie die Bedeutung der Farben bei Verkehrsampeln oder die verschiedenen Piktogramme auf Toilettentüren. Nicht weniger wichtig ist es, dass Kinder in ihrer Familie erleben, dass „Lesen“ und Bücher, Hefte und Zeitungen einen wichtigen Bestandteil des täglichen Lebens der Erwachsenen darstellen.

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Bilderbücher wie z.B. Bernd Penners "Gute Nacht, wünscht die Eule" fördern die Fantasie und Sprache der Kinder sowie den spielerischen Dialog mit den Eltern.
Bild: Ravensburger Verlag

 

Zwischen den einzelnen Familien kann es in Bezug auf die Förderung von Literacy große Differenzen geben. Diese hängen z.B. davon ab, wieviel Eltern ihren Kindern vorlesen, wie oft sie gemeinsam ein Bilderbuch betrachten oder wie bewusst sie die sprachliche Entwicklung ihrer Kinder im Alltag fördern. Im Kindergarten treffen Kinder mit häufig recht unterschiedlichen Erfahrungen im Umgang mit Sprache, Büchern und dem Umgang mit Symbolen aufeinander. Den frühpädagogischen Fachkräften kommt damit die wichtige Aufgabe zu, fehlende Erfahrungen mancher Kinder gezielt nachzuholen, um eine möglichst große Chancengleichheit bis zum Schuleintritt zu gewährleisten.

Wie in der Familie lassen sich auch im Kindergarten Bilderbücher gezielt dafür einsetzen, Kinder aktiv in das gemeinsame Betrachten und Besprechen der Bilder einzubeziehen. Dabei stehen die Fragen und Interessen der Kinder im Vordergrund, die eigene Ideen und Betrachtungsweisen in die Diskussion über die Geschichte einbringen und damit ihre sprachlichen und erzählerischen Fähigkeiten anregen und gezielt fördern sollen. Kinderbücher, mit ihren sprachlich komplexeren Strukturen, helfen dabei, die unterschiedlichen sprachlichen Grundlagen der Alltagssprache in den Familien auszugleichen.

Die Bedeutung von Bilderbüchern für die sprachliche Entwicklung von Kindern

Kindern, die sich sprachlich nicht ausdrücken können, fällt es in Kindergärten oder Kinderkrippen mitunter schwer, Beziehungen aufzubauen. Gezielte und wiederkehrende Routinen im Kindergartenalltag können Kindern dabei eine sprachliche Form der Sicherheit bieten. Das können Beispielsweise regelmäßig stattfindende Gespräche im Sitzkreis oder Erzählkreise sein, wobei das gemeinsame Anschauen von Bilderbüchern die Ausgangslage bilden kann, um über die Inhalte zu sprechen, Spiele zu entwickeln oder die Inhalte als Rollenspiele nachzustellen.

Das Bilderbuch dient dabei als Ausgangpunkt und Grundlage, um im Alltag des Kindergartens regelmäßige Anlässe zu schaffen, um gezielt Sprache und ihre richtige Verwendung einzuüben. Kinder lernen dabei spielerisch die Funktionen und Grundlagen von Sprache kennen.

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Wie oft und wie intensiv Eltern gemeinsam mit ihren Kindern lesen, hat Auswirkungen auf die Lesekompetenz und Lesefreude der Kinder. Foto: Pixabay

 

Bilderbücher und Altersstufen

Welche Bilderbücher eignen sich nun für welche Altersgruppen? Was sind die Kriterien für die Auswahl von Kinderbüchern? Welche Bücher gehören unbedingt in die Bibliothek eines Kindergartens und wie wählen Kinder eigentlich selbst eigentlich ihre Lieblingsbücher aus? Diesen Fragen soll im folgenden Abschnitt nachgegangen werden.

Bei den ganz kleinen Kindern bis drei Jahren suchen für gewöhnlich die Erwachsenen die Bilderbücher aus, wobei diese am liebsten Bücher auswählen, in denen sich eine heile Welt oder eine heile Kindheit widerspiegelt, die aber mit den realen Erfahrungen der Kinder oft wenig gemein haben. Für Kinder, die sich mit dieser „heilen Welt“ nicht identifizieren können, ist es gut, wenn Eltern auch aus Bilderbüchern oder Büchern vorlesen, in denen verschiedene Lebenssituationen der kindlichen Erfahrungswelt thematisiert werden.

Für die Auswahl der richtigen Bücher ist es wichtig, sich einen Überblick für die Vorlieben der verschiedenen Altersgruppen zu verschaffen.

Bilderbücher für die verschiedenen Altersgruppen

0 – 3 Jahre
Mit welchen sprachlichen und illustrativen Mitteln arbeiten Bilderbücher und was gefällt Kindern an Bildern und Sprache. Die Universität Boston hat in ihrem Programm „Zero to three“ versucht festzuhalten, welche Kriterien für die Auswahl von Bilderbüchern für die Altersgruppe 0 – 3 Jahre zu berücksichtigen sind.

0 – 6 Monate

  • Bücher mit einfachen Motiven, großen Bildern und klaren, deutlichen Farben
  • Stabile Bücher aus dicker Pappe, aus Stoff oder geeignetem Kunststoff

6 – 12 Monate

  • Stabile Bücher aus dicker Pappe, aus Stoff oder geeignetem Kunststoff
  • Große Formate
  • Bilder und Fotos von anderen Säuglingen, von der bekannten Umgebung (Stuhl, Tisch, Ball, Babyspielzeug etc.)
  • Bilder von Mitgliedern einer Familie (Mama, Papa, Geschwister) und Haus oder Wohnung

12 – 24 Monate

  • Bilderbücher aus Pappe, die sich auch im Kinderwagen oder auf Reisen mitnehmen lassen
  • Bilder mit großen Abb. und wenig Text
  • Bilder, die Tätigkeiten aus dem eigenen Erfahrungsbereich zeigen wie z.B. Schaukeln, Sandspielen, plantschen im Schwimmbecken, Klötze bauen
  • Bücher als Gute-Nacht-Geschichten, in denen auch das Schlafengehen thematisiert wird.
  • Büche mit leicht vorhersagbaren Handlungen
  • Bücher die sich reimen und zum Bild passen
  • Bücher mit Tieren, Kuscheltieren, Fahrzeugen wie Polizei, Feuerwehr, Kinderarzt etc.
  • Bücher, die an die Erfahrungen der Kinder anknüpfen

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Bilderbücher bieten schon für die ganz Kleinen spannende Leseerlebnisse zu den unterschiedlichsten Themen, die kleine Kinder betreffen.

 

24 – 36 Monate

  • Bücher mit kurzen Geschichten
  • Bücher mit Reimtexten zum leichten merken und nachsagen
  • Geschichte mit leichter wiederholender Struktur
  • Bücher zu Größen, Mengen, Zahlen und Buchstaben
  • Bücher über Kinder aus aller Welt, verschiedene Lebensformen

(Vgl. dazu: Albers, Das Bilderbuch, S. 25 f)

Darüber hinaus bietet das Programm auch zahlreiche Tipps zum Einsatz von Bilderbüchern sowohl daheim in Familie als auch im Kindergarten

  • Der Umgang mit Kinderbüchern soll selbstverständlich (täglich) sein
  • Lesen in der Gruppe, bei Ausflügen und in allen Positionen
  • Kinder sollen erleben, dass Lesen Spaß macht, Interesse wecken
  • Bei kleinen Kinder ist es nicht wichtig, dass das ganze Buch gelesen wird, sondern dass regelmäßig vorgelesen wird
  • Bilder sollen zum Erzählen veranlassen
  • Nachspielen von Geschichten
  • Kinder sollen die Seiten umblättern
  • Wenn Kinder Seiten überspringen macht das nichts
  • Sprechen über Titelseiten, worum geht’s dabei
  • Zeigen von Wörtern (Fördert das Verständnis von Schriftsprache)
  • Unterschiedliche Protagonisten mit unterschiedlichen Stimmen lesen und Einsetzen des ganzen Körpers (macht das Lesen lebendiger, fasziniert Kinder)
  • Kinder nach der Geschichte fragen
  • Fragen von Kindern zulassen
  • Kinder Teile der Geschichte erzählen lassen

(Vgl. dazu: Albers, Das Bilderbuch, S. 27)

Bilderbücher für die Altersgruppe 3 – 6 Jahre

Bilderbücher für diese Altersgruppe zeichnen sich durch höhere inhaltliche und sprachliche Komplexität aus. Im Folgenden wird aufgelistet, für welche Art von Büchern sich die verschiedenen Altersgruppen interessieren, wobei die Übergänge natürlich fließend sind.

3 – 4 Jahre

  • Bücher mit lustigen Texten, auch mit Widersprüchen und Ironie als Stilmittel
  • Bücher, die mit Rollenbildern spielen und diese umkehren
  • Bücher die mit Sprache spielen
  • Illustrationen / Wimmelbilder, auf denen sich zahlreiche Geschichten entdecken lassen
  • Geschichten, die zum Nachdenken anregen

5 – 6 Jahre

  • Bilderbücher, in denen die kindlichen Interessen aufgegriffen werden
  • Serien-Bücher in den Geschichten von den gleichen Helden erzählt werden
  • Kinder können in diesem Alter bereits längere Geschichten mit weniger Illustrationen erfassen

(Vgl. dazu: Albers, Das Bilderbuch, S. 28 - 30)

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Bilderbücher wie z.B. Christine Henkels „Mein erstes Wimmelbuch – Jahreszeiten“ helfen bereits erste Sachinformationen spielerisch zu erlernen.
Bild: Thienemann Verlag

 

Tim Albers, Professor für Inklusive Pädagogik an der Universität Paderborn, orientiert seine Tipps für die Auswahl von Kinderbüchern speziell an der Arbeit in Kinderkrippen und im Kindergarten, die aber auch für das Lesen in der Familie interessant sind.

1 Jahr: Es eignen sich kleine Bücher mit dicken Seiten und einem Gegenstand pro Seite. Kinder können die Seiten schon umblättern und die Abbildungen erkennen. Die Abbildungen in den Büchern können mit realen Gegenständen kombiniert werden, die neben das Buch gelegt werden.

1 ½ Jahre: Das Zusammenspiel der Sinne verfeinert sich. Die Bilder in Büchern werden erkannt und die Kinder sind aufmerksame Zuhörer, die auch schon die Gegenstände auf den Abbildungen benennen können.

2 Jahre: Kinder können kleine Szenen oder Episoden nachvollziehen. Kurze, einfache Geschichten eignen sich jetzt besonders gut, sie auch selbst zu spielen oder zu erzählen. Bücher sind ein Motor für den Wortschatzerwerb.

3 Jahre: Der Wortschatz der Kinder ist rasant angestiegen, Kinder können jetzt schon komplexere Satzkonstruktionen verstehen und produzieren. Bilderbücher sind jetzt sehr wichtig für die Grammatikentwicklung und sollten einen selbstverständlichen Teil des Kindergartenalltags einnehmen. Kinder haben schon Lieblingsthemen und ­bücher.

4 Jahre: Kinder können die Geschichten aus den Büchern mit ihren eigenen Erlebnissen vergleichen. Die Gefühle, Wünsche, Interessen und Ängste von Kindern sollten genau beobachtet werden, da Bilderbücher dabei helfen können, diese Emotionen zu verarbeiten.

5–6 Jahre: Kinder tauschen sich untereinander aus, spielen Geschichten aus den Büchern in eigenen Rollenspielen nach und interessieren sich für Zahlen und Buchstaben. Bücher sollten diesen Interessen entgegenkommen.

7 Jahre: Im Übergang zur Grundschule steht nun das Lesenlernen im Vordergrund. Kindern macht es dabei besonders Spaß, wenn sie mit einem Erwachsenen im Wechsel lesen.

(Vgl. dazu: Albers, Das Bilderbuch, S. 30 f)

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Zahlreiche Kinderbücher, wie das Buch „Der kleine Drache Kokosnuss kommt in die Schule“ von Ingo Siegner, haben die Bedeutung des gemeinsamen Lesens von Kindern und Eltern bewusst aufgegriffen. Bild: Cbj Verlag

 

Weiterführende Literatur:
Timm Albers, Das Bilderbuch-Buch - Sprache, Kreativität und Emotionen in der Kita fördern. Weinheim, Beltz Verlag 2015, 136 Seiten, ISBN 978-3-407-62904-3

Weiterführende Links:

 

Andreas Markt-Huter, 22-05-2018
Titelbild: Pixabay, Alexandra

 

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