Christoph Türcke, Natur und Gender

Christoph Türcke_Natur und Gender„Die Natur ist das, was wir aus ihr machen. Aber ist sie nur das – und sonst nichts? Erst diese Frage rührt an den Nerv des Problems. Wer sie munter bejaht, mag sich auf dem Weg zur Emanzipation von allen Naturschranken wähnen. Faktisch befindet er sich am Übergang von der Realitätstüchtigkeit zum Machbarkeits-, um nicht zu sagen, zum Schöpfungswahn. Wie sehr die aktuellen sozialen Kräfteverhältnisse diesen Wahn fördern: Darum geht es auf den folgenden Seiten.“ (S. 11)

Christoph Türcke geht der Frage nach, in welchem Verhältnis Konstruktion und Schöpfung zueinander stehen. Bereits in den antiken Mythen wird auf Veränderungen der Natur verwiesen, ein Gedanke der auch in der Evolutionstheorie zum Ausdruck kommt. Dem werden Konstruktionen aus Materialien der Natur gegenübergestellt.

In der Philosophie von der Antike bis in die Gegenwart wird nach einem Maßstab gesucht, an sich Wahrheit und Trug scheiden. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts wird Gott und die Schöpfung als Maß genommen. Mit der Aufklärung übernimmt die Vernunft diese Aufgabe. Bleibt aber nur noch menschliches Denken und Machwerk als Orientierung, wird die Welt grenzenlos und haltlos.

Alles von Menschen Gemachte ist gleichermaßen wahr. Wahrheit und Trug sind nicht mehr unterscheidbar. (S. 29)

Mittlerweile hat sich der Mensch immer mehr von der Natur entfernt und damit die Wurzeln seiner Kultur, Kunst und Technik aus einem Überlebenskampf in der Natur vergessen. Der Mensch vermeint die Natur zu überwinden, ja selbst umformen und überschreiten zu können.

In besonderer Weise drücke sich diese Überwindung der Natur in der Transgender-Frage aus, die das Ziel verfolge, das Geschlecht selbst bestimmen und ein drittes oder viertes Geschlecht konstruieren zu können. Auch wenn sich Sexualität festen Geschlechtszuweisungen entziehen könne, erscheine das Geschlecht in der Natur vor allem als männlich und weiblich.

Eine Gegenposition formulierte Michel Foucaults Dekonstruktivismus, der die Auflösung traditioneller Bezugsrahmen propagiert und zwischen Sex und Gender unterschied aber auch Judith Butler, welche die Unterscheidung zwischen Sex und Gender selbst als Produkt eines Diskurses ablehnt, weil die Bildung einer Geschlechtsidentität „immer schon zu den Konditionen eines gewaltförmigen, männlich dominierten binären Geschlechtsdiskurses“ (S. 124) erfolge.

In dieser Aufhebung von Natur und Konstruktion sieht Türcke eine Gefahr, die sich in der Gegenwart auch in der Zunahme von Unsicherheiten in Bezug auf den eigenen Körper wiederspiegeln. Der globale Kapitalismus kann diese Unsicherheit nützen und die Idee der Geschlechtervielfalt unterstützen und von seiner Wachstumsdoktrin und Ausbeutung aller Geschlechter ablenken, weil für ihn alle Arbeitskräfte ohnehin geschlechtslos erscheinen.

Christoph Türcke analysiert das um sich greifende Verständnis, das für sich in Anspruch nimmt „Ich bin das, als was ich mich fühle“ (S. 218) auf kein politisches Milieu beschränkt und vor allem im Internet stark verbreitet. Mit zahlreichen Hinweisen aus dem Bereich der Philosophie, Psychologie und Medizin versucht er den Ursprüngen und der Entwicklung dieser Denkweisen nachzugehen und ihre Konsequenzen aufzuzeigen.

Ein interessanter philosophischer Beitrag über Bedeutung der Natur und die Grenzen der Machbarkeit des Menschen, der auch auf die Gefahren verweist, wenn die Natur lediglich als vom Menschen beliebig konstruierbar und verformbar betrachtet wird.


Christoph Türcke, Natur und Gender. Kritik eines Machbarkeitswahns
München: C.H. Beck Verlag 2021, 233 Seiten, 22,70 €, ISBN 978-3-406-75729-7

 

Weiterführende Links:
C.H. Beck Verlag: Christoph Türcke, Natur und Gender
Wikipedia: Christoph Türcke

 

Andreas Markt-Huter, 20-09-2021

Bibliographie

AutorIn

Christoph Türcke

Buchtitel

Natur und Gender. Kritik eines Machbarkeitswahns

Erscheinungsort

München

Erscheinungsjahr

2021

Verlag

C.H. Beck Verlag

Seitenzahl

233

Preis in EUR

22,70

ISBN

978-3-406-75729-7

Kurzbiographie AutorIn

Christoph Türcke wurde in Hameln an der Weser geboren und ist emeritierter Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.