Christopher Clark, Skandal in Königsberg

Andreas Markt-Huter - 03.01.2026

Christopher Clark, Skandal in Königsberg„Zwischen 1835 und 1842 braute sich in Königsberg ein Skandal um zwei Geistliche zusammen. Ihr Ruf wurde ruiniert, sie verloren ihre Stelle, kamen ins Gefängnis und wurden aus dem öffentlichen Leben verbannt. Die juristische Entlastung von den schwersten Anklagen, die man gegen sie vorgebracht hatte, kam zu spät, um den Schaden wiedergutzumachen.“ (S. 9)

In Königsberg, der Stadt des berühmten Philosophen Immanuel Kant, kam es vor knapp 200 Jahren zu einer Gerüchte- und Denunziationskampagne gegen die beiden lutherische Prediger Johannes Ebel und Georg Diestel. Der bekannte australische Historiker lässt den Skandal Revue passieren und bettet das Provinzereignis gekonnt und mit großer erzählerischer Kraft in sein damaliges historisches Umfeld ein, wobei auch Ähnlichkeiten mit Verhältnissen unserer Gegenwart nicht zu verkennen sind.

Zunächst wird ein Bild der Stadt Königsberg gezeichnet, der ehemaligen Hauptstadt Ostpreußens, dessen Bevölkerung unter dem Krieg Napoleons gegen Russland schwer zu leiden hatte und dessen Stadtarchitektur die meisten Besucher in den 1830-er Jahren als enttäuschend empfunden haben dürften. Selbst die Universität fiel nach dem Tod Kant in den Zustand einer „verschlafenen Provinzhochschule“ zurück.

„Es gab keine prächtigen Residenzen im Stil Potsdams und Berlins. Die Häuser waren schmal.“ (S. 18)

Am Beginn des Skandals stand ein Bericht, den der preußische Minister für kirchliche Angelegenheiten in Berlin Carl Freiherr von Altenstein im Sommer 1835 aus Königsberg erhalten hat. In diesem wird berichtet, dass eine, von den Lehren eines toten Exzentrikers beeinflusste Sekte, unter der Führung eines Predigers namens Ebel, in der Stadt Königsberg sein Unwesen treibe. Frauen und Töchter aus angesehenen Familien sollen dabei zu sexuelle Unzucht angestiftet worden sein, es soll illegitimen Schwangerschaften gekommen sein und zwei Frauen seien durch exzessive Erregung an Erschöpfung gestorben.

Minister Altenstein, der Religions- und Meinungsfreiheit hochhielt, aber alles Radikale ablehnte, war von dem merkwürdigen Bericht alles andere als begeistert. Vor allem weil die Angelegenheit immer weitere Kreise zog und auch Graf Finkenstein aus familiären Gründen Johannes Ebel angeklagt. Ebels aufbrausender Freund Pfarrer Georg Distel reagierte auf die Vorwürfe des Grafen mit einem hasserfüllten Brief. Der Graf wiederum leitete alle Unterlagen an das kirchliche Gericht in Preußen weiter, womit die Angelegenheit immer größere Kreise zog. Der Streit nahm zunehmend die Gestalt eines Ringens zwischen Vernunft und Fantasie zwischen Licht und Finsternis an.

Christopher Clark gelingt es, facettenreich und mit viel Liebe fürs Detail, ein historisches Umfeld der Zeit der Ereignisse zum Leben zu erwecken und das Wesen und Denken der zahlreichen involvierten Protagonisten vorzustellen. Dabei beleuchtet er den Verlauf der Ereignisse aus den verschiedensten Perspektiven und zugrundeliegenden Wertvorstellungen der damaligen Zeit.

Die spannend erzählte Monographie zu einem Provinzskandal in der Zeit der ausgehenden Romantik zeigt aus der Distanz vergangener Jahrhunderte, wie sich zwischenmenschliche Konflikte in einem bestimmten gesellschaftlichen Umfeld und Denken entwickeln und entladen können. Ein überaus lesenswertes Sachbuch, das durch seine erzählerische Kraft und sein breit vermitteltes historisches Wissen zu begeistern weiß.

Christopher Clark, Skandal in Königsberg. Eine Geschichte von Moral, Medien und Politik aus dem alten Preußen, übers. v. Norbert Juraschitz [Orig. Titel: A Scandal in Königsberg, 1835-1842]
München: DVA 2025, 224 Seiten, 26,70 €, ISBN 978-3-421-07049-4

 

Weiterführende Links:
DVA: Christopher Clark, Skandal in Königsberg
Wikipedia: Christopher Clark

 

Andreas Markt-Huter, 13-11-2025

Bibliographie
Autor/Autorin:
Christopher Clark
Buchtitel:
Skandal in Königsberg. Eine Geschichte von Moral, Medien und Politik aus dem alten Preußen
Originaltitel:
A Scandal in Königsberg, 1835-1842
Erscheinungsort:
München
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
DVA
Übersetzung:
Norbert Juraschitz
Seitenzahl:
224
Preis in EUR:
26,70
ISBN:
978-3-421-07049-4
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Christopher Clark wurde in Sydney geboren 1960 und besuchte nach der Primarschule die Sydney Grammar School. Er studierte Geschichte von 1979 bis 1985 an der Universität Sydney, 1985 bis 1987 an der Freien Universität Berlin und von 1987 bis 1991 am Pembroke College der University of Cambridge, wo er promovierte. Er lehrt als Professor für Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine's College in Cambridge.

Norbert Juraschitz wurde in Bergweiler geboren und studierte Osteuropäische Geschichte und Ostslavische Philologie in Tübingen. Er übersetzt in erster Linie Bücher aus den Bereichen Naturwissenschaft, Biographien sowie politisches und historisches Sachbuch aus dem Englischen und Russischen.