Hannes Hofinger, Die Leiche hinter dem Kriegerdenkmal

h.schoenauer - 19.01.2026

Hannes Hofinger, Die Leiche hinter dem KriegerdenkmalIn der naiven Malerei sind die Grenzen zwischen Handwerk, Kunst, Autodidaktik und Akademie aufgehoben. Was als schlichte künstlerische Äußerung erscheint, ist in Wirklichkeit eine Handhabung der Realität unter dem Filter der Lebenserfahrung.

Hannes Hofinger inszeniert seine „naiv-heiteren“ Dorfkrimis professionell als Textkunstwerke, worin die Handwerke des Publizierens, der Dorfchronik, der Fotografie und Dramaturgie im öffentlichen Raum jeweils zu einem unterhaltsamen Buch zusammengeführt werden. Innerhalb weniger Lesestunden gewährt diese Krimi-Sorte einen Einblick in die wahren Zusammenhänge eines Dorflebens.

Mit dem Genre „kurioser Heimatkrimi“ schaut Georg als ein locker erzählendes Kultur-Faktotum auf sein Dorf und bedient sich dabei der Form des „naiven“ Tratsches, wie er halb öffentlich, halb hinter vorgehaltener Hand ununterbrochen abgeführt wird.

Eine Einstimmung in das Recherchieren, Collagieren und Reproduzieren von Lokalgeschichte gibt bereits das wundersame Cover. Im Stile eines nostalgischen Comics ist die zu erwartende Handlung als Storyboard aufgemalt. Rund um das Kriegerdenkmal sind Adlerauge als frecher Greifvogel, Gebirgsspitzen als touristische Events, düstere Figuren aus der Vergangenheit und ein stets angeheiterter Würdenträger drapiert, nicht zu vergessen der Fotograf Georg, dem immer wieder der Mund offenbleibt ob der angebotenen Motive.

„Die Leiche hinter dem Kriegerdenkmal“ hat natürlich einen Plot, den man aber nicht durch Geheimnisverrat entwerten soll. Zumal der Plot ja darin besteht, dass aus den dargebotenen Gerüchten und Grotesken für jedes erdenkliche Dorf eine unverwechselbare Story erzählt werden kann.

Und das ist die wahre Geschichte: Weil sich die Einwohner ihrer eigenen Herkunft nicht bewusst sind, rennen sie geschichtslos durch den Ort und biedern sich den nächstbesten Touristen als groteske Vertreter einer flächendeckenden Folklore an.

Dabei treten die Helden als Klischee auf, wie beispielsweise die Grünen im Holzschnittformat oder der Nationalrat als heimtückisch hormongesteuerter Dauergast bei Festivals.

Das öffentliche Leben spielt sich als Inszenierung ab, wobei sich diverse Musikgattungen rund um den Kultur-Pavillon ablösen und so für jeden etwas zum Bewundern oder Beanstanden bieten. Flache Ausgewogenheit ist die treibende Kraft dieser Events mit dem Ziel, aus Einheimischen und Touristen einen kollektiven schunkelnden Brei zu gestalten.

Aus diesem Ambiente ergibt sich ein Kriminalfall wie von selbst. Rund um den Abgeordneten entwickelt sich das eine oder andere schmutzige Verhältnis, das auch einmal letal enden kann.

Dieses opulente Dorfgeschehen ist mit einer Parallelaktion im Waldviertel unterlegt, auf die der Protagonist Georg stößt, als er eine Familiengeschichte aufarbeiten soll.

Der Aufklärer hat sich einen Blick von außen angewöhnt, als er seinen Geburtsort verlassen hat, um in der Welt draußen etwas mit Kunst und scharfem Blick zu studieren.

Jetzt stößt er allenthalben auf einen Haufen amorpher Gestalten, die ihr Tagwerk herunterwürgen und sich dabei als aufgeklärt und frei geben.

Die Synopse zwischen Kriminalfällen im Waldviertel und im Tiroler Dorf ergibt erstaunliche Zusammenhänge. Die sogenannten Einheimischen sind stets auch einmal Fremde gewesen, die jetzt herrschenden Figuren haben oft Vorfahren, die sich als Habenichtse durchs Leben schlagen mussten.

Als Georg die Forensik zwischen seinen Einsatzgebieten freigelegt hat, hängt er seinen Recherchen einen beinahe wissenschaftlichen Sukkus an. Er durchstöbert zusammen mit einem wundersamen Bibliothekar an der Uni-Bibliothek die jüngere Geschichte Tirols und bleibt bei der Vertreibung der Protestanten aus dem Zillertal hängen. An diesem historischen Vorgang lässt sich nachlesen, was in der Tiefe der Tiroler Seele steckt – ein Blick in den Abgrund tut sich auf!

Der Begriff „kurioser Heimatkrimi“ erfährt dabei einen neuen Schliff. Wenn kein historisches Wissen vorhanden ist, entgleisen die Begründungen für das Alltagstreiben in der Gegenwart. Zwischen Alkoholismus, perverser Anbiederung an alles, was touristisch unterwegs ist, Geschmacksverunreinigung in künstlerischen Belangen und einer künstlichen Naivität, die als „lustig“ ausgegeben wird, schunkeln die Menschen über eine Bühne, auf der es kein Halten gibt. So purzeln schließlich die Helden der Reihe nach in die Tiefe und lösen Krimi-Alarm aus.

Hannes Hofinger erzählt hintersinnig das Repertoire der Heimatkrimis herunter und lässt dabei viel mehr durchschimmern, als in Buchstabenform im Buche steht.

Hannes Hofinger, Die Leiche hinter dem Kriegerdenkmal. Ein kurioser Heimatkrimi
St. Johann: Verlag Hannes Hofinger 2025, 216 Seiten, 16,00 €. ISBN 978-3-9505702-4-3

 

Weiterführender Link:
Verlag Hannes Hofinger

 

Helmuth Schönauer, 27-10-2025

Bibliographie
Autor/Autorin:
Hannes Hofinger
Buchtitel:
Die Leiche hinter dem Kriegerdenkmal. Ein kurioser Heimatkrimi
Erscheinungsort:
St. Johann i. Tirol
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
Verlag Hannes Hofinger
Seitenzahl:
216
Preis in EUR:
16,00
ISBN:
978-3-9505702-4-3
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Hannes Hofinger ist Buchhändler, Verleger, Autor und Bibliothekar in St. Johann/Tirol.