Mit fünfzig hält ein sensibler Künstler meist öffentlich inne, um sein Werkeln zu reflektieren und seinem Publikum fallweise darzulegen, welche Entwicklungskurven seine Kunst genommen hat. Denn in der Kunst ist nichts geradlinig.
Christian Kössler führt in seinem „Essay über sich selbst“ seine drei Betätigungsfelder auf, in denen er seit Jahrzehnten künstlerisch und alltagstauglich zu Gange ist. Seit es Literatur gibt, wird versucht, ihre Schnittstellen mit der sogenannten prosaischen Welt ausfindig zu machen und innovativ zu nützen. Dabei entstehen nicht nur fließende Übergänge zwischen der alltäglichen und der künstlerischen Welt, sondern auch zwischen den Kunstwelten schlechthin, wenn sie als solche angesteuert sind.
Vom Autor selbst sind in der Analyse zum Fünfziger folglich Literatur, Tormann-Kunst und Bibliothekswesen angesprochen, in allen drei Bereichen gibt es einen sinnlichen und einen pragmatischen Bereich.
Bei dieser Gelegenheit lässt sich die Arbeit des Christian Kössler als Alleinstellungsmerkmal für Tirol beleuchten. Nach seiner Auffassung gleicht die Arbeit eines Tormanns einem Künstler, der physisch und psychisch auf Draht sein muss wie etwa ein Balletttänzer. Die Choreographie wird einzig nach ihrem Erfolg gemessen, ob nämlich der Ball gefangen werden kann oder nicht.
Dieses Gedankenmodell ist in der Literaturgeschichte durch Peter Handkes Roman Die Angst des Tormanns beim Elfmeter spielerisch dargestellt. Sein Held Bloch bleibt beim finalen Elfer stehen und fängt den Ball.
Im Laufe eines Tormann-Lebens tun sich die schrägsten Konstellationen auf, die letztlich schmerzvoll oder euphorisch in Erinnerung bleiben, quasi als Sinnbild für hunderte von gelungenen oder missglückten Wochenenden. Der sportliche Kontext gleicht dabei dem literarischen, worin sich ebenfalls Tagesverfassung und Gunst des Publikums nicht planbar Ausdruck verschaffen.
Das literarische Konzept des Christian Kössler besteht darin, dass es fließend in den bibliothekarischen Betrieb eingebaut werden soll. Die Kunst, aus Büchern Fun und Kultur zu schöpfen, entspringt dem gekonnten Umgang mit literarischen Veranstaltungen. Im Idealfall wird ein Bucherlebnis zusammen mit dem Publikum zu einem literarischen Event mit schaurigem Esprit.
Die Geschichten sind mit Leib und Seele performt, oft unter Zuhilfenahme visueller Elemente. Die Genres Gruselstory, Schauermärchen oder Höllensage unterstützen die herausfordernden Paraden des Autors, der zwischen den Buchrändern hin und herspringt.
Eine besondere Tormannkunst muss jener hinlegen, der in der Nationalmannschaft der österreichischen Autoren spielt. Kein Wunder, dass Christian Kössler jahrelang diesen Posten mit Bravour und Textintelligenz bestritten hat.
Literat, Tormann und Bibliothekar stehen wie verschiedene Statuen auf dem gleichen Fundament, allen ist gemein, dass sie Spiel- und Standbein nicht verwechseln dürfen. Der Jubiläumsband erzählt von diesen Zusammenhängen in kleinen Episoden und ausgewählten Pointen.
Eingekleidet ist dieser Erzähl-Fundus in eine Geschichte des Heranwachsens, wo aus kleinen Anregungen zum Sporteln, Lesen und Tüfteln jeweils eine Karriere, oder zumindest ein Beruf daraus geworden ist.
Anekdoten aus dem Handwerksmilieu der Bibliotheken, kreative Missverständnisse während diverser Lesetourneen, Fallstricke beim Hochfahren von Events und eine Liste von Publikationen, Reiserouten und Projekten, sowie eine Handvoll Gedichte ergänzen den Band, der immer wieder symbolträchtige Bilder eingeknipst hat.
Über den konkreten Anlass hinaus zeigt Christian Kösslers „Fünfziger-Band“ wie sich eine Eigen-Analyse als Künstler bewerkstelligen lässt. Das Buch ist letztlich auch eine Dankesschrift an das Publikum, das die Paraden und Texte des Autors über Jahrzehnte bewundert hat. Nicht umsonst bedankt sich jeder Tormann nach dem Match beim Publikum, egal ob er einen Treffer kassiert oder abgewehrt hat. – Möge das Publikum weiterhin seinem Idol folgen hinein „Zwischen Bällen und Bergen, Büchern und Bibliotheken“.
Christian Kössler, 50 - Zwischen Bällen und Bergen, Büchern und Bibliotheken. Abbildungen
Innsbruck: TAK Verlag 2025, 148 Seiten, 20,00 €, ISBN 978-3-900888-95-4
Weiterführende Links:
TAK Verlag: Christian Kössler, 50 - Zwischen Bällen und Bergen, Büchern und Bibliotheken
Wikipedia: Christian Kössler
Helmuth Schönauer, 08-12-2025