Stefan Soder, Schorsch

h.schoenauer - 16.02.2026

Stefan Soder, SchorschWenn die Stimmung im Land wieder einmal bedrückend wird, hilft manchmal ein Roman nach der Vorlage von Kleists Michael Kohlhaas, damit man sich mit dem Helden identifizieren, mit ihm kämpfen und mit ihm in Würde untergehen kann.

Stefan Soder stiftet der Literatur mit dem „Schorsch“ einen sympathischen Helden, der in einer Welt des wirtschaftlichen Umbruchs mit der bewährten Tradition des Bauer-Seins Schiffbruch erleidet. Der Plot ist speedy wie das Netz, ständig zweigen aus dem Hauptstrang elementare Reibereien ab, die den Roman in seiner Dramaturgie bald zu einem gedachten Film werden lassen, den weder Personal noch Regie stoppen können.

Am ehesten könnte man die erzählte Groteske noch mit dem wundersamen Film „Fargo“ vergleichen, wo in der entlegenen Gegend die Helden sich punktgenau treffen, um sich beiseite zu schaffen.

„Schorsch“ gehört wohl in die Kategorie „Tiroler Western“, im Ambiente zwischen Bergdoktor und Tatort greift der verschuldete Bergbauer Schorsch zur Selbsthilfe und wird zu einem Robin Hood. Er beobachtet Gäste mit ausländischen Kennzeichen vor der heimischen Bank, wie sie ununterbrochen ihre Schwarzgelder abholen, weil sich in der Bankenszene wieder einmal die Zinslage verschoben hat.

Ein paar davon überfällt er ungeniert und nimmt ihnen die Hälfte des Geldes als Steuernachzahlung ab. Mit diesem erbeuteten Schwarzgeld gedenkt er, die ärgsten Schulden abzuzahlen und den Hof für seinen Sohn retten zu können.

Schorsch gelangt jedoch in allen Lebensbereichen an seine Grenzen, als Bauer, Geschiedener, Touristiker, Fremdenführer, Jäger, Liebhaber und vor allem als Vater. Ähnlich dem Franz Kafka, der in einem orgiastischen Brief an seinen Vater die Unmöglichkeit beschrieben hat, ein guter Sohn zu sein, schreibt der Schwarzgeldräuber in mehreren Portionen einen Brief an seinen Sohn, worin er die Zusammenhänge zwischen Geld, Tradition, Tirol und Welt zu erläutern versucht. Das Ergebnis ist deprimierend, aus dieser allgemeinen Wirtschaftsfalle gibt es kein Entrinnen, es bleibt nur die Wahl der Waffen für den Showdown.

Der Roman wird spätestens ab jenem Zeitpunkt zu einem Thriller, als der gute Räuber an wirklich böse Kerle aus den Niederlanden gerät. Plötzlich wird aus den folkloristischen Überfällen im Alpental ein internationaler Gangsterkrieg mit Schwerpunkt Rotterdam.

Die forensischen Zusammenhänge sollen hier nicht verraten werden, um den professionell vorbereiteten Plot nicht zu spoilern.

Aber der Schwerpunkt des Romans liegt ohnehin in seiner Literarizität. Die Briefe des Vaters an seinen Sohn sind ein Vermächtnis, das jeder Tiroler unterschreiben oder abschreiben kann, wenn er der nächsten Generation vermitteln will, was schief gelaufen ist in der Gegenwart.

Die regionale Gesellschaft einer touristischen hochgefahrenen Wirtschaft lässt sich weder durch Mythen, Vereine noch durch Traditionen, Beschwörungsformeln oder Rituale im Zaum halten. Von dieser Schieflage des Zusammenlebens sind alle Schichten und Geschlechter betroffen.

Die Geliebte und Gegenspielerin des Helden ist an und für sich Hotelerbin, aber sie hält es im eigenen Betrieb nicht aus und wird Polizistin, was die Sache nicht besser macht. Auch ihr bleibt nach dem monströsen Ende des Romans nur eine Möglichkeit, die Chose in den Alpen zu überleben: Möglichst weit von zu Hause wegfahren und streng darauf achten, dass man nicht gegen die Fahrtrichtung sitzt und dabei sinnlos zurückschaut.

Der Sohn hingegen hat sich die Musik als Ausweg auserkoren. Er möchte auf das ganze Ambiente der Vorfahren pfeifen und spielen. Im Brief des Vaters stehen die passenden Ermunterungen und der Schlüsselsatz: „Glaube nicht, deine Vorfahren würden herabschauen auf das, was du tust. – Und wenn du Lust hast zu musizieren, ich werde dich hören. Dein Vater Georg,“ (152)

In einer Rezension wird Stefan Soders Roman in Anlehnung an einen Film beschrieben mit dem Slogan: „No country for poor man!“ Je voller die Alpen werden, umso weniger Platz bleibt darin für die Einheimischen und Habenichtse, die oft die gleichen sind.

Stefan Soder, Schorsch. Roman
Wien: Braumüller Verlag 2025, 112 Seiten, 22,00 €, ISBN 978-3-99200-399-0

 

Weiterführende Links:
Braumüller Verlag: Stefan Soder, Schorsch
Wikipedia: Stefan Soder

 

Helmuth Schönauer, 02-12-2025

Bibliographie
Autor/Autorin:
Stefan Soder
Buchtitel:
Schorsch
Erscheinungsort:
Wien
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
Braumüller Verlag
Seitenzahl:
112
Preis in EUR:
22,00
ISBN:
978-3-99200-399-0
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Stefan Soder, geb. 1975 in Kirchberg in Tirol, lebt in Wien.