„Den maßgeblichen Rahmen, wer wie zu behandeln war, bot die »Rassenhierarchie«, wonach das NS-Regime Menschen je nach Herkunft oder Religion in bessere und schlechtere, wertvolle und »minderwertige« einteilte.“ (S. 51)
Das nationalsozialistische Deutschland musste alle verfügbaren menschlichen Ressourcen und wirtschaftlichen Kapazitäten in die Fortsetzung des Krieges stecken. Reichte zu Beginn des Krieges noch die Anwerbung aus verbündeten und besetzten Staaten, so griff man im weiteren Verlauf immer stärker auf Zwangsarbeit und Kriegsgefangene zurück.
Gleich in den Vorbemerkungen geht Sabine Pitscheider auf die umfangreiche Quellenlage ein, welche eine breite und tiefgehende Untersuchung der Thematik erst ermöglichte. Probleme stellte die unterschiedliche Überlieferungsqualität in den Tiroler Bezirken da, weshalb einige Bezirke nicht im gewünschten Ausmaß beleuchtet werden konnten.
Eingeteilt in zwei Abschnitte versucht das Buch die umfassende Geschichte der Zwangsarbeit in Tirol zur NS-Zeit aufzuarbeiten und damit eine Lücke der zeitgeschichtlichen Forschung Ti-rols zu schließen. Im ersten werden die Jahre 1938 und 1939 und die Lage des Tiroler Arbeits-marktes nach dem „Anschluss“ behandelt. Anhand des Straßenbaus beleuchtet es eindrücklich, wie das NS-Regime durch Großbauprojekte versuchte, die Probleme der Arbeitslosigkeit und die schlechte Infrastruktur zu beheben, und wie noch vor Kriegsbeginn der Mangel an Arbeits-kräften zum beherrschenden Thema wurde und mit Kriegsbeginn sich weiter verschärfte.
Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit der Zwangsarbeit in Tirol in den Jahren 1939-1945, beginnend mit den Auswirkungen der NS „Rassenhierarchie“, mit ihrer Einteilung in wertvolle und „minderwertige“ Menschen, auf das Leben „Fremdvölkischer“ im Arbeitseinsatz für das Deutsche Reich bis hin zur Entwicklung des Einsatzes Kriegsgefangener und ziviler ausländi-scher Arbeitskräfte im Gau Tirol-Vorarlberg.
Am definierenden Teil schließen sich Analysen einzelner Bereiche an, in denen ausländische Kräfte Arbeit leisten mussten. Dazu zählten der Straßenbau, Wasserwirtschaftsbauten, die Landwirtschaft, Bergbau, Energiewirtschaft, Einrichtungen des Reiches (Post, Bahn und Hee-resverwaltung), Gemeinden und Industrie und Gewerbe. Für den letztgenannten Bereich wur-den für die Analysen einzelne Branchen oder Betriebe ausgewählt, die während der NS-Zeit in Tirol bestimmend waren.
Die abschließenden zwei Kapitel widmen sich zum einen dem Umgang des NS-Regimes mit erkrankten, verletzten oder toten Kriegsgefangengenen und mit psychisch kranken oder schwangeren „Fremdvölkischen“, zum anderen der Frage, welches Kontrollnetz das NS-Regime über Land spannte, um alle Arbeitskräfte, unabhängig von Herkunft und Status, zu überwachen, zu disziplinieren und bei Regelverstößen zu bestrafen. Die „Vergehen“ wurden meist im Arbeitserziehungslager Reichenau der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) oder im Ext-remfall in einem Konzentrationslager verbüßt.
Sabine Pitscheider schafft mit ihrer über 800 Seiten starken, reich bebilderten Monographie „Arbeitseinsatz im Reich. Zwangsarbeit in Tirol 1939 – 1945“ eine äußerst lesenswerte Aufar-beitung der Zwangsarbeit in Tirol zur Zeit des Nationalsozialismus und setzt ein wichtiges Zei-chen der Erinnerung.
Sabine Pitscheider, Arbeitseinsatz im Reich. Zwangsarbeit in Tirol 1939-1945. Veröffentlichungen des Tiroler Landesarchivs Bd. 28
Innsbruck: Tiroler Landesarchiv 2025, 872 Seiten, 48,00 €, ISBN 978-3-901464-31-7
Weiterführender Link:
Homepage: Tiroler Landesarchiv
Der 28. Band der Veröffentlichungen des Tiroler Landesarchivs „Arbeitseinsatz im Reich. Zwangsarbeit in Tirol 1939-1945“ von Sabine Pitscheider, 872 Seiten, ISBN 978-3-901464-31-7 ist im Tiroler Landesarchiv (6020 Innsbruck. Michael-Gaismair-Str.1; landesarchiv [at] tirol [dot] gv [dot] at bzw. +43 512 508 Kl. 3503 oder 3502) um € 48,-- (bei Versand zuzüglich Porto) oder im Buchhandel erhältlich.
Hannes Spitaler, 22-01-2026
Bearbeitet: Andreas Markt-Huter, 22-01-2026
Hannes Spitaler, BA ist Mitarbeiter im Tiroler Landesarchiv.