Anna Rottensteiner, Mutterbande

h.schoenauer - 04.03.2026

Anna Rottensteiner, MutterbandeEin vielschichtiger Roman hat den Vorteil, dass man ihn nicht falsch lesen kann. Denn eine Komponente passt immer, und über diesen entgegenkommenden Weg öffnen sich bald auch die Seitenstränge und Querträger der Komposition.

Anna Rottensteiner streut unter dem vielschichtigen Titel „Mutterbande“ verschiedene Zugänge zu einer Geschichte Tirols im letzten Jahrhundert, dabei wird die „Erlebnis-Last“ auf die Schultern einer Handvoll Frauen verteilt. Auf der einen Achse ruhen die historischen Aspekte von Migration in der Monarchie, Weltkriege, Teilung des Landes, Sprachflüsse, Faschismus, Option und Emanzipation, auf der anderen Achse sind familiäre Zusammenhänge, emotionale Knoten, Rollenbilder und unauffällige Frauenbiographien abgelegt.

Beide Achsen sind über den Begriff „Mutterbande“ verbunden, der eine Bande von Müttern genauso denken lässt wie die Assoziation mit Muttersprache, womit gemeint ist, dass jedes Kind zumindest den Erstkontakt zur Gesellschaft über die Mutter erfährt.

Im Roman sind diese Themen zwar ständig präsent, aber der Erzählfaden erweist sich als großartiger Sog, der einen durch den Roman pusht.

Gleich beim Öffnen des Buches wendet sich eine „intellektuelle Stimme“ einem zu, die Ich-Erzählerin Unica, die über lose Freundschaft Zugang zur Mutterbande aufrechterhält. Dabei durchforstet sie Tagebücher, sichtet Korrespondenzen, notiert Gerüchte und lässt sich rund um die Uhr erzählen, was während eines Jahrhunderts Frauen in Tirol erleben durften und mussten.

Die vier Hauptfiguren Ada, Toni, Betti, Tricy fungieren einerseits als Zeitzeugen der jeweiligen Historie, andererseits als literarische Avatare, die den Alltag subversiv mit ihren Träumen durchsetzen.

In einer Kapitelübersicht am Schluss sind diese Heldinnen vor allem mit ihren Zuspitzungen herausgehoben, nebenbei fungieren sie als Moderatorinnen eines Themas und sind zufällig untereinander verwandt. Aus diesem Bauplan wird ersichtlich, dass familiäre und genetische Zusammenhänge zufällig entstehen, während Solidarität, Widerstand und Gestaltungskraft als individuelle Eigenschaften mühsam erarbeitet werden müssen.

Wesentliche Episoden spielen in einem Mix aus gesellschaftlichen Gegebenheiten und privaten Lösungsversuchen in Innsbruck oder Bozen. Dabei sind diese Städte nur als Verwaltungssymbole anmoderiert, der Kampf ums geglückte Leben wirkt bis in die kleinsten Dörfer hinein.

Ein Mädchen wird aus der Dorfidylle herausgerissen und muss in Bozen die Welt mit einer neuen Sprache definieren. Gleiches geschieht jener Frau, die ihrem Mann von Bozen nach Innsbruck folgen muss, weil dieser am Ende der Monarchie dort einen besseren Posten bekommen hat. In einem dritten Fall sind bei Kriegsende die Männer gefallen oder für die Arbeit ausgefallen, und die Frauen müssen ihre Posten übernehmen; ‒ eine Frau wird Schaffnerin auf Zeit.

Diese Schicksale wenden sich direkt erzählt an die Leser selbst, obwohl sie natürlich sorgfältig recherchierte Fiktionen sind, wie man diese „Basis-befestigten Erfindungen“ auch nennen könnte.

Die einzelnen Episoden lassen sich abgerundet für sich selbst lesen, wie jenen Fall einer Haushaltshelferin aus Südtirol, die dekadenten Dada-Künstlern in Tarrenz zu Diensten steht und erschrocken feststellt, dass die Kunst kein Ausweg aus der Gewalt ist.

Überhaupt die Gewalt. Sie steckt verdeckt hinter beinahe jeder Beziehung. Zynisch könnte man annehmen, dass Gewalt erst zu Hause ausprobiert wird, ehe sie als Faschismus auf die Straße geht.

Angestachelt von der Treffsicherheit der Episoden geht man als Leser stets der Frage nach, wie diese Sprache gestaltet ist, die so berührend erzählt.

Einmal ist es die Verquickung von Dialekt, Verschriftlichung und Sprachwechsel, die den Texten eine Heimat zwischen den verwendeten Sprachen bietet.

Und zum andern ist es eine fein ausgeklügelte Sprech- und Sprachtheorie, die die Erzählerin zwischendurch als Einschübe vermittelt. ‒

„Letzter Zwischenruf. Ich wusste nämlich, sie würde eine eigene Sprache finden (müssen).“ (207)

Vieles wirkt lange nach, wenn etwa von „Sprachröcken“ die Rede ist, in die es sich je nach geschlechtsspezifischer Notwendigkeit mit einem passenden Sprechduktus schlüpfen lässt.

Anna Rottensteiner stellt das Erzählte schließlich in Frage, wenn sie auf die Fragilität der Geschichte und der darin eingelagerten Erinnerungen anspielt.

Ihre Hauptfigur gibt vor, gerne in Hotels zu übernachten, um mitten in der universellen Mobilität zur Ruhe zu kommen. Als sie einmal im Hotel im Bozner Bahnhofsviertel eincheckt, muss sie nach einem Stadtrundgang feststellen, dass das Hotel gerade abgerissen wurde. Mit Mühe entdeckt sie im Bauschutt ihren Koffer, worin ihre bisherigen Recherchen eingelagert sind. – Nichts ist sicher, nichts hat Bestand.

Anna Rottensteiner, Mutterbande. Roman
Innsbruck: Edition Laurin 2025, 248 Seiten, 23,60 €, ISBN 978-3-903539-55-6

 

Weiterführende Links:
Edition Laurin: Anna Rottensteiner, Mutterbande
Universität Innsbruck: Anna Rottensteiner

 

Helmuth Schönauer, 20-01-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Anna Rottensteiner
Buchtitel:
Mutterbande
Erscheinungsort:
Innsbruck
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
Edition Laurin
Seitenzahl:
248
Preis in EUR:
23,60
ISBN:
978-3-903539-55-6
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Anna Rottensteiner, geb. 1962 in Bozen, lebt in Innsbruck.