Liebe, Unglück, Krieg und Frieden geschehen fürs erste einmal so vor sich hin und werden erst später benannt und eingeordnet. In der Literatur verwendet man dafür den Ausdruck „im ersten Licht“, worin etwas Frisches liegt wie die Bergkette bei Morgenlicht oder die Veranda im Strahl des Frühstückskusses.
Norbert Gstrein erzählt „Im ersten Licht“ vom vergangenen Jahrhundert, als erzählenden Lichtstrahl verwendet er einen gewissen Adrian, der pünktlich 1901 für das damals noch frische Jahrhundert geboren ist, und dem bald einmal der Erste Weltkrieg in die Biographie pfuscht. Um nicht einrücken zu müssen, schlägt ihm sein Vater, ein Sozialdemokrat und Briefträger, mit der Axt einen Hinkefuß mit der Bemerkung, „die da oben sollen sich im Krieg gefälligst selbst ausrotten“.
Der Roman beginnt mit dem Desaster nach dem Ersten Weltkrieg, wo kleinere Rollen zwar weggefallen, die großen Scherenschnitte Arm und Reich aber wie eh und je die Dramaturgie bestimmen. Die Begutachtung des Jahrhunderts führt Adrian an die Rezeption eines Salzburger Hotels, nebenbei macht er Bekanntschaft mit den Kriegsversehrten, die versteckt in einer nahen Villa einquartiert sind. Dabei handelt es sich um ehemals gut situierte Kriegsfreiwillige aus der Hauptstadt, die sich plötzlich an den Rand der Veranda ducken, um nicht gesehen zu werden. So manchem ist nämlich „der Stacheldraht in die Fresse gefahren“ und hat sein Gesicht zerstört.
Das große Thema des Romans heißt schlicht „Krieg und Frieden“, und anlässlich des Krieges in der Ukraine drängt sich die Gegenwart Satz für Satz in das Erzählte von vor rund hundert Jahren.
Die unverwechselbare Erzählleistung des Norbert Gstrein besteht auch in diesem Roman wieder darin, die Geschichte zu dekantieren und dem historischen Stoff Anreicherung mit dem kargen Sauerstoff der Gegenwart angedeihen zu lassen, die Geschichte also zum Atmen zu bringen.
Als sich das erste Chaos des Untergangs der Monarchie gelegt hat, wird Adrian immer häufiger auf sein Hinken angesprochen und nach seinem Kriegseinsatz gefragt. Es scheint, als bliebe seine Feigheit, nicht einzurücken, ein lebenslanger Makel. Rundum gehen die Versehrten zugrunde, bringen sich um, oder werden für tot erklärt wie jener Ernest Eller, dem das erste Kapitel gewidmet ist. Als dieser schließlich die Villa anzündet und darin verbrennt, schreibt man auf seinen Grabstein nur ein Wort: Lemberg.
Das mittlere Kapitel ist einem Martin Baumgartner gewidmet, Adrian hat in Wien Geschichte und Englisch studiert und unterrichtet, schon wieder kriegsuntauglich, unter anderem diesen Musterschüler der neuen Zeit, der begeistert in den Krieg zieht, bis er in Massenerschießungen involviert ist und als wandelnder Alptraum seinen Lehrer Adrian heimsucht. Dieser hat eine Kollegin aus dem Lehrkörper geheiratet und führt insofern eine Kriegsehe, als sie genauso lange dauert wie der Zweite Weltkrieg.
Das dritte Kapitel ist mit „In Memoriam Teddy Stephen“ überschrieben. Die Hauptfigur ist endlich in den 1950ern nach England gekommen und lässt sich von den imposanten „Downs“ an der Küste inspirieren, das Leben zu ordnen. Diese Gegend in Sichtweite zum Festland gilt seit Jahrhunderten als Inbegriff von Natur und Krieg, worin jeder den Atem anhält, egal in welcher Mission er unterwegs ist. Adrian erlebt noch einmal eine Frau, eine gewisse Vivian tritt ihm mit ironischer Sorgfalt entgegen, indem sie meint, niemand rede ein so altes Englisch wie die Österreicher. England arbeitet gerade die patriotische Vergangenheit seiner Soldaten in beiden Weltkriegen auf, bei dieser Gelegenheit wird das Schicksal von Vivians Bruder ausgegraben. Dieser Teddy Stephen wollte sich im ersten Weltkrieg bei Ypern absetzen und ist standrechtlich erschossen worden.
Das Thema Kriegsdienstverweigerung, Feigheit und Lebenssinn holt Adrian jedes Jahr aufs Neue ein, als er ein Jahrzehnt lang in den Ferien in den Downs sich selbst sucht.
Umrahmt werden die Englandaufenthalte von jeweils einem Verkehrsunfall bei der ersten und letzten Reise, als er beides mal wegen Linksverkehr einen formidablen Blechschaden produziert.
Als Epilog und Einordnung des Ganzen gibt es noch eine kleine Szene mit dem sogenannten „Autor“. Adrian ist schon achtzig und wohnt in Wien über einer Buchhandlung, als dort ein Autor liest, der den Gesichtszügen nach Gstrein ist. Auch seine Buchtitel deuten auf diese Spur hin. Während der Lesung kommt es zu einem Eklat, als eine Frau plötzlich wissen will, was der Autor vom Bundespräsidenten hält, der sich um diese Zeit bis ins Burgtheater hineingespielt hat. – Der Autor weiß es nicht, was ihm übel ausgelegt wird.
Adrian lädt den Autor für den nächsten Tag ein, er habe ihm etwas Wichtiges aus 1941 zu erzählen. Aber der Tag vergeht ohne Begegnung und lässt den Helden alt und außer Form zurück: Wie soll es jetzt weitergehen, fragt er sich beinahe panisch.
Als Abspann ist ein Satz von Joseph Roth installiert: „… dieses Kadaverleuchten lebender Leichname …“
Warum entsteht letztlich ein wohliges Gefühl beim Lesen, obwohl das erzählte Jahrhundert so rabiat und blutig verlaufen ist? Wie führt uns der Autor hinters erste Licht?
- Selbst das Nichtschicksal eines Postlersohns wird dicht und trüb, wenn dieser lange genug lebt und dabei seine Jungendsünde, den Kriegsdienst zu verweigern, nicht mehr los wird.
- Als zentrale Schicksalsachsen zwischen den Gezeiten erweisen sich Hotels und Villen, darin wird erst Geschichte gemacht und später Rehabilitation versucht.
- Die durchgehende Erzählung suggeriert, dass Geschichte durchaus freundlich ist, wenn wir ihr nur innig zuhören.
- Die regelmäßigen Jahresangaben evozieren einen Sound von Vollständigkeit, wie er sonst nur in Kalendern auftritt. Bemerkenswert sind Fügungen wie „1963 also“ , „1912 das Jahr damals“.
- Als Übung zum Selbsteinordnen der Geschichte sind für die Leser stets Seitenschicksale aufgeblättert. Eine Figur heißt Stegner und ist das ganze Jahrhundert hindurch Kaiserjäger, der den Verlust Südtirols bedauert. (Dieser Tage ist ein sogenannter Pusterer Bua ähnlichen Namens ähnlich traurig verstorben).
- Die Ironie beim Erzählen bricht sich Bahn nach dem Motto, es ist ja nur für die Germanisten so gemacht. Jetzt ist es aber zu melancholisch, stellt der Adrian im Dialog fest, und als seine Freundin dem Helden mit dem kaputten Gesicht den Busen zeigt, damit er etwas vom Restleben hat, will er wissen, in welcher Sprache er dieses Begehren geäußert hat.
- Und regelmäßig verklumpt eine Beschreibung in pure Poesie. Das beginnt mit dem Eingangszitat „Außerdem bin ich sehr glücklich, wenn ich über die Downs gehe“ von Virginia Woolf, und hat seinen Höhepunkt im Grabstein „Lemberg“, womit sich der Kreis zwischen dem Galizien der Monarchie und der Ukraine vor der EU wieder schließt.
Norbert Gstrein, Im ersten Licht. Roman
München: Hanser Verlag 2026, 416 Seiten, 27,80 €, ISBN 978-3-446-28297-1
Weiterführende Links:
Hanser Verlag: Norbert Gstrein, Im ersten Licht
Wikipedia: Norbert Gstrein
Helmuth Schönauer, 19-02-2026