Luise Schorn-Schütte, Die Teilung der Macht

Andreas Markt-Huter - 27.04.2026

Luise Schorn-Schütte, Die Teilung der Macht„Europa war ein Kontinent der Regionen, und es war zugleich Teil einer globalen Ordnung. Diese Charakterisierung benennt eine Grundspannung, die die europäische Geschichte auch über das 18. Jahrhundert hinaus begleitete. Regionale Vielfalt ist als Sprachenvielfalt, als Vielfalt religiöser Überzeugungen, als Vielfalt politischer und wirtschaftlicher Ordnungen und als kulturelle Vielfalt stets existent geblieben.“ (S. 9)

Mit der Veränderung politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse verändert sich auch der Blickwinkel auf die Vergangenheit sowie zeitgebundene die Einordnung und Interpretation historischer Ereignisse und Verläufe. Luise Schorn-Schütte versucht dem „Modernisierungspanorama“, dem Bild vom modernen Westen und rückständigen Osten das Historiker des ausgehenden 20. Jahrhunderts über die Frühe Neuzeit Europas gezeichnet hatten, ein differenzierteres Bild entgegenzusetzen.

Die Veränderungen in Europa von der Reformation bis zur Französischen Revolution sind zentrales Thema einer jeden Geschichte der Frühen Neuzeit. Auch Luise Schorn-Schütte untersucht die Ursachen und Gründe für die Transformation der politischen und religiösen Ordnungen in Europa während dieses Zeitraums sowie deren globale Auswirkungen. Dabei spricht sie sich gleich zu Beginn gegen die traditionelle Sichtweise eines linearen Fortschrittsprozesses aus nimmt vielmehr den Blickwinkel der Zeitgenossen auf, wie diese den Wandel ihrer Lebenswelt wahrnahmen und erklärten.

Zunächst geht sie der Frage nach „Was ist Europa?“, was sind die demographischen Grundlagen, welche wirtschaftliche Strukturen sowie soziale und religiöse Ordnungen prägen die verschiedenen Regionen in Europa und wie verändern sich diese im behandelten Zeitraum.

Die anschließenden Kapitel setzen sich mit den einzelnen historischen Abschnitten diese Epoche auseinander, beginnend mit der Zeit der Reformation, dem religiösen und sozialen Wandel sowie der Auseinandersetzung der Großmächte um die Vormachtstellung in Europa. Beispielhaft für diese Zeit wird Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen kurz porträtiert.

Die weiteren Kapitel zeigen die Herrschaftskonflikte durch den religiösen Wandel sowie die Entwicklungen in den verschiedenen europäischen Regionen auf und die anschießenden Auseinandersetzungen zwischen den Ständen und Monarchen um die Herrschaft und die politischen Grundwerte. Beispielhaft dafür werden Johannes á Lasco und Georg Erasmus Freiherr von Tschernembl vorgestellt.

In Kapitel VI „Europa um 1650: Herrschaftswandel durch Krieg? …“ stehen die kriegerischen konfessionellen Auseinandersetzungen in Europa in der Zeit des 30-jährigen Krieges und die diplomatischen Versuche einer Friedenseinigung im Mittelpunkt. Daran anschließend werden die Ursachen für Aufstieg des Absolutismus und die hierarchisch geordnete Fürstengesellschaft in Europa sowie die regionalen Unterschiede dieser Veränderungen aufgezeigt.

Die abschließenden Kapitel zeigen die Entwicklungen in Europa bis zur Französischen Revolution von den sich entwickelnden kolonialen Strukturen und den damit verbundenen kriegerischen Auseinandersetzungen in Europa und Übersee. Daran anschließend werden die Machtpolitik der europäischen Großmächte, der Weg zur Erklärung der Menschenrechte sowie die zunehmenden Forderungen nach Verfassungen thematisiert. Als biographische Beispiele werden Martha Washington, die Frau des ersten US-Präsidenten, und Königin Luise von Preußen vorgestellt.

Luise Schorn-Schütte bietet ein rundes Bild einer Epoche fundamentalen Wandels, in der sie politische Praxis geprägt sah durch Aushandlungsprozesse zwischen Monarchen, Ständen und kirchlichen Institutionen. Dabei werden theologische Debatten nicht als bloße Randerscheinungen bewertet, sondern als Grundlage für die sich entwickelnden politischen Ordnungsvorstellungen, wobei vor allem die Reformation als entscheidender Katalysator für neue Konzepte der Machtverteilung ausgemacht wird. Der Weg zum modernen Staat zeigt sich dabei in Europa keineswegs einheitlich. Vielmehr gab es vielfältige, teils gegensätzliche Gesellschaftsentwürfe, die eine gerechte und stabile Ordnung sichern sollten.

Eine überaus lesenswerte und informative Monographie, über einen spannenden Zeitraum der europäischen Geschichte, das neue Blickwinkel und Schwerpunkte aufnimmt und verarbeitet.

Luise Schorn-Schütte, Die Teilung der Macht. Eine Geschichte der Frühen Neuzeit, mit 9 Abbildungen, 12 Karten und 10 Stammtafeln
München: C.H. Beck Verlag 2026, 384 Seiten, 39,95 €, ISBN 978-3-406-84315-0

 

Weiterführende Links:
C.H. Beck Verlag: Luise Schorn-Schütte, Die Teilung der Macht
Wikipedia: Luise Schorn-Schütte

 

Andreas Markt-Huter, 31-03-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Luise Schorn-Schütte
Buchtitel:
Die Teilung der Macht. Eine Geschichte der Frühen Neuzeit
Erscheinungsort:
München
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
C.H. Beck Verlag
Seitenzahl:
384
Preis in EUR:
39,95
ISBN:
978-3-406-84315-0
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Luise Schorn-Schütte wurde in Osnabrück geboren und studierte Rechts-, Geschichts- und Politikwissenschaft an den Universitäten Göttingen, Marburg an der Lahn und Münster. Sie lehrte an der Universität Frankfurt am Main als Professorin für Neuere Allgemeine Geschichte mit dem Spezialgebiet Frühe Neuzeit.