Gianrico Carofiglio, Der Horizont der Nacht

h.schoenauer - 24.04.2026

Gianrico Carofiglio, Der Horizont der Nacht„Meine Mandantin wird beschuldigt, den Ex-Freund ihrer Schwester getötet zu haben. Tatsächlich wird sie nicht nur beschuldigt, sie war es.“ (46)

Gianrico Carofiglio lässt seine Romane meist aus der Sicht eines grüblerischen Anwalts erzählen, wodurch die Ich-Position fiktional seiner Autobiographie sehr nahekommt, immerhin fußt auch sein literarischer Ruf auf der Tätigkeit eines erfolgreichen Antimafia-Anwalts in der apulischen Hauptstadt Bari.

„Der Horizont der Nacht“ spielt auf den Umstand an, dass sich Erkenntnisräume erweitern, wenn sie sich ins Innere der Psyche verlagern. Die Nacht ermöglicht eine Nachjustierung der Perspektive und sei es nur, dass sich alle Konturen dabei auflösen.

Im Roman verändert der Ich-Erzähler Avvocato Guerrieri (Avvocato wird fast wie ein Vorname behandelt) im Laufe eines Falles seine Haltung zur anwaltlichen Grundfrage:

„Ist es besser zu wissen oder nicht zu wissen, ob der Mandant schuldig ist?“ (62)

Der Fall scheint sehr eindeutig zu sein, der Erzähler wird zu einem Freundschaftsdienst gerufen, eine Bekannte soll den Exfreund ihrer Zwillingsschwester erschossen haben und hält sich völlig außer sich irgendwo im Verborgenen auf.

Im ersten Teil muss also diese Person aufgespürt und der Justiz übergeben werden, im zweiten Teil geht es darum, trotz eindeutiger Sachlage ein halbwegs erträgliches Urteil herauszuschlagen.

Soweit der Plot. Aus Rücksicht auf die an die Spannungsfolie gebundenen Leser von Krimis und Forensik soll das Ende nicht verraten werden.

Aber der Schwerpunkt dieses Romans liegt ohnehin ganz woanders, nämlich beim Altern eines Systemerhalters in einem alternden System. Die Advokatenszene Italiens bringt es mit sich, dass nicht nur ihre Protagonisten allmählich in Pension gehen, sondern auch das ganze Rechtssystem hat eine gewisse Spurweite auf dem Buckel, sodass manche Fälle mit den bestehenden Paragraphen nicht mehr richtig behandelt werden können.

Der Held versucht sich in diesem alternden System mit Boxen halbwegs fit zu halten. Der Sack, auf den er einschlägt, ist immer derselbe, aber die ausgeteilten Schläge sind jeden Tag anders geartet.

Während der Fall so nebenher mitläuft, erzählt der Advokat von seinem Bemühen, durch Querverbindungen mit Künsten, Literatur und Psychologie der Justiz und sich selbst eine verlängerte Jugend zu verpassen.

Wir Leser erfahren einiges über die psychische Verfasstheit von Opfern, Tätern und Zeugen. Jede Vernehmung ist auch ein Stück Psychologie. Oft ist auch nicht klar, ob die Beschreibungen aus dem Segment Justiz oder Literatur stammen. Wenn sich im Kopf ein Gedanke entwickelt, warum tritt er dann oft als Literatur hervor und nicht als Urteil?

Der Held lässt seine Belesenheit einfließen, an manchen Tagen geht er nur deshalb ins Gericht, um dort die angelesene Literaturgeschichte vorzutragen in der Hoffnung, dass diese mindestens so gerecht ist wie die Urteile aus den Prozessen.

Die Sprache spielt diesen Voruntersuchungen und Hauptverhandlungen ständig einen Streich. Darf man beispielsweise das N-Wort ins Protokoll nehmen, wenn es tatsächlich von jemandem so verwendet worden ist?

Wie verblassen Erinnerungen in der Literatur und in der Zeugenschaft? Müssten letztlich nicht alle Fälle neu verhandelt werden, so wie wir ja auch in der Literatur ständig die Bücher neu verhandeln, indem wir sie zu allen Epochen neu lesen?

Vielleicht ist der Fall auch unlösbar, denn was immer auch zu diesem Pistolenschuss geführt hat, wir können es nur mit Hilfskonstruktionen beschreiben und in einen scheinbaren Sinn einwickeln.

Am Höhepunkt des Kopf-Brütens explodiert die Stadt unter Hitze und Touristen. Beides macht das Leben für Einheimische schwer, sodass der Advokat eine Auszeit nimmt in Irland, wohl wissend, dass er dort als Tourist genauso unerwünscht ist wie jene in Bari, vor denen er geflohen ist.

Im Herbst der Entscheidungen, der von den meisten allein schon durch die Abkühlung der Witterung als Erlösung empfunden wird, kommt auch der Fall zu einem seltsamen Ende.

Beim Prozess werden Kapazunder aus diversen Sachgebieten hinzugezogen und lassen durch das gegenwartsbezogene Wissen die gesamte Justiz in einem verlässlich stabilen Zustand erscheinen.

„Der Strafprozess ist eine Maschine, die dazu gemacht ist, der menschlichen Fehlbarkeit Rechnung zu tragen.“ (240)

Solcherart gereift, kann der Erzähler demnächst in Pension gehen, wohl wissend, dass er eine gute Justiz hinterlässt, die allerhand kann, wenn man auf sie hört.

Gianrico Carofiglio hinterlässt einen herbstlichen Frieden bei seinen Lesern, die sich je nach Stimmung an der konsequenten Dramaturgie des Prozesses, aber auch an der konsequenten Kompetenz diverser Wissensgebiete delektieren können.

Gianrico Carofiglio, Der Horizont der Nacht. Roman. A. d. Ital. von Verena von Koskull [Orig.: L’orizzonte della notte; Turin 2024]
Wien, Bozen: folio Verlag 2026, 267 Seiten, 26,00, ISBN 978-3-85256-926-0

 

Weiterführende Links:
folio Verlag: Gianrico Carofiglio, Der Horizont der Nacht
Wikipedia: Gianrico Carofiglio

 

Helmuth Schönauer, 07-03-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Gianrico Carofiglio
Buchtitel:
Der Horizont der Nacht
Originaltitel:
L’orizzonte della notte
Erscheinungsort:
Bozen Wien
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
folio Verlag
Übersetzung:
Verena von Koskull
Seitenzahl:
267
Preis in EUR:
26,00
ISBN:
978-3-85256-926-0
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Gianrico Carofiglio, geb. 1961 in Bari, lebt in Bari.