Bernhard Kathan, Mit den Augen eines Hündchens blicken

h.schoenauer - 29.04.2026

Bernhard Kathan, Mit den Augen eines Hündchens blicken„Manchmal treiben einen schlechte Architektur oder Möbel geradezu aus Kirchen hinaus. Manchmal lohnt sich in Kirchen die Betrachtung von Dingen, die üblicherweise dem Blick entzogen sind oder kaum Aufmerksamkeit erfahren.“

Bernhard Kathan widmet sich als Künstler, Initiator von „Hidden Museum“ und Essayist der Frage, wie und ob wir Kunst und Alltag durch unsere Anschauungsweise in Verbindung bringen können. Dahinter steckt die These, dass das Kunstwerk erst dann mit dem prosaischen Leben in Einklang zu bringen ist, wenn unser Blick darauf passt.

Oft genügt schon eine kleine Veränderung des Blickwinkels, um eine Ikone alltäglich erscheinen zu lassen oder das Alltägliche als Wunderwerk.

„Mit den Augen eines Hündchens blicken“ greift diese Überlegung auf, wenn der essayistische Betrachter 53 Tiroler Kirchen besucht und sie unter ebenso vielen Blickwinkeln begutachtet.

  • Die einzelnen Auftritte sind daher mit jenem Schlüsselwort überschrieben wodurch sich das Gebilde am markantesten beschreiben lässt. Etwa Automatisierung des Opfers, Architekturdilettanten, Ausdruck erlebter Langeweile.
  • Jedem Kleinessay ist ein Bild eingefügt, das fallweise den behandelten Aspekt hervorhebt, fallweise aber auch als bloße Meditation verwendet werden kann.
  • Und schließlich werden auch noch Ort und Kirche genannt wie in einem herkömmlichen Kirchenführer.

Man kann die Beschreibungen lesen, als ob sie unverrückbar mit dem Gebäude verbunden wären, dem sie angehaftet sind, man kann aber auch die Betrachtungsmethode der einen Kirche auf eine andere übertragen und erhält dann 53 „neue“ Kirchen in Tirol, denn jedes Kunstwerk entsteht ja für den Betrachter bei jedem Mal Anschauen neu.

Die Methode erklärt der Autor im Eingangstext so: „Dieses Buch versteht sich als Einladung, Tiroler Kirchen einmal anders zu betrachten. Mit totem Wissen, mit der Abfolge kunsthistorischer Begriffe ist niemandem gedient. […] Stets gehe ich von einem Objekt, einem Gemälde, einer Raumlösung oder Fragestellung aus. Namen und Daten werden nur genannt, wenn dies für ein gewisses Verständnis notwendig ist.“ (11)

Wie diese Vorgangsweise funktioniert, zeigt schon die Schau-Dramaturgie für die ersten Kapitel.

  • Die abgeblätterte Farbe, die allenthalben in Kirchen auftritt und oft den Landeskonservator auf den Plan ruft, sollte man als eigenständige Farbe auffassen, die nicht aus Farb- sondern aus Zeit-Pigmenten besteht.
     
  • Wie selbstverständlich reißen bei Restaurierungen Kleinbagger die Bodenplatten heraus, um sie durch gedämmte neue Platten zu ersetzen. Niemand würdigt dabei den ursprünglichen Zustand mit Holzbohlen, die dem Knien ein unverwechselbar andächtiges Bukett geben.
     
  • Diese Kniegefühl ist neben der hierarchischen Ausrichtung des Mobiliars auch der Grund dafür, warum man am sogenannten Kirchengestühl festhält, egal wie marode die darin Knieenden beisammen sein mögen.
     
  • Von mittelalterlichen Fresken sind oft nur mehr mehrdeutige Fragmente vorhanden, die je nach Zeitgeist der Restaurierung mit Gegenwartssinn aufgefüllt werden. So könnte etwa das Fragment eines Rads, das jemandem über die Weichteile fährt, mittelalterliche Folter darstellen, in der Gegenwart freilich wäre es eine spezielle Sex-Technik.
     
  • Nichts ist so selbstverständlich wie ein Loch. Wo es ist, muss es einen Sinn dafür geben. So hat man eine Zeitlang mitten in die Deckenfresken Löcher hineingeschlagen, sogenannte „Austrittsöffnungen“, aus denen fallweise der Heilige Geist herunter schweben konnte.
     
  • Die elektrische Beleuchtung war oft ein guter Vorwand, an unerwarteter Stelle ein Loch ins Gemäuer zu hauen, um kurze Leitungen durch die Kirchenschiffe zu legen. Völlig ignoriert wurde bei diesen Elektrifizierungen die Dramaturgie des Schattens. Für die Erfahrbarkeit von Transzendenz spielte das Flackern der Figuren und Gemälde im Fackelschein eine bedeutende Rolle. Pikanterweise entfalten etwa die schwarzen Mander in der Innsbrucker Hofkirche ihre Dynamik erst im zittrigen Licht der Kienspäne.
     
  • Die Modernisierung der Gebäude und folglich auch unseres Blicks ist unumkehrbar, nichts lässt sich zurückdrehen, wohl aber das Gegenwärtige adaptieren. So sind die digitalen Boxen zu werten, die mancherorts aufgestellt sind, um einen (Kirchen-)Führer-Text zu verbreiten oder aber auch nur einen Segen herunterzuladen.
     
  • Beim Schauen sollte man prinzipiell zwei Durchgänge einplanen. Im ersten Scann erfasst man den Eindruck und überlegt, nach welcher Methode man schauen will. Beim zweiten Blick (Hündchenblick) lässt man das Auge schweifen bis zur erstbesten Skurrilität, etwa einem Kissen für das Jesukind, das aus der Mutterbrust hervorquillt.

Bernhard Kathans Gang durch 53 Kirchen Tirols ist überaus respektvoll gegenüber den möglichen religiösen Inhalten angelegt. Niemand wird durch diese Seh-Schule in eine Richtung gedrängt oder gar in religiösen Notstand gebracht. Hinter allen Beobachtungen steckt zudem eine Achtung vor den Vorfahren, die sich zum Teil ohne künstlerische Vorgaben die Kirchen vom Mund abgespart haben, um bei Not oder Sonntag darin zu verweilen.

Bernhard Kathan, Mit den Augen eines Hündchens blicken. Ein anderer Führer durch Tirols Kirchen, zahlr. Abbildungen
Innsbruck: Michael Wagner Verlag 2026, 179 Seiten, 24,90 €, ISBN 978-3-7107-6817-0

 

Weiterführende Links:
Michael Wagner Verlag: Bernhard Kathan, Mit den Augen eines Hündchens blicken
Wikipedia: Bernhard Kathan

 

Helmuth Schönauer, 28-02-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Bernhard Kathan
Buchtitel:
Mit den Augen eines Hündchens blicken. Ein anderer Führer durch Tirols Kirchen
Erscheinungsort:
Innsbruck
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
Michael Wagner Verlag
Seitenzahl:
179
Preis in EUR:
24,90
ISBN:
978-3-7107-6817-0
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Bernhard Kathan, geb. 1953 in Fraxern, lebt in Innsbruck.