Das Wesen mitreißender Kunst besteht darin, dass ihre Schöpferinnen bis zum Schluss nicht wissen, wie die Sache mit ihrer Kreativität ausgehen wird.
Vera Zwerger Bonell eröffnet mit dem wundersamen Titel „Das Blau ferner Räume“ einen Ausblick auf eine Künstlerin, welche die Beziehungspaare „Stadt und Land“, „Krieg und Frieden“, „privat und öffentlich“ halbwegs harmonisch über die Bühne zu bringen versucht. Dabei ist so ein Leben nie planbar wie eine Beamtenkarriere, weil die Kunst an manchen Tagen ins Leben pfuscht und macht, was sie will.
Der Roman erzählt in chronologischer Ordnung vom „Reifeprozess“ der Künstlerin Herlinde, die als Südtiroler Mädchen mit großem Zeichentalent ausgestattet ist und das Glück hat, an der Akademie in Mailand die Kunst studieren zu dürfen.
Der erste Abschnitt handelt von den Vorbereitungen zur Akademie, der Ausbildung zu einer Pädagogin und dem studentischen Diskurs in einer Stadt, in der sich in den 1930er Jahren der Faschismus täglich heftiger manifestiert. Auf der einen Seite verschwinden immer öfter jüdische Kommilitoninnen, auf der anderen Seite schlägt die Partei des Duce bis in den Lehrplan durch, wenn etwa dunkle Bilder von der sozialen Stimmung am Rand der Gesellschaft verpönt sind und ein von der Partei vorgegebener Einheitsstil täglich gepflegt werden muss.
Herlinde korrespondiert viel mit ihrem Vater und ihrer Schwester zu Hause, beide stimmen sich auf den anstehenden Krieg ein, der Vater wird nach Innsbruck optieren und die Schwester die Hofhälfte zu Hause in Südtirol übernehmen.
In den urbanen Diskursen analysieren die Studierenden durchaus scharf das Wesen des Faschismus, die Kunst jedoch ist vorläufig entmachtet, und so werden Gedanken als sinnvolle, aber unnütze Begleitmusik für brotlose Genres abgetan.
Dabei besteht das Curriculum der Akademie durchaus aus Anknüpfungspunkten für jenes Netzwerk, worin die produzierten Kunstwerke erst zu einem Markt werden. Die Kunst ist nämlich nicht nur das sichtbare Ding, sondern auch die darum herum gesponnene Vernetzung.
Im mittleren Teil bringt der Zweite Weltkrieg alle akademischen Überlegungen zu einem jähen Ende. Herlinde betreut Jugendliche in Como, einer Außenstation ihres Mailländer Schwesternheims. Die ehemals künstlerischen Diskussionen gestalten sich zu Therapien, versuchsweise wird die Malkunst als Angstbewältigung und bei Kriegstraumata eingesetzt. Die Heldin ist selbst überrascht, wohin ein Krieg künstlerische Ambitionen zu treiben vermag.
Im dritten Teil landet Herlinde wieder zu Hause in Bozen, wo sie in der Nachkriegszeit in der Hauptsache als Pädagogin eingesetzt wird. Dennoch bleiben ihr Neugier und Muße genug, sich mit dem Werk der Südtiroler Emaille- und Textilkünstlerin May Hofer (1896-2000) zu beschäftigen. Diese zeigt ihr, wie man einen selbstbewussten aufrechten Gang in der Provinz hinlegen könnte.
Und während Herlinde an eigenen Werken arbeitet, wie der Serie „Tageszeiten“ (249), schwant ihr die wahre Aufgabe als Künstlerin: Es gilt, Kunst zu vermitteln, ehe man sie selbst erzeugen darf. ‒ Ein subtiles Plädoyer für die hohe Kunst der Kulturvermittlung.
Von Beginn an ist der Roman durchdrungen von einer positiven, wenn nicht gar romantischen Grundstimmung. Das hängt sicher mit dem Titel zusammen, gilt doch die Farbe Blau als wesentlicher Bestandteil der Romantik. Der Roman endet auch in Aufbruchsstimmung, wenn die Künstlerin endlich das über Jahrzehnte erträumte „blaue“ Werk in Angriff nehmen kann.
Die drei erzählerischen Komponenten Beschreibung, Ich-Perspektive und Briefe ergeben einen dreiphasigen Strom geduldigen Erzählens. Der Alltag wird gleich heftig erzählt wie das Aufbrechen eines Geistesblitzes, eine Bleistiftskizze erfährt die gleiche Würdigung wie das für die Gastgeberin Signorina Dina arrangierte Frühstück.
Die Zeitgeschichte zeigt sich an der Brüchigkeit der Beziehungen. ‒ Ortswechsel, Kriegseinsätze und pures Überleben lassen langfristiges, gemütliches Zusammenleben nur schwerlich zu.
Ohne es in dieser Form geplant zu haben, landet die Heldin schließlich dort, wo Platz für Kunst, Genugtuung und Selbstbewusstsein ist, das kann durchaus auch die Provinz sein.
Vera Zwerger Bonell, Das Blau ferner Räume. Roman
Bozen: Edition Raetia 2026, 287 Seiten, 22,00 €, ISBN 978-88-7283-989-8
Weiterführender Link:
Edition Raetia: Vera Zwerger Bonell, Das Blau ferner Räume
Helmuth Schönauer, 26-02-2026