Martin Kolozs, Andreas Khol - Ein politisches Leben

h.schoenauer - 08.06.2026

Martin Kolozs, Andreas Khol - Ein politisches LebenTiroler gelten als Tiefwurzler, weil sie mitten in Europa verankert sind! Und obwohl in Nord- und Südtirol zweimal im Jahr massenhaft Orden über bemerkenswerte Personen ausgeschüttet werden, sind es dann immer nur wenige Solitäre, die für eine Biographie zu Lebzeiten in Frage kommen.

Andreas Khol hat als Tiroler, Verfassungsjurist, Erwachsenenbildner, politischer Kommentator, Funktionär in den höchsten Staatsämtern und schließlich als Senioren-milder Gast bei Talkshows verlässlich seine Spuren hinterlassen. Sein Geheimrezept für alle diese Betätigungsfelder liegt in der Gelassenheit und Emsigkeit, mit der er sich den Aufgaben stellt.

Andreas Khol wollte nie eine bestimmte Funktion mit der Brechstange erkämpfen, sondern er hat einfach neue Gedankenfelder für die Gesellschaft eröffnet, sodass er von vorneherein darin sein Alleinstellungsmerkmal entfalten konnte.

Der Biograph Martin Kolozs lässt denn auch aus allen Bereichen Zeitzeugen und Geistesverwandte zu Wort kommen, dabei verhehlt der Autor in seinem Nachwort nicht, dass er sich einer behutsam zurückgezogenen Kunst des Porträts verpflichtet fühlt, wie sie sich im bürgerlichen oder religiösen Milieu über Jahrhunderte entwickelt hat.

Von dieser Porträtkunst profitiert der ausgewogen skizzierte Andreas Khol, indem ihm die zehn Kapitel auf Lateinisch gewidmet sind. In Zeiten, als Latein wieder einmal in Frage gestellt wird, ist das durchaus als Statement zu lesen.

Eine Biographie zu Lebzeiten hat bekanntlich zwei Fallgruben eingebaut:

  • einmal ist es die Falle, im Stil einer Homestory Trash an die Öffentlichkeit zu tragen,
  • zum anderen ist es die Versuchung, Scheiterungen unter den Teppich zu kehren.

Beide Fallen sind bestens gemeistert. Von den Enkeln stammt das Bonmot, dass ihnen der Großvater beigebracht hat, wie man Spaghetti mit Löffel und Gabel ist, und das Kapitel über das Scheitern des Porträtierten bei der Bundespräsidentenwahl wird mit dem erhellenden Bauchgrummeln dokumentiert, wonach der Kandidat letztlich selbst nicht an einen Sieg geglaubt hat, zumal in der eigenen Partei offene Rechnungen beglichen wurden.

Eine offen gehaltene Biographie über ein offen angelegtes Leben hat für die Leser den Vorteil, dass sie sich an jenen Stationen positiv orientieren können, die sie selbst schon immer angesteuert haben.

Für die Tiroler Leserschaft ist es folglich ein Genuss zu erfahren, dass das Land als helles Ereignis über das Kind Andreas Khol hereingebrochen ist. Als der Krieg zu Ende war, sagte man dem Kleinen in Sterzing, er könne aus dem Keller kommen, die Amis seien da. Und als er Anfang der Fünfziger in Innsbruck als „staatenloser Südtiroler“ mir nichts dir nichts aufgenommen worden war, entwickelte sich daraus eine lebenslange Dankbarkeit gegenüber einem Land, aus dem die Vorfahren unter dem Begriff „weichender Erbe“ immer wieder in die Welt hinausgeschickt wurden, um Europa kennenzulernen.

Aus diesen Verschickungen über Generationen resultiert auch die Zuneigung zum größeren patriotischen Gebilde, namens Europa.

Die einzelnen Pionierleistungen in den diversen Positionen liest man am besten in der Chronik im Anhang nach. Darin sticht vor allem die begleitende juristische Arbeit beim Südtirol-Paket heraus.

Als roter Faden der politischen Tätigkeit zieht sich das Publizieren von Essays, Büchern, ja ganzen Parteiprogrammen durch die diversen Aufgabenstellungen.

Als Leiter der politischen Akademie hat er seinerzeit die politische Erwachsenenbildung in Österreich aufgebaut. Seine Jahresberichte wurden an alle Einrichtungen verschickt, und längst haben die Laufmeter dieser Chronik den klassischen Brockhaus überrundet.

Wer viel schreibt, wird auch viel zitiert, auch wenn es unangenehm wird. So verfolgen die Kommentare zur sogenannten „Kampagne“ der Waldheimaffäre den Autor auch bei seinem eigenen Antreten zur Bundespräsidentenwahl Jahrzehnte später.

Und auch das milde Urteil über die Causa Groër, als der Wiener Erzbischof sich durchaus in die sexuelle Bredouille katapultierte, löst nicht nur Begeisterung hervor. Da klingen die Buchtitel aus der Seniorenzeit geradezu erheiternd:

  • Die Freiheit hat kein Alter.
  • Fressen die Alten den Kuchen weg?

Das familiäre Bildmaterial in der Mitte fußt zum Teil auf jenem Format, worauf ein Haufen von Leuten um den Jubilar herumsteht mit der Botschaft: Es ist eine große Familie!

Die zeitgeschichtlichen Bilder hingegen lassen ganze Galerien von bedeutenden Zeitgenossen in den Fokus rücken und zeigen eindrucksvoll, dass der Porträtierte vor allem im persönlichen Umgang durchaus ein heiterer bis witziger Mensch ist. So soll ihm auch die Rolle des Krokodils absolut nicht gefallen haben, wenn er als Clubobmann manchmal Dinge vertreten musste, an die er selbst nicht glaubte.

Legendär bleibt jenes Zitat, wonach die Wahrheit die Tochter der Zeit sei. Dieser Satz musste wohl auch herhalten, als er den Wunsch ansteuerte, Gott in die Verfassung zu rücken. Aber wer weiß, vielleicht war er auch mit diesem Ansinnen seiner Zeit wieder einmal voraus.

Martin Kolozs, Andreas Khol - Ein politisches Leben
Wien: Braumüller Verlag 2026, 240 Seiten, 26,00 €, ISBN 978-3-99100-434-9

 

Weiterführende Links:
Braumüller Verlag: Martin Kolozs, Andreas Khol - Ein politisches Leben
Wikipedia: Martin Kolozs
Wikipedia: Andreas Kohl

 

Helmuth Schönauer, 19-04-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Martin Kolozs
Buchtitel:
Andreas Khol - Ein politisches Leben
Erscheinungsort:
Wien
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
Braumüller Verlag
Seitenzahl:
240
Preis in EUR:
26,00
ISBN:
978-3-99100-434-9
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Andreas Khol, geb. 1941 in Bergen auf Rügen, Kindheit in Südtirol und Tirol, lebt in Wien.

Martin Kolozs, geb. 1978 in Graz, aufgewachsen in Innsbruck, lebt in Wien.