Horst Moser, Weil wir nichts wussten

h.schoenauer - 15.06.2026

Horst Moser, Weil wir nichts wusstenEin Schwenk durch die Familiengeschichte gleicht oft einer Dokumentation von Lost Places – unter einer friedlichen Decke aus bunter Vegetation schlummern die brutalen Fundamente einer schaurigen Installation.

Horst Moser misstraut heilen Welten und auf Bunt getrimmten Oberflächen. Seine Romane spielen meist im Kleinstadtidyll und bauen auf der These auf, dass man die große Zeitgeschichte am ehesten verstehen kann, wenn man in die Tiefe der Kleinfamilien bohrt.

Im Roman „Weil wir nichts wussten“ wird ein Südtiroler Brüderpaar aus der Idylle gerissen, in der es sich im Zuge einer europäischen Prosperität eingerichtet hat. In einer Kleinstadt kümmert sich der eine um das Schmuckgeschäft, das von seiner angesehenen Mutter als Aushängeschild geführt wird, während der andere als Journalist eine weltoffene Karriere in Frankfurt oder München im Auge hat und seine Geliebte in England schmoren lässt.

Ein Notruf führt die Brüder Lukas und Leopold jäh zusammen, als Mutter zusammenbricht und seltsame Geschichten aus der Vergangenheit erzählt.

Auf der Anfahrt nach Südtirol reflektiert der Journalist Lukas, der im Roman die Hauptperspektive einnimmt, die Zeitgeschichtliche Lage, die von Aufruhr und Umbruch gekennzeichnet ist, während sich verlässliche Thesen als fragwürdig erweisen.

Südtirol erfährt diese Umbruchstimmung unvorbereitet, als die Prosperität nachlässt, werden die Erfolgsmodelle Tourismus und Bildung durchaus auf den Prüfstand gestellt. Plötzlich wird der „südtiroler Dialekt“ wieder aus der sprachlichen Versenkung geholt, nachdem ihm lange Zeit Provinzialität oder Regionaltümelei nachgesagt worden ist.

Wieder geht es um das Hauptthema der Südtiroler, Bleiben oder Gehen. Der daheimgebliebene Bruder bringt es endlich zur Sprache:

„Aufbrechen ist nicht gleich davonlaufen und hierbleiben ist nicht gleich aufgeben. Fast schon philosophisch.“ (89)

Und schon früher ist lakonisch festgestellt worden: Es kommt der Punkt, da verraten wir alle unsere Kindheit. (43)

Die politische Großwetterlage wird im Roman bald einmal zu einem Anti-Familienroman heruntergebrochen. Der glasklare Plot eines Familiendramas bricht jäh unter den Rüschen der Kleinstadtrituale hervor.

Vater hat sich letztes Jahr umgebracht und Mutter schon früher das Herz gebrochen. Trotz aller Vertuschungen lässt sich die Geschichte nicht mehr einfangen. Vater hat ein Verhältnis zu einer Frau aus einem grenznahen Bordell gehabt, das daraus hervorgegangene Kind hat er vertuscht und im Stich gelassen.

Die Aufklärung des Desasters geschieht durch dieses im Verborgenen gehaltene Mädchen selbst, als es volljährig wird. Ab jetzt tritt es als Lisa in Erscheinung, denn der Alte hat in seinem Ordnungstrieb alle seine Kinder mit Namen versehen, die mit L beginnen.

Diese Lisa wird von Pflegefamilie zu Pflegefamilie herumgereicht und der anonymen Großstadt ausgesetzt. Sie ist der Parade-Kontrapunkt zur Karriere in der Kleinstadt und zeigt, dass beides in Schwebe ist, das Fixe genauso wie das Offen-Gehaltene.

Auf einem Parcours des Aufräumens fährt Lisa standesgemäß mit VW-Bus und Hund, beides Insignien für eine urbane Bobowelt, zur Villa des Vaters und wirft eine tote Katze in den Garten als Zeichen, dass jetzt aufgeräumt wird.

In der Enttarnung des Plots spielt ein diffuser Anwalt eine Hauptrolle, der sich nicht entscheiden kann, wem gegenüber er letztlich loyal sein soll, dem erhängten Vater oder dessen fragenden Kindern. Und als Deus ex Machina immer noch gut geeignet tritt ein Pater in einem Osttiroler Grenzkloster auf, der die monetären und moralischen Transaktionen verwaltet.

„Weil wir nichts wussten“ erweist sich wieder einmal als ideale Zauberformel gegenüber der näheren und weiteren Zeitgeschichte.

Horst Moser lässt seine Figuren unbarmherzig stringent auf jene Aufklärung zusteuern, die nur in einem offenen Gesellschaftsmodell möglich ist. Zu glauben, mit einem Studium in Innsbruck, einem Bordellbesuch am Brenner und einer Absolution in Osttirol könne man ein schuld- und schuldenfreies Leben führen, erweist sich als großer Irrtum.

Horst Moser, Weil wir nichts wussten. Roman
Bozen: Edition Raetia 2026, 191 Seiten, 24,00 €, ISBN 978-88-7283-990-4

 

Weiterführende Links:
Edition Raetia: Horst Moser, Weil wir nichts wussten
Homepage: Horst Moser

 

Helmuth Schönauer 16-04-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Horst Moser
Buchtitel:
Weil wir nichts wussten
Erscheinungsort:
Bozen
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
Edition Raetia
Seitenzahl:
191
Preis in EUR:
24,00
ISBN:
978-88-7283-990-4
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Horst Moser, geb. 1975, lebt und arbeitet in Bruneck.