Heinz Kröpfl, Tollwut

h.schoenauer - 30.09.2026

Heinz Kröpfl, TollwutVielleicht sollte man es schlicht Tollwut nennen, was sich da auf engem Raum in einer Wohnsiedlung während eines Polizeieinsatzes abspielt.

Heinz Kröpfl lässt in bewährter sozial-chaotischer Manier verschiedene Kleinschicksale aufeinandertreffen und macht eine große Sache daraus. In einer Wohnanlage, die durchaus Elemente einer heißen Western-Kulisse in die Schwüle eines Samstagnachmittags aufragen lässt, kommt es zu einer Verdichtung der Gefühle bis hin zu Explosionsgefahr. Deeskalation ist nicht in Sicht, denn die beteiligten Helden können sich noch so bemühen, die Sache harmlos zu sehen, es steuert alles auf einen brutalen Klimax zu.

In der benachbarten Polizeistation sind offensichtlich Hinweise eingelangt, dass in der Anlage ein gesuchter Mörder abzuholen sei. Daraufhin kommen die vier Protagonisten des Romans zu ihren Auftritten.

Ein degradierter Polizist will durch über-motivierten Einsatz sein geahndetes Fehlverhalten wieder gut machen. Er legt seinen Auftritt vor der verschlossenen Tür heldenhaft wie in einem Film an.

In einem oberen Stockwerk geht Jeremias unauffällig seiner Profession als Schriftsteller nach, er steht aber seit einem Gefängnisaufenthalt wegen Mordverdachts wohl lebenslang unter der Beobachtung der Gesellschaft.

Von einer anderen Warte aus beobachtet Kleinstauber das Geschehen. Er war früher Torhüter wie in einem Handke-Roman und ist später wohlgelittener Beamter geworden, der ständig antikes Bildungsgut auf der Zunge mit sich herumträgt.

Zwischen allen Beobachtungsstühlen eingekeilt ist Susanne, die aus allen Lebenslagen eine böse Erfahrung ableitet, und tatsächlich geht ihr Leben ständig schief.

In dieser angespannten Situation werden die Leser durch permanenten Perspektivenwechsel auf dem Laufenden gehalten. Eine Schalte zwischen den vier Charakteren bringt auch die kleinste Nebensache ins Spiel mit der Hoffnung, etwas zur Entspannung beitragen zu können.

In der allgemeinen Krisenlage schlagen vor allem die negativen Erfahrungen durch, die sich in den aufgeheizten Psychen angesammelt haben.

  • Der Polizist wird seine Kränkung nicht los, die ihm die Degradierung eingebrockt hat.
  • Der vorgebliche Mörder schiebt seine missliche Lage der Überheblichkeit der Literatur zu, mit der diese alles glaubt lösen zu können.
  • Der Philosoph hängt immer noch am Lebenssinn als Tormann zwischen den Pfosten, wo alles so klar ist wie sonst nichts auf der Welt: Ball fangen und ausschießen!
  • Und Susanne hat gerade wieder ein Date im Internat aufgerissen und deutet den Polizeiauftritt als Einsatz gegen sich, wahrscheinlich wird die neue Internet-Bekanntschaft wie üblich Dreck am Stecken haben.

Die Szenerie lebt von den dramatischen Höhepunkten diverser Literaturgenres, die Romantik der Liebe, das verunglückte Schicksal eines Häfenpoeten, die Heimholung eines Tormann-Genies durch den Alltag, die kafkaseske Entgleisung der Bürokratie im Elchtest lassen einen im schnellen Gegenschnitt die Höhepunkte diverser Erzählstile erleben.

Und der dramatische Bogen ist ohnehin bestens gespannt zwischen einem undefinierbaren höheren Sinn und singulären Erlebnis-Pixeln, die wie morsch gewordene Steine aus einem Mosaik herauspurzeln.

Als Leser ist überrascht, wie recht doch alle haben. Jeder versucht sein Bestes, aber es ergibt sich weder Konsens noch Sinn. Es dürfte die Lage sein, die alles bedrückend am Boden hält.

Die Szenerie löst sich schließlich in einem unglaublich perfiden Geniestreich des Erzählens auf. Der Schriftsteller beschließt, die Kraft des Handelns an sich zu reißen und das ganze als Roman zu erzählen, der ihm bei der Ausformung eines Gedichts in den Sinn gekommen ist. Einen Arbeitstitel hat er schon: Tollwut.

Heinz Kröpfls Groteske ist eine Hommage an die Tapferkeit auswegloser Schicksale. Unabhängig von Rang, Stand und Ausbildung hängt jedes Individuum in seiner Blase gefangen, die sich an heißen Wochenenden von selbst erregt. Gegen diese Hitze der sozialen Tollwut ist kein Kraut und kein Einsatz gewachsen. Es bleibt nur die Hoffnung, die unsereins an die Literatur stellt: Dass alles halbwegs gut ausgehen möge.

Heinz Kröpfl, Tollwut. Roman
Würzburg: Königshausen u. Neumann Verlag 2026, 253 Seiten, 17,00 €, ISBN 978-3-8260-9438-5

 

Weiterführende Links:
Königshausen u. Neumann Verlag: Heinz Kröpfl, Tollwut
Homepage: Heinz Kröpfl

 

Helmuth Schönauer, 15-05-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Heinz Kröpfl
Buchtitel:
Tollwut
Erscheinungsort:
Würzburg
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
Königshausen u. Neumann Verlag
Seitenzahl:
253
Preis in EUR:
17,00
ISBN:
978-3-8260-9438-5
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Heinz Kröpfl, geb. 1968 in Leoben, lebt in St. Michael / Obersteiermark.