„Das Alphabet ist eines der wenigen menschlichen Werkzeuge oder Erfindungen, die enorme technologische Umbrüche unbeschadet überstanden hat. Die Geschichte der Schriftarten ist jedoch nur nicht nur eine Geschichte des Alphabets. Designerinnen und Designer haben Schriften aus allem möglichen Gründen entworfen (und verbessert): aus ästhetischen und technischen, aber auch aus politischen, philosophischen und persönlichen Gründen. Schriften haben den Gang der Geschichte miterlebt, aufgezeichnet – und gelegentlich sogar vorangetrieben.“ (S. 7)
Viele Menschen setzen sich täglich mit Schrift konfrontiert ohne sie meist bewusst wahrzunehmen, weil sie sich auf den Inhalt des Geschriebenen konzentrieren. Dabei gibt es die unterschiedlichsten Schriftarten, die auch unser Leseerlebnis mit beeinflussen. „Typisch Typo“ bietet eine Einführung, einen Überblick und eine kleine Geschichte zu verschiedenen bekannten und weniger bekannten Schriftarten, die ebenso informativ wie unterhaltsam ist.
Ein Vorwort und eine ausführliche Einführung in die Welt der Schrift machen die Leserinnen und Leser mit den wichtigsten Begriffen und Kennzeichen von Schrift im Allgemeinen sowie einer kurzen Geschichte des Drucks vertraut. Dazu zählen die verschiedenen Teile eines Buchstabens und deren Bezeichnung mit anatomischen Begriffen wie Fuß, Bein, Taille u.a ebenso wie die verschiedenen Schriftarten selbst, die in Kategorien und Unterkategorien nach ihren Formen unterteilt werden, wie z.B. Schriften mit und ohne Serifen, von denen wieder um Classical, Modern, Lineal und weiter Humanist, Garalde, Transitional, Didone, Mechanistic u.a. unterschieden werden.
Sechzehn Schriftarten von bekannten Times New Roman über die altehrwürdige Baskerville bis hin zu modernen Schriftarten wie Bell Centennial und Papyrus werden ausführlich vorgestellt. Dabei finden sich neben biographischen Details zu den jeweiligen Schriftdesignern fachkundige Beschreibungen der besonderen Kennzeichen und Charakteristika der Schriften auch Anmerkungen zum historischen Umfeld, den Kontroversen sowie Beispiele für den prominente Verwendung „in freier Wildbahn“.
Den Anfang macht die altbekannte und in Word häufig verwendete Schrift „Times New Roman“ des Designers Stanley Morison aus dem Jahr 1932, der die Schrift für die englische Tageszeitung „The Times“ geschaffen hat. Morison kreierte eine für Linotype Maschinen optimierte, gut lesbare und platzsparende new roman-Schriftart, die sich an die Schrift „Plantin“ aus dem 16. Jahrhundert anlehnte. Wie auch bei den anderen Schriftarten, wird „Times New Roman“ einer kritischen Bewertung unterzogen, die mit „langweilig aber ein ideales Arbeitspferd“ zusammengefasst werden könnte. Neben bekannten Verwendungsbeispiele wie im Logo zum Star Wars Film „Return of the Jedi“ schließen die Autoren ihre Ausführungen mit ihren eigenen Gedanken und kritischen Urteilen zur Schrift.
Die beiden Schriftexperten Anitra Nottingham und Jason Phillips geben einen überraschend unterhaltsamen und informativen Einblick in die unbekannte Welt des Schriftdesigns und ziehen dabei spannende Verbindungen zu verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen. Das ausdruckstarke und erhellende Bildmaterial macht u.a. auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Schriften deutlich, die meist gar nicht bewusst wahrgenommen werden.
Ein überaus lesenswertes und interessantes Sachbuch, das Hintergrundwissen auf eine außergewöhnlich kurzweilige und anregende Art zu vermitteln versteht, wobei der Humor nicht zu kurz kommt.
Anitra Nottingham / Jason Phillips, Typisch Typo. Bekannte Schriftarten und ihre Geheimnisse, zahlr. Abb., übers. v. Claudia Koch [Orig. Titel: Back to Font]
Zürich: Midas Verlag 2026, 176 Seiten, 28,70 €, ISBN 978-3-03876-372-7
Weiterführender Link:
Midas Verlag: Anitra Nottingham / Jason Phillips, Typisch Typo
Andreas Markt-Huter, 12-08-2026