„Hilfe für Geier Harri“ Ein Projekt zur Förderung der Lesemotivation

Andreas Markt-Huter - 14.10.2026

geier harry auf buchregalProjektplanung und -beschreibung

Die Idee

In meiner Schule gibt es eine Schulbibliothek, die gleichzeitig die Gemeindebibliothek ist. Und es gibt eine Leseecke. Beide sind durch einen langen Gang und einen Halbstock getrennt und doch in Sichtweite voneinander. In eben dieser Leseecke saß, schon seit ich in der Schule zu unterrichten begann, eine große, witzige Handpuppe aus Plüsch, die einen Geier darstellt. Schnell war mir klar, dass ich diesen Geier zum Thema meines Projektes machen wollte.

Dass in der Bücherei zusätzlich eine große, 2 Meter lange Plüschtierraupe „wohnt“, die den Kindern als „Fridolin“ bekannt ist, erleichterte mir das Ausdenken einer Geschichte. Der Geier bekam schnell den Namen Harri und die Geschichte sollte wie folgt lauten: Geier Harri möchte unbedingt zu seinem Freund Fridolin in die Bibliothek und dabei sollten ihm die Kinder helfen. Für jedes gelesene Buch wird ein Sammelzettel an eine Leine aufgehängt, die von der Leseecke bis zur Bücherei reicht. Erst wenn die ganze Leine voller Zettel hängt, kann Harri zu seinem Kumpel in die Bibliothek und ist wieder glücklich. Soweit die Geschichte.

Die Vorbereitung

Nach dem Gestalten der Sammelkarten für das Projekt und der Befragung der Kolleginnen, ob sie mich unterstützen würden, indem sie mit den Kindern ihrer Klasse mitmachen, konnte ich eigentlich schon fast beginnen. Mit Harri am Arm und einem „von ihm geschriebenen Brief“ besuchte ich alle Kinder und lud sie ein, bei dem Projekt mitzumachen. Jede Klasse erhielt schon den ersten Stapel Sammelkarten in einer eigenen Farbe. Jetzt musste ich nur noch die Wäscheleine von der Leseecke bis zur Bücherei spannen und schon konnte es losgehen.

geier harry auf regal  mit zettel auf einer wäscheleine
Geier Harri auf dem Bücherregal vor einer Leine voller
Sammelzettel der Schüler.
Foto: Judith Nussbaumer


Die Umsetzung

Bereits 3 Tage später konnte ich die ersten Sammelkarten in den Klassen abholen. Anfangs waren doch einige Kuriositäten dabei. So wollte ein Kind innerhalb der ersten drei Tage vier dicke Bücher gelesen haben. Ein anderes Kind wollte 3x die Bibel gelesen haben. Und dass Pixi-Bücher ein wenig zu dünn für eine Sammelkarte wären, musste noch geklärt werden. Nach einer Woche und der sich immer mehr mit bunten Zettelchen füllenden Wäscheleine, schickte Harri einen weiteren Brief zur Motivation. Er bat die Kinder nun, auch Briefe an ihn in seinen persönlichen Briefkasten in der Leseecke zu schreiben. Schon am nächsten Tag bekam Harri einiges an Fanpost, vor allem von Kindern aus den 4. Klassen. Zwischendurch musste ich nur hin und wieder neue Sammelkarten kopieren und schon war die Leine voll.

Der Schluss

Nach ziemlich genau vier Wochen war die Leine endgültig voll. In einem Abschlussbrief jubelte Harri über das Gelingen des Projektes und betonte seine Freude, nun endlich in die Bücherei zu dürfen. Als Abschluss lud Harri alle Kinder in die Bücherei ein, um ihnen zu zeigen, wie gut es ihm bei seinem Freund Fridolin ging. Jedes Kind erhielt ein Lesezeichen als Dankeschön fürs Mitmachen.

Der zeitliche Ablauf

Projektkalender


Theorie und Reflexion

Projektwahl und Projektdesign

Unsere Vorgabe war es, uns ein Projekt zur Förderung der Lesemotivation auszudenken und an der Schule umzusetzen. Ich sehe meine Aufgabe als Schulbibliothekarin als eine zweigeteilte: zum einen geht es darum, die Kinder für die Bibliothek zu interessieren, sie an diesen Ort der Bücher zu locken und so die Bücherei mit vielen positiven Erlebnissen zu verknüpfen. Dafür reicht es nicht, die Kinder hin und wieder zum Ausleihen von Büchern in die Bücherei zu bringen, man muss sich um die Leser der Zukunft schon sehr bemühen.

"Um Kinder für die Bibliothek zu begeistern, ist es unerlässlich, attraktive und interaktive Programme zu gestalten. Aktivitäten wie Lesewettbewerbe, Autorenlesungen und kreative Workshops können dazu beitragen, das Interesse der Kinder zu wecken und sie regelmäßig in die Bibliothek zu locken." (vgl. Rippel, 2013).

Im zweiten Teil meines Auftrages sehe ich mich als Lesebeauftragte, die den Kindern das Lesen an sich schmackhaft macht, ihnen nicht nur Bücher, Autoren, Texte vorstellt und sie dafür begeistert, sondern auch Lesetechniken mit ihnen bespricht und übt, ihnen spielerisch verschiedenen Leseformate zeigt und sie so zu besseren und begeisterten Lesern macht.

Zusätzlich sehe ich es als meine Aufgabe, Kinder für verschiedene Textarten zu sensibilisieren, ihr Interesse an vielfältigen literarischen Gattungen zu wecken und ihnen die Bedeutung des Lesens in unterschiedlichen Lebenssituationen zu vermitteln. Auch Gespräche über Bücher, das gemeinsame Diskutieren von Geschichten und das Reflektieren über Inhalte sind zentrale Bestandteile einer ganzheitlichen Leseförderung.

Das Projekt entwickelte ich also mit der Vorgabe, die Lesemotivation der Schülerinnen und Schüler in der Schule zu steigern und sie aktiv zur Nutzung der Schul- und Gemeindebibliothek zu ermutigen, aber auch das Lesen an sich zu fördern. Und auch wenn ich keine begnadete Handpuppenspielerin bin, war mir schnell klar, dass sich diese schöne große Plüschpuppe in unserer Leseecke als Maskottchen für mein Projekt im Zuge des Lehrgangs für Schulbibliothekare bestens eignet. Ich dachte mir die Geschichte aus und durch den räumlich nicht allzu großen Abstand zwischen Leseecke und Schulbücherei war schnell klar, dass man die Geschichte genauso umsetzten könnte.

projektsammelzettel mit geier harry
Der Geier Harri mit den Sammelzetteln und dem Brief.
Foto: Judith Nussbaumer


Bereits in der Planungsphase legte ich großen Wert darauf, die Kinder aktiv einzubinden. In mehreren Gesprächen holte ich mir Feedback, welche Figuren sie besonders mögen und welche Bücher sie gerne lesen. Dadurch konnte ich ein Projekt gestalten, das ihren Interessen und Bedürfnissen wirklich entspricht.

Die Entscheidung für dieses spezifische Design basiert also auf mehreren Faktoren:

  • Nähe zur Bibliothek: Da sich die Schulbibliothek und die Leseecke in Sichtweite befinden, jedoch trotzdem ein Stück auseinander liegen, entstand die Idee, diese physische Distanz als erzählerisches Element in das Projekt einzubinden.
     
  • Maskottchen als Identifikationsfigur: Die bereits vorhandene Handpuppe "Geier Harri" sowie die Plüschtierraupe "Fridolin" bieten ideale Identifikationsfiguren für die Kinder. Studien zeigen, dass Charaktere mit einer emotionalen Bindung die Motivation steigern und Lernprozesse positiv beeinflussen (vgl. Becker, 2017).
     
  • Gamifizierung der Leseförderung: Durch das Sammeln von Lesezetteln und das Spannen der Leine als visuelle Fortschrittsanzeige wird ein spielerischer Anreiz geschaffen. Dies entspricht dem Prinzip des "Reading Challenges"-Ansatzes, der in der Leseförderung oft erfolgreich eingesetzt wird (vgl. Guthrie & Wigfield, 2000).
     
  • Die Gestaltung der Leseecke wurde zudem mit farbenfrohen Elementen und inspirierenden Zitaten ergänzt, um eine positive Leseatmosphäre zu schaffen. Die Kinder wurden dazu ermutigt, eigene Leseziele zu formulieren, die dann sichtbar im Klassenraum angebracht wurden. Diese individuelle Zielsetzung erhöhte zusätzlich die persönliche Motivation. Auch die Eltern wurden informiert, damit sie das Projekt zu Hause unterstützend begleiten konnten.
Theoretischer Hintergrund

Die Bedeutung der Leseförderung ist in der Bildungsforschung vielfach belegt. Lesekompetenz gilt als eine der zentralen Schlüsselqualifikationen für schulischen und persönlichen Erfolg. Untersuchungen zeigen, dass Schulbibliotheken einen signifikanten Einfluss auf die Lesekompetenz und das Leseverhalten von Kindern haben (vgl. Krashen, 2004). In einer zunehmend medial geprägten Welt stellt das Lesen eine wichtige Basiskompetenz dar, um Informationen zu verstehen, kritisch zu hinterfragen und eigene Meinungen zu bilden. Die Förderung dieser Kompetenz muss daher schon frühzeitig und mit kreativen Methoden beginnen.

briefkasten und brief an harry
Den Brief an Harri können die Kinder in einem eigens
angefertigten Postkasten einwerfen.
Foto: Judith Nussbaumer


Mit dem Projekt „Hilfe für Geier Harri“ sollten folgende Ziele erreicht werden:

  1. Selbstbestimmtes Lesen: Kinder müssen die Möglichkeit haben, selbst gewählte Bücher zu lesen, um intrinsische Motivation aufzubauen. Ich machte keine Vorgaben, wie dick ein Buch sein sollte, dass es sich für das Erreichen einer Sammelkarte eignete. So konnten einerseits auch die Kinder der 1. Klasse mitmachen und andererseits auch ein schwacher Leser in einer höheren Klasse seinen Beitrag zum erfolgreichen Abschluss leisten.
     
  2. Sichtbarkeit des Leseerfolgs: Projekte, die Fortschritte sichtbar machen, steigern das Durchhaltevermögen und die Motivation (Meyer & Rosenblum, 2021). Die Kinder waren so begeistert über das Wachsen der Leine und der wehenden bunten Sammelkarten. Schon beim Betreten des 1. Stockes unserer Schule sah man die bunten Fähnchen fast wie tibetische Gebetsfahnen im Gang hängen. Zettelchen für Zettelchen konnte man so beim Wachsen der Leine zusehen und seinen Beitrag leisten.
     
  3. Soziales Lernen: Gemeinsames Lesen und das Bewusstwerden einer gemeinschaftlichen Anstrengung steigern die Motivation und so auch das Interesse am Lesen. Durch die unterschiedlichen Farben konnten die Kinder sehen, wie viel jede Klasse zum Erfolg beigetragen hatte und jede Klasse war gleichwertig beteiligt.
     
  4. Steigerung der Lesemotivation durch ein ansprechendes und spielerisches Design, das Kinder durch eine erzählerische Rahmenhandlung und visuelle Fortschrittsanzeigen zum regelmäßigen Lesen anregt. Die Motivation soll sowohl intrinsisch als auch extrinsisch gefördert werden.
     
  5. Förderung der Nutzung der Bibliothek, indem die Kinder aktiv in die Gestaltung ihres Leseerlebnisses eingebunden werden. Die Nutzung der Bibliothek soll für sie als selbstverständlicher Bestandteil ihres Schulalltags etabliert werden.
     
  6. Verstärkung der Identifikation mit der Bibliothek durch die Integration von Maskottchen und einer erzählerischen Rahmung. Durch die emotional ansprechende Geschichte von Geier Harri und Fridolin soll die Bibliothek als ein Ort des Wohlfühlens und der Abenteuer wahrgenommen werden.
     
  7. Schaffung eines gemeinschaftlichen Leseerlebnisses, um die Freude am Lesen zu teilen und den Teamgeist zu stärken. Die Kinder erleben das Lesen nicht als isolierte Tätigkeit, sondern als gemeinsames Projekt mit einem gemeinsamen Ziel.
     
  8. Entwicklung einer nachhaltigen Lesekultur, indem das Projekt langfristig zu einer positiven Haltung gegenüber dem Lesen beiträgt. Kinder sollen erkennen, dass Lesen nicht nur eine schulische Pflicht ist, sondern eine lohnende und freudige Tätigkeit, die ihnen neue Welten eröffnet.
     
  9. Förderung von Selbstständigkeit und Verantwortung, indem die Kinder eigenständig ihre Leseentscheidungen treffen und aktiv zum Erfolg des Projekts beitragen. Die Möglichkeit, ihren eigenen Fortschritt zu sehen und aktiv mitzugestalten, stärkt ihr Selbstbewusstsein und ihre Eigenverantwortung.
     
  10. Langfristige Bindung an die Bibliothek aufbauen, indem positive Leseerfahrungen geschaffen werden, die auch über die Schulzeit hinaus Bestand haben.
     
  11. Förderung von Medienkompetenz, indem Kinder lernen, sich bewusst für Bücher zu entscheiden und eigenständig literarische Interessen zu entwickeln.

lesezeichen
Für die Mithilfe bekommt jede Klasse ein selbst gebasteltes
Lesezeichen.
Foto: Judith Nussbaumer


Resümee

Das Projekt wurde von den Kindern mit großer Begeisterung aufgenommen. Bereits nach wenigen Tagen waren erste Fortschritte sichtbar, und die Leine füllte sich kontinuierlich mit Lesezetteln. Die Rückmeldungen der Kinder zeigten deutlich, dass sie stolz auf ihren Beitrag zum Projekt waren und sich über die Anerkennung ihrer Leseleistung sehr freuten. Besonders motivierend wirkten auch die Gespräche über die gelesenen Bücher, bei denen viele Kinder mit glänzenden Augen ihre Lieblingsstellen vortrugen

Besonders hervorzuheben ist:

  • Die starke emotionale Bindung der Kinder an Geier Harri, was sich in zahlreichen Briefen an ihn zeigte.
     
  • Die positive Wirkung des spielerischen Elements auf die Leseaktivität, da Kinder aktiv motiviert wurden, Bücher zu lesen, um den Fortschritt sichtbar zu machen.
     
  • Die Einbindung aller Klassen, wodurch ein Gemeinschaftsgefühl entstand.
     
  • Nach Abschluss des Projekts zeigte sich, dass die Bibliotheksnutzung spürbar angestiegen war. Die Kinder entwickelten eine stärkere Bindung zur Bibliothek und waren auch nach Abschluss weiterhin motiviert, Bücher zu lesen. Besonders bemerkenswert war die hohe Anzahl an Kindern, die sich freiwillig neue Bücher ausliehen, selbst nachdem das Projekt offiziell beendet war. Die Identifikation mit der Bibliothek als ein attraktiver und inspirierender Ort des Lernens wurde durch die spielerische Annäherung nachhaltig gestärkt.
     
  • Zusätzlich zeigten sich positive Effekte im Unterricht. Lehrkräfte berichteten, dass Kinder vermehrt über ihre gelesenen Bücher sprachen und ihre Begeisterung für Geschichten auch im Klassenverband teilten. Dadurch wurde nicht nur die Lesekompetenz verbessert, sondern auch das Bewusstsein für Literatur als wertvolle Freizeitaktivität gefördert.
     
  • Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt war die Selbstständigkeit der Kinder. Viele begannen, gezielt nach bestimmten Büchern zu suchen, sich gegenseitig Empfehlungen auszusprechen und sich aktiv für neue Themen zu interessieren. Dies zeigt, dass das Projekt nicht nur kurzfristig die Leseaktivität gesteigert hat, sondern auch langfristig die Lesekultur positiv beeinflussen konnte.
     
  • Die Erkenntnisse aus diesem Projekt belegen, dass eine kreative und spielerische Herangehensweise an die Leseförderung sehr wirkungsvoll sein kann. Es konnte gezeigt werden, dass Kinder durch Geschichten und visuelle Anreize stärker zum Lesen angeregt werden und dass die Bibliothek als Ort der Begegnung und Entdeckung eine zentrale Rolle in der Entwicklung einer positiven Lesehaltung spielt.

eindrücke vom projekt
Überall sind die zahlreichen Sammelzettel in der Schule zu sehen.
Nachdem die Leine voll ist, darf Harri zu seinem Freund Fridolin
in die Bücherei. Für die Mithilfe bekommt jede Klasse ein Buch
vorgelesen.
      Foto: Judith Nussbaumer

 

  • Zusammenfassend bestätigt dieses Projekt die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Lesemotivation und zeigt, dass kreative, spielerische Ansätze eine nachhaltige Wirkung auf das Leseverhalten von Kindern haben können. Die Verbindung von emotionalen Identifikationsfiguren, sichtbarem Fortschritt und gemeinschaftlichem Erleben hat sich als wirkungsvolle Methode erwiesen, um Kinder für das Lesen zu begeistern und langfristig eine positive Einstellung zur Bibliothek und zur Literatur zu fördern.
     
  • Dieses Projekt zeigt eindrucksvoll, dass eine Schule nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch ein Ort der Begeisterung für Bücher sein kann. Wenn es gelingt, Kindern früh positive Erfahrungen mit dem Lesen zu ermöglichen, können langfristige Bildungsprozesse nachhaltig gefördert werden.
     
  • In Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen zeigte sich, dass auch sie von der Wirkung des Projekts überzeugt waren. Einige übernahmen einzelne Elemente in ihren Unterricht, etwa das Sammeln von Lesezetteln oder die Nutzung von Maskottchen zur Motivation. Damit konnte das Projekt auch über den ursprünglichen Rahmen hinaus Wirkung entfalten.


Quellenangabe: Rippel, G. (2013). Leseförderung in Schule und Bibliothek: Praxisideen für die Grundschule. Klinkhardt.

 

weiterführender Link:
Volksschule Volders I

 

Judith Nußbaumer, 18-03-2026
Titelbild: Judith Nußbaumer
bearbeitet: Andreas Markt-Huter, 20-07-2026

 

DI Judith Nußbaumer, BEd unterrichtet an der Volksschule Volders 1 und ist Leiterin der Schulbibliothek.