Literatur

Claire French-Wieser, Meine verkehrte Welt

h.schoenauer - 17.06.2014

Die große Geschichte schaut meist völlig andres drein, wenn sie von gewöhnlichen Menschen nachgelebt und erlebt werden muss. So setzen die Biographien durchaus Parallelschwünge zur allgemeinen Geschichte, kurven dann aber wieder jäh ab in ein individuelles Ressort, um darin der Rolle eines Unikats gerecht zu werden.

Claire French-Wieser überschreibt die Geschichte ihres Lebens mit „meine verkehrte Welt“. Damit ist gemeint, dass ihr in jedem Lebensabschnitt die Ereignisse quer über den Weg gelaufen sind, und natürlich ist auch die australische Welt gemeint, worin sie als Antipode zum Tiroler Kosmos auf dem Kopf steht.

Jakob Philip Fallmerayer, Fragmente aus dem Orient

h.schoenauer - 15.06.2014

Was heutzutage Drohnen erledigen, musste früher mit mühsamen Reisen erkundet und aufgezeichnet werden. Eine dieser frühen Beobachtungsdrohne ist der Südtiroler Jakob Philip Fallmerayer aus Pairdorf bei Brixen, der in München ansässig jene berühmten Reisen unternommen hat, deren Aufzeichnungen als „Fragmente des Orients“ ihm über beide Ohren Anerkennung und Ruhm verabreicht haben.

Obwohl er als Mitglied der bayrischen Akademie der Wissenschaften einen wissenschaftlichen Grundkonsens herzustellen versucht, sind seine Schriften doch in der Hauptsache als Essays anzusehen.

Neeli Cherkovski, Fallendes Licht

h.schoenauer - 08.06.2014

Die raren Gedichtbände beinahe schon verlorengegangener Lyrik-Helden gleichen unauffälligen Meteoriten: Während Gras über ihren Einschlagkrater wächst, beginnen sie aus der schwarzen Antimaterie heraus zu funkeln.

Neeli Cherkovski, der alte Haudegen aus der kleinen Schar der Ur-Beatniks, hat mit seinem Band „Falling Light“ einen solchen Meteoriten nach Europa gesandt, wo er in der Übersetzung „Fallendes Licht“ im kleinen Zirler Verlag BAES gelandet ist.

Barbara Balldini, Einmal Schlampe, immer Schlampe

h.schoenauer - 05.06.2014

Guter Sex besteht aus einem handwerklichen Teil und dem verbalen Design. Kaum ein Thema lässt sich durch Changieren zwischen diesen beiden Ebenen so heftig diskutieren wie diese Praktiken, die jeden herausfordern und wovon jeder will, dass es gut gelingt.

Barbara Balldini arbeitet als Sex-Therapeutin einerseits im diskreten Gespräch, andererseits in großer Öffentlichkeit. Bei Kabarettsitzungen lacht im Idealfall das Publikum wie ein griechischer Chor und reinigt die ganze Stadt mit seinem Gelächter.

Josef Feichtinger, Kämpfen für das Heiligste

h.schoenauer - 03.06.2014

Oft braucht es hundert Jahre und tausend Romane, bis man einen ausgewachsenen Wahnsinn halbwegs begreifen kann. Der Erste Weltkrieg, von dem Zyniker sagen, er sei Österreichs bislang größter Beitrag zur Weltgeschichte, wenn man von Hitler absieht, wird erst allmählich nach hundert Jahren überschaubar.

Josef Feichtinger widmet dem Thema „Tiroler Stimmen zum ersten Weltkrieg“ ein straff kommentiertes Lesebuch, in dem schwülstige Romane exzerpiert, zum Krieg aufputschende Predigten markiert und groteske Zeitungsmeldungen ungeschmückt dargeboten werden. Der lakonische Kommentator Josef Feichtinger geizt nicht mit klugen Einschätzungen, wenn er etwa Josef Kravogel als konventionellen Freizeitlyriker oder Karl Springenschmid als bis ins hohe Alter rechtslastig produktiv bezeichnet.

Nicolas Mahler, Der Mann ohne Eigenschaften

h.schoenauer - 20.05.2014

Das gehört zu den brennendsten Fragen der Literaturgeschichte: Wie kann man einen dicken Roman, den man kaum lesen kann, so straff zeichnen, dass man ihn wundersam leicht anschauen kann?

Nicolas Mahler ist der Meister der Reduktion, Figuren sind ihm oft zu üppig und werden deshalb meist weggelassen, das Gesicht des Protagonisten ist nur lästig, weshalb es zu einer Nasen-Wurst reduziert ist. Da kommt ihm das erste Kapitel aus Musils Monsterwerk der Mann ohne Eigenschaften gerade recht, dieses ist nämlich mit der wundersamen Fügung überschrieben: „Woraus bemerkenswerterweise nichts hervorgeht.“

Ilse Kilic, Wie der Kummer in die Welt kam

h.schoenauer - 13.05.2014

Wenn eine Autorin für ihre Figuren verantwortlich ist, muss sie diese dann sozialversichern? Können Figuren einen Vertrag mit der Autorin kündigen, wenn dieser gegen die guten Sitten verstößt?

Ilse Kilic erzählt keine fertige Geschichte, die man als Leser mit dem Finger auf der Zeile nachfahren kann, sondern von Problemen mit den Figuren, dem Abhauen der Handlung aus dem Text und der Schwierigkeit, dabei selbst eine Identität zu bewahren, die sich nicht beim Umblättern auflöst.

Martin G. Wanko (Hg), Rosegger Reloaded

h.schoenauer - 06.05.2014

So wie Fahnen von Zeit zu Zeit ausgerollt und wieder zusammengefaltet werden müssen, müssen auch die patriotischen Helden einer Gegend von Zeit zu Zeit aufgefrischt und „reloaded“ werden.

Martin Wanko hat im Umfeld des 170sten Geburtstags von Peter Rosegger mit Hilfe eines Projektes ein paar steirische Amtskollegen eingeladen, Peter Rosegger aufzufrischen und für die Gegenwart herunterzuladen.

Oliver Schopf, Beim Schopf gepackt

h.schoenauer - 16.04.2014

In einem Innsbrucker Gymnasium quält in den 1970er Jahren ein Englischprofessor ganze Jahrgänge an Schülern und löst dadurch ungewollt so manche Karriere aus.

Sinn seines Unterrichtsstils ist es offensichtlich, die Besten von der Schule zu vergraulen und schnell der Kreativität des puren Lebens zuzuführen.

Einer dieser Vertriebenen ist Oliver Schopf, der aus Rache an dem Desaster-Professor eine Karikatur verfasst, die reißenden Absatz findet. Ab jetzt zeichnet er zuerst neben Matura und Studium, später für Standard und Süddeutsche Zeitung wie wild.

Annemarie Regensburger, Gewachsen im Schatten

h.schoenauer - 13.04.2014

Was wie eine edle Herkunftsbezeichnung eines raren Weines klingt, hat bei der Beschreibung des eigenen Lebens natürlich schattige und dunkle Seiten.

Annemarie Regensburger erzählt in ihrer Geschichte einer Befreiung durchaus autobiographisch, sie setzt das Persönliche in ein Album der Zeitgeschichte und stabilisiert das Individuelle durch einen kommentierenden Erzählstil, sodass Gesellschaftspolitik, Leben der Hauptfigur und fiktionale Träume und Überlegungen ins allgemein Interessante transferiert werden.