René Freund, Niemand weiß, wie spät es ist
Die Frage nach der Zeit gehört zu den gängigsten Anbahnungsfloskeln. Wenn jemand darauf keine Antwort weiß, liegt entweder ein Verständigungsproblem vor oder der Angefragte ist ein Philosoph.
René Freund hat sich für seinen Roman einen unsichtbaren, abgetretenen Helden ausgesucht. In Paris ist ein älterer Herr gestorben und macht mit seinem Testament von sich reden. Er verlangt nämlich, dass seine Tochter Nora mit ihm in der Urne noch ein paar Erledigungen macht, ehe das endgültige Erbe aufgemacht wird. Nora bekommt den Notariatsgehilfen Bernhard beigestellt und muss sich mit ihm als Zeugen auf die Urnen-Tour begeben.
Wie erfährt man von einem Mythos, wenn alle Beteiligten schon tot sind und nichts mehr da ist, als der Name von einem unbeschreiblichen Ding oder Ereignis.
„Es ist weitaus schwieriger und beschwerlicher, über eine historische Tragödie zu berichten, als sie hervorzurufen oder an ihr teilzunehmen.“ (9) Dieser erste Satz des Partisanen-Buches hat die Kraft eines ganzen Studiums.
In historisch bedingten Ausnahmefällen hat der Roman schon einen Roman erzählt, ehe er erscheinen kann.
So frech und selbstbewusst kann ein Leben gar nicht ablaufen, dass nicht eine unerwartete Schwangerschaft die beteiligten Personen zumindest kurzfristig aus der Ruhe brächte.
Je mehr die modernen Alpen durch Einrichtungen der Erholungsindustrie zugepflastert sind, umso heftiger drängt es die Menschen nach Geschichten vom archaisch klaren Überleben, wie es gerade in den Alpen als Super-Mythos erzählt wird.
Ganz egal wie lange ein Krieg dauert, es braucht immer Jahrzehnte und Generationen, um die sogenannten Kollateralschäden in den Seelen der Menschen halbwegs in eine Sprache zu bringen. Erst wenn man eine Geschichte zum Unsagbaren erzählen kann, besteht die Chance zu einer Versöhnung zwischen den Glückserwartungen und dem eingetretenen Unglück.
Das aufwühlendste Wort einer Sprache ist wahrscheinlich „Ende“. Wer fühlt sich dabei nicht sofort in ein Kino verschlagen, voller Gefühle und Nachdenklichkeit, wenn das Wort Ende von der Leinwand strahlt und allmählich Licht einsetzt.
Kaum Handlung, kaum Thesen, kaum Genre, alles richtig, kaum etwas falsch.
Nach einem weit verbreiteten Kunstempfinden gilt die Ausstopfung als Steigerung der Skulptur. Wenn du wirklich ein echtes Denkmal willst, musst du den Helden ausgestopft aufstellen. Im österreichischen Literaturmuseum sind daher die wichtigsten Dichter mehr oder weniger ausgestopft dargestellt.