Roman

Andrej Kurkow, Die Welt des Herrn Bickford

andreas.markt-huter - 03.10.2018

andrej kurkow, die welt des herrn bickfordWenn ein historischer Roman wahrhaftig angelegt ist, hält sich sogar die künftige Geschichte daran, aus einer Aufarbeitung der Geschichte wird eine Gebrauchsanweisung für die Zukunft.

Andrej Kurkow hat seinen ersten historio-grotesken Roman 1993 in Kiew verfasst und im kleinen Kreis im Untergrund verbreitet. Die frühen 1990er Jahre gelten in den GUS-Staaten mittlerweile als die Jahre von wirtschaftlichem Chaos aber intellektuellem Glanz. Alles gilt als aufgelöst und die neuen politischen Strukturen sind höchstens als Groteske zu erkennen.

Friedrich Hahn, Komme, was wolle

andreas.markt-huter - 28.09.2018

friedrich hahn, komme, was wolleWie liest ein Nichtraucher einen Raucher-Roman? – Schnell, damit er keine braunen Finger kriegt. Und wie soll ein Zuckerbergverweigerer einen facebook-Roman lesen?

Friedrich Hahn lässt seinen hilflosen Helden dieses Mal im Facebook untergehen. Das tut nicht weh, ist sinnlos, und vergeht, wie es gekommen ist. Der Held heißt Erich Fröschl, ist 58 und von der Bank gerade golden beshaked worden. Jetzt ist er in der Ich-Perspektive, frustriert, einsam, vielleicht sollte er die Gefühle noch einmal auspacken oder zumindest die erotisch brauchbaren Teile davon.

Walter Grond, Drei Lieben

andreas.markt-huter - 21.09.2018

Titelbild: Walter Grond, Drei LiebenEine halbwegs sensible Seele vermag durchaus aus der eigenen Familie eine Universalgeschichte herauszulesen. In großen Cinemascope-Träumen geht dann die Geschichte Europas in eine Familiengeschichte über.

Walter Grond stellt in seinem Roman drei Lieben vor, die anhand eines Routenplaners der Gefühle vom Dorf nach Wien, ins Baku des ersten Weltkrieges, nach Paris und kurz zurück ins Schüsselsche Österreich führen. Die drei Lieben sind an drei Frauen festgemacht, über die der forschende und erzählende Enkel die höheren Zusammenhänge erfährt. Dabei hat die offizielle Geschichtserzählung nur sporadisch mit dem Lebensfluss zu tun, der unter der Hülle von Ehen und Beziehungen dahinrauscht.

Joey Comeau, Überqualifiziert

h.schoenauer - 29.08.2018

titelbild: Joey Comeau, ÜberqualifiziertÜberqualifiziert ist in der Arbeitswelt eine elegante Umschreibung für Kotzen. Wenn jemand keinen Zugang zur Arbeit findet, beschreibt man ihn beschönigend als überqualifiziert, damit er nicht gleich alles hinschmeißt, sondern sinnlos weitersucht.

Joey Comeau beschreibt diesen quälenden Zustand „überqualifiziert“ mit einem Briefroman. Jemand mit der Unterschriftskraft des Autors verfasst ununterbrochen Bewerbungsschreiben und entdeckt dabei, dass sich so der Sinn des Lebens und der Unsinn der Arbeit brauchbar darstellen lassen.

Anna Kim, Die große Heimkehr

h.schoenauer - 15.08.2018

Titelbild: ann kim, die große heimkehrHistorische Romane benützen oft nur minimale Erzähl-Stäbchen, um den Leser sauber mit dem fetten Stoff in Verbindung zu bringen und eine generelle Verdauung auszulösen.

Anna Kim wählt eine Erzählerin, die im Europa der Gegenwart adoptiert und verortet ist und erstmals nach Korea fährt, von wo aus sie als Kind fortgetragen worden ist. Die Erzählerin der Gegenwart trifft auf den alten Yunhoo, der in die 1950er und 1960er Jahre zurückblendet, wo sich das Wesen Koreas maßgeblich verändert hat. Wir europäischen Leser sind zwar täglich auf der Straße und im Netz mit südkoreanischer Hardware unterwegs, wissen von den Bewohnern aber nur, dass sie ein anstrengendes Bildungssystem haben, das gerne im Suizid endet.

Naira Gelaschwili, Ich bin sie

andreas.markt-huter - 06.08.2018

Titelbild: Naira Gelaschwili, Ich bin sieDie Liebe kann neben allerhand Störungen oder Zauberkräften auch eine satte Identitätskrise auslösen.

Naira Gelaschwili erzählt von einem Mädchen, das es aus den Schuhen wirft, als gegenüber im Hof ein attraktiver Student einzieht. Die Erzählerin ist knappe zwölf, als sich die Wahrnehmung vollends verändert, nichts ist mehr wie gestern, die Umgebung hat sich in pures Gold verwandelt, worin ER herumschwimmt wie in einem Aquarium puren Glücks. Das ganzes Jahr 1960 fühlt sich plastisch an, der Sommer, der Herbst, und selbst der Schnee ist plötzlich warm, wenn der Blick zu ihm über den Hof huscht.

Gabriele Weingartner, Geisterroman

h.schoenauer - 27.07.2018

titel: Gabriele Weingartner, GeisterromanEin Zug nach Prag, in dem ein Kafka sitzt, ist ungefähr so witzig wie ein Railjet, in dem die Schwarzen Mander auf dem Weg in die Innsbrucker Hofkirche sitzen.

Gabriele Weingartner ist Germanistin und sie muss deshalb am Lebensabend noch einen Kafka-Roman schreiben, bei dem alle angelesene Kafka-Lektüre des Lebens zum Vorschein kommt. Etwas unwitziger formuliert: Der „Geisterroman“ bedient sich diverser Kafka-Elemente, um die Grenze zwischen Phantastik und Realismus auszuhebeln.

Hermann Strasser, Die Erschaffung meiner Welt

h.schoenauer - 23.07.2018

titelbild: Hermann Strasser, Die Erschaffung meiner WeltWir wissen mehr über Arnold Schwarzenegger als über unsere Eltern. (11)

Diese Unwucht des Wissens treibt den Soziologen Hermann Strasser ein Leben lang um, und so lässt ihm das eigene Leben keine Ruhe, bis er nicht die Erschaffung seiner Welt als zeitgenössischen Schöpfungsbericht aufgeschrieben hat. Dabei verwendet er als Wissenschaftler so gut wie alle Medien, als Mensch der Buchkultur freilich kann die Autobiographie nur authentisch sein, wenn sie auch als Buch erscheint. Und was das für ein Buch ist! Obwohl es als sogenanntes Book on demand erst die Hürde der Lektorats-Relevanz nehmen muss, ist es ein Kulturgut, in dem es nach amerikanischer Art gedruckt angenehm in der Hand und vor dem Auge liegt.

Albrecht Selge, Die trunkene Fahrt

h.schoenauer - 18.07.2018

Titelbild: Albrecht Selge, Die trunkene FahrtDer pseudo-gesellige Ausdruck „zusammensaufen“ bedeutet nicht nur, zusammen etwas zu trinken, sondern gleich die ganze Thematik über den Haufen zu saufen. So ist es kein Wunder, dass Südtirol zwischendurch als genialer Grund für das Niedersaufen angesehen wird.

Albrecht Selge setzt mit der „trunkenen Fahrt“ eine schräge Expedition durch Südtirol in Gang. Wie für ein Casting-Treffen zu einer skurrilen Komödie kommen ein Jus-Student aus Bologna, ein Klavierspieler aus Hannover und ein Musikkritiker aus Berlin in einem miesen Fiat Panda zu sitzen und nehmen gleich Fahrt auf. Am Steuer sitzt der einheimische Brachial-Humanist Gasser, der als Gymnasiallehrer versucht, dem Volk die Grundzüge einer Bildung beizubringen.

Dietmar Füssel, Wiederholte Geburten

h.schoenauer - 09.07.2018

titelbild: Dietmar Füssel, Wiederholte Geburten. Der Titel ist höchst hinterlistig gewählt, es kann sich um mehrere Geburten handeln, die anfallen, aber auch um falsche oder ungültige, die wiederholt werden müssen.

Dietmar Füssel lockt mit diesem fetzigen Titel die Leser in ein Abenteuer, das sie vielleicht am besten von hinten her angehen. Bei diesem historischen Roman handelt es sich nämlich um eine ziemlich umfangreiche altägyptische Sache, und man ist gut beraten, hinten einmal die handelnden Personen und Schlagwörter nachzulesen, damit man ein bisschen eine Ahnung von Göttern, Mythen, Gesellschaften und Außenpolitik kriegt. Zwar erzählt der Autor als gelernter Bibliothekar sehr Leserfreundlich, aber ein bisschen Fakt muss sein.