Roman

Robert Prosser, Phantome

h.schoenauer - 11.09.2019

robert prosser, phantomeJedes geniale Kunstwerk hat einen Karabiner eingebaut, mit dem es sich um den Hals des Lesers schlingt wie ein Mühlstein, mit dem es aber auch den Leser sichert in einer unermesslich stabilen Felswand der Fiktion.

Robert Prosser hat mit seinen „Phantomen“ ein geniales Kunstwerk der Aufklärung und Nacharbeitung des „Bosnien“-Krieges geschrieben. Sein Karabiner, mit dem er an uns Leser andockt, ist die Welt der Graffiti. Jeder, der schon einmal das „Phantom“ Graffiti gesehen hat, ist von einem Gefühl des Verdrängens, der Neugier oder Ablehnung unterfüttert, nur die wenigsten machen sich Gedanken, wer hinter den „Graffs“ stecken könnte und was er damit bezweckt.

Selim Özdogan, Wo noch Licht brennt

h.schoenauer - 07.09.2019

selim Özdogan, wo noch licht brenntWann immer die Wörter „türkisch“ und „deutsch“ in einem Satz zusammenstoßen, besteht für den Autor große Gefahr, gesucht, entführt und eingesperrt zu werden.

Selim Özdogan wendet sich unverfroren klar dem Thema der türkisch-deutschen Verhältnisse zu, er geht freilich allem Politischen aus dem Weg und nimmt das unscheinbarste Wesen beider Kulturen als Heldin: Gül ist eine vom Leben abgehärtete Frau, die im Ruhestand Bilanz zieht und unter den Familienmitgliedern dort nachschaut, „wo noch Licht brennt.“

Miroslav Krleza, Die Fahnen

h.schoenauer - 20.08.2019

miroslav krleza, die fahnenDie wirklich wahnsinnigen Bücher dieser Welt kann man nicht rezensieren. Man kann nur eine Art Notizzettel der Ermunterung abliefern, dass sich die Sicht auf das eigene Leben verändert, wenn man so ein Buch liest.

„Die Fahnen“ von Miroslav Krleža lassen sich im doppelten Sinn des Wortes verstehen. Einmal sind es die patriotischen Tücher, die je nach Regierung und Regime ausgetauscht und frisch aufgehängt werden müssen, andererseits sind sie eine Vorstufe zu einem Roman, diese Fahnen weisen auf die Vorläufigkeit und Reparaturbedürftigkeit der Darstellung hin.

Gertraud Klemm, Erbsenzählen

h.schoenauer - 15.08.2019

Gertraud klemm, erbsenzählenIm Märchen liegt die Prinzessin mit Eigenwillen auf der Erbse, und scannt mit dem Hintern die Unebenheiten ab. Wenn hingegen eine selbstbewusste Frau der Gegenwart die Unebenheiten der Gesellschaft mit offenen Sinnesorganen scannt, wird ihr das als „Erbsenzählerei“ ausgelegt.

Gertraud Klemm schickt die Heldin Annika in das Zwischenreich der Gesellschaftsschichten. Die dreißigjährige Icherzählerin lebt gerade mit dem humanistisch gebildeten alten Sack Alfred und dessen Sohn Elias lose zusammen. Sie begleitet diesen Elias auf den Fußballplatz und merkt, dass alles außer dem Ball unrund ist. Sie selbst wird als Stieftussi angesprochen und hat außer Transportdienste nichts beim Kind verloren.

Bernhard Hüttenegger, Beichte eines alten Narren

h.schoenauer - 10.08.2019

bernhard hüttenegger, beichte eines alten narrenBei autobiographischen Texten stellt sich dem Leser immer die brisante Frage: Wie zufrieden und bescheiden ist der Autor trotz seines gewaltigen Lebens geblieben? Denn machen wir uns nichts vor, jedes Leben wird überdimensioniert wichtig, sobald es aufgeschrieben wird.

Bernhard Hüttenegger rüstet sich klug gegen den Größenwahn beim Rückblick auf das Leben. Das fängt schon damit an, dass er die Romanform wählt, worin bekanntlich alles augenzwinkernd-verschrägt dargestellt ist, und setzt sich fort mit der die Figur des alten Narren, der die Dinge zuerst in Echtzeit zurechtklopft und später als Chronik.

Julien Gracq, Das Abendreich

h.schoenauer - 06.08.2019

julien gracq, das abendreichMagische Bücher, die uns ungefragt in den haptischen Textkorpus hineinziehen, haben meist selbst ein außergewöhnliches Schicksal.

Als Julien Gracq in den Sommerferien 1953 mit der Niederschrift des „Abendreichs“ beginnt, weiß er noch nicht, dass er den Roman nicht vollenden wird. Er ist Lehrer für Geographie und kann es kaum noch erwarten, im Herbst wieder zu unterrichten.

Walter Hohenauer, Zur Hölle mit den Bürokraten

h.schoenauer - 23.07.2019

walter hohenauer, zur hölle mit den bürokratenIm Österreichischen wird der Schrecken oft durch die Verkleinerungsform gesteigert, so ist das Wamperl größer als die Wampe, das Angsterl brutaler als die Angst, und selbstverständlich das Putscherl gefährlicher als der Putsch.

Walter Hohenauer erzählt mit seinem Roman „Zur Hölle mit den Bürokraten“ politisches Neuland, in seinem Polit-Thriller wird durchgespielt, was sich niemand zu formulieren getraut: dass nämlich die angefressenen österreichischen Typen ihre eigenen Floskeln eines Tages wörtlich nehmen und putschen.

Irene Diwiak, Liebwies

h.schoenauer - 13.07.2019

irene diwiak, liebweisOpernfiguren brauchen vor allem eines: Viel Luft rund um sich, damit sie sich stimmlich ausbreiten und ihre Persönlichkeit entfalten können.

Irene Diwiak kümmert sich in ihrem grotesken Anti-Künstler Roman um diese viele Luft, die die Helden auf ihren Wegen an der Peripherie der Gesellschaft umgibt. Als Höhepunkt kommt es zu einer Aufführung des unheimlich kasteiten und kastrierten Werkes „Die Gräfin der Stille“.

Grégoire Delacourt, Der Dichter der Familie

h.schoenauer - 05.07.2019

gregoire delacourt, die dichter der familieÜblicherweise muss ein Dichter von Kindesbeinen an gegen eine feindliche Umwelt kämpfen und alle seriösen Berufsangebote ausschlagen, damit er sein Leben der Literatur opfern kann. werden kann.

Grégoire Delacourt zeigt ironisch bitter, wohin es führt, wenn ein zarter Knabe zum „Dichter der Familie“ ausgerufen wird. Der Ich-Erzähler lässt schon mit sieben, kaum, dass er das Schreibgerät halten kann, die ersten Reime heraus.

Tina Pruschmann, Lostage

h.schoenauer - 03.07.2019

tina pruschmann, lostageWem die Natur zu wenig dramatisch ist, der baut in der Landwirtschaft gerne sogenannte Lostage darin ein. Lostage verstärken einen Zustand ins Unermessliche und wirken wie eine Zauberkraft. Wer an Lostagen alles richtigmacht, kann die Natur vielleicht überlisten. So sind Lostage Wünsche und augenzwinkernde Logik in einem.

Tina Pruschmann nimmt diese geheimnisvollen Lostage zum Anlass, um das gewöhnliche Leben aufzuschlüsseln. Jeder von uns erinnert sich an sogenannte Schlüsseltage, an denen sich das Leben entscheidend verändert hat. Wenn man nun Macht über diese besonderen Tage hätte, hätte man auch Macht über das Leben. Der Witz ist nur, dass sich oft erst lange hintennach entscheidet, ob ein Ereignis damals ein Lostag gewesen ist.