Robert Menasse, Die Hauptstadt
Große Gebilde lassen sich nur mit einem Roman großer Ironie darstellen. So handelt der berühmte Musil-Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ beispielsweise von einer Parallelaktion, in der es darum geht, die Jubiläumsfeiern des deutschen Reiches mit einer noch größeren der k. und k. Monarchie zu übertreffen.
Robert Menasse nimmt als Musil-Kenner diesen roten Faden von Großveranstaltungen auf, wenn es darum geht, einem ganzen Kontinent einen Sinn, eine Zukunft, eine Feier und vor allem eine Hauptstadt zu verpassen. Die Hauptstadt spielt in Brüssel, wo aus allen EU-Ländern Beamte, Lobbyisten und Adabeis zusammenströmen, um vor allem gut zu essen und diskrete Seitensprünge abzuarbeiten.
In Zeiten aufgewühlter Grapsch- und MeToo-Diskussionen wirkt ein literarisch-erotischer Roman umso zeitloser und hintersinniger.
Die Literatur belohnt sich manchmal selbst, indem sie Prophezeiungen, tatsächlich eintreten lässt und eine Post-Dystopie daraus macht.
Das einzig Sinnvolle einer Waffe wie der Smith & Wesson ist ihr eingetragener Markenname. Damit lässt sich jede Menge Kohle machen, wenn man es klug angeht.
Einer Dichterin verzeiht man in unserer ewig jungen Konsumkultur vielleicht noch am ehesten, dass sie alt wird. Die Leserschaft erwartet sich von ihr eine gewisse Gelassenheit gegenüber dem Literaturbetrieb und Geschichten, die von Lebenserfahrung gespeist sind.
Im postmodernen Literaturbetrieb steckt ähnlich einer russischen Puppe immer eine Inszenierung in der anderen. Mal ist es ein Buch, dann ein Festival, dann eine biographische Begebenheit, dann ein Traum, dann eine Love-Story aus der Erinnerung. Alle sind nach einem positiven Strickmuster geformt, damit sie auf den Klappentext passen.
Eine Historiker-Weisheit sagt, dass man für sein eigenes historisches Bewusstsein mindestens 30 Jahre alt sein muss. Davor ist alles ahistorisch und einmalig, erst später kann man sein eigenes Leben in Zusammenhänge fassen und an die Zeitgeschichte andocken.
Gute Sprichwörter erleichtern zwar den Tagesablauf zwischendurch, harte Sachen freilich müssen in der Literatur die Helden umso heftiger ausbaden, je bessere Sprichwörter sie kennen.
Als die scheinbar ewigste Stadt der Welt besteht Rom einerseits aus lauter Kleinodien triefend vor Geschichte, andererseits aus brutalster Schwarzweiß-Szenerie wie in einer vom Staat aufgegebenen mexikanischen Stadt.
Bevor die Chose mit dem echten Leben losgeht, gibt es für die Helden meist noch einen Erlebnisrausch, worin Ort, Zeit und Ziel völlig egal sind.