Roman

Gerhard Falkner, Romeo oder Julia

h.schoenauer - 20.11.2017

Im postmodernen Literaturbetrieb steckt ähnlich einer russischen Puppe immer eine Inszenierung in der anderen. Mal ist es ein Buch, dann ein Festival, dann eine biographische Begebenheit, dann ein Traum, dann eine Love-Story aus der Erinnerung. Alle sind nach einem positiven Strickmuster geformt, damit sie auf den Klappentext passen.

Gerhard Falkner macht sich mit seinem Roman Romeo oder Julia über den Literaturbetrieb lustig und würdigt diesen als Arbeitgeber, der ständig die letzte absurde Kraftanstrengung von einem Autor fordert.

Kirstin Breitenfellner, Bevor die Welt unterging

h.schoenauer - 15.11.2017

Eine Historiker-Weisheit sagt, dass man für sein eigenes historisches Bewusstsein mindestens 30 Jahre alt sein muss. Davor ist alles ahistorisch und einmalig, erst später kann man sein eigenes Leben in Zusammenhänge fassen und an die Zeitgeschichte andocken.

Kirstin Breitenfellner geht es in ihrem Roman um dieses Andocken an die Zeitgeschichte. „Bevor die Welt unterging“ beschreibt aus Schlagzeilen und auf den Alltag herunter gebrochenen Anekdoten eine Spät-Kindheit und Abitur-Adoleszenz zwischen 1979 und 1989.

Evelyn Grill, Immer denk ich deinen Namen

h.schoenauer - 26.10.2017

Gute Sprichwörter erleichtern zwar den Tagesablauf zwischendurch, harte Sachen freilich müssen in der Literatur die Helden umso heftiger ausbaden, je bessere Sprichwörter sie kennen.

Evelyn Grill bringt in ihrem Roman „Immer denk ich deinen Namen“ zwei hochbelesene, feinfühlende und aufgeklärte Helden zusammen. Ein Germanistikprofessor aus Karlsruhe trifft in Prag bei einer Kafka-Tour die Lektorin Vera, und schon beim Heimfahren in ihre Literaturzellen merken beide, da ist etwas geschehen. Beide unterliegen offensichtlich dem Doderer‘schen Diktum: „Wer sich in Familie begibt, kommt darin um!“ (31)

Giancarlo De Cataldo / Carlo Bonini, Die Nacht von Rom

h.schoenauer - 22.10.2017

Als die scheinbar ewigste Stadt der Welt besteht Rom einerseits aus lauter Kleinodien triefend vor Geschichte, andererseits aus brutalster Schwarzweiß-Szenerie wie in einer vom Staat aufgegebenen mexikanischen Stadt.

Giancarlo De Cataldo und Carlo Bonini kriegen ihren Stoff Nacht für Nacht vor die Haustüre gekarrt, sie brauchen im Prinzip bloß sorgfältig die Fälle aus Justiz und Chronik abzuschreiben und haben schon einen Thriller. „Die Nacht von Rom“ ist eine Fortsetzungsgeschichte ohne Anfang und Ende, nicht einmal die Helden wissen in diesen Folgen, ob sie dieses Mal die ultimative Macht an sich reißen können oder unter Folter liquidiert werden.

Kateryna Babkina, Heute fahre ich nach Morgen

h.schoenauer - 19.10.2017

Bevor die Chose mit dem echten Leben losgeht, gibt es für die Helden meist noch einen Erlebnisrausch, worin Ort, Zeit und Ziel völlig egal sind.

Kateryna Babkina schickt die Heldin Sonja in diese Zone, worin man täglich die Unschuld verliert, das Staunen nicht auf die Reihe kriegt und schwerelos über den Kontinent schwebt. Sonja ist Solala-Künstlerin, sie malt eher Icons als Ikonen, wie sie einmal sagt, und schlängelt sich durchs ukrainische Leben, das ziemlich hart sein soll, wenn man es ernst nimmt.

Almut Tina Schmidt, Zeitverschiebung

h.schoenauer - 15.10.2017

Seit die Menschen Tag und Nacht online sind, heißt die häufigste Formel der Begegnung: Können wir den Termin verschieben? Dahinter steckt die Ahnung, dass man die Zeit nur besiegen kann, wenn man sie verschiebt.

Almut Tina Schmidt setzt ihre Ich-Erzählerin einem Gezeitensturm aus. Kaum wird etwas geplant, macht die Zeit was sie will, kaum ist die Zeit persönlich strukturiert, passt sie nicht mehr in die öffentlich verwaltete. Und die unbeantwortbare Frage lautet, wann ist der richtige Zeitpunkt für etwas gekommen?

Lily King, Vater des Regens

h.schoenauer - 05.10.2017

Wenn es nach den Forschungsdisziplinen Psychologie und Literatur geht, sind Vater und Tochter ausschließlich deshalb auf der Welt, damit sie Schwierigkeiten kriegen und dann einen Psychologen oder eine Bibliothek aufsuchen können.

Lily King beginnt ihr Kammerstück der Familienverhältnisse mit einer Idylle, und das bedeutet im Roman fast immer Schrecken. Die Ich-Erzählerin Daley kriegt zum elften Geburtstag ein Hündchen, aber schon als sie damit nach Hause kommt, ist klar, dass das Hündchen nicht ihr gehören wird, so wie der Pool nicht, den sie zum fünften Geburtstag gekriegt hat.

Joost de Vries, Die Republik

andreas.markt-huter - 26.09.2017

Das ganze Hotel voller Hitler-Experten, am Gang sieht man den niederländischen Rechten-Führer vorbeihuschen, in der Seitengasse werden in einem Antiquitätenladen originale Hitler-Devotionalien angeboten, am Heldenplatz imaginieren die Hitler-Forscher den Führer auf den Balkon – Wien ist für ein paar Tage der Austragungsort eines Welt-Hitler-Kongresses.

Joost de Vries tarnt seinen Roman mit einem unauffälligen Titel, es gibt kaum etwas Harmloseres, als die Republik in den Mund zu nehmen. Gegen Ende freilich klärt sich diese Harmlosigkeit auf, bei der Republik handelt es sich immer um etwas Schwaches oder gar einen Abstieg, der nach der Monarchie oder Diktatur ausgerufen wird. (255)

Don Winslow, Das Kartell

h.schoenauer - 19.09.2017

Im perfekten Roman ist die dargestellte Fiktion so wirklich, dass man damit in der Wirklichkeit etwas anfangen kann, auch wenn es keine Hilfestellung dafür gibt.

Don Winslows „Kartell“ ist natürlich ein Thriller, was die äußere Aufmachung und das Marketing betrifft, in seinem Kern ist der Roman aber ein Stück von der Hinterseite jener Währung, die uns im scheinbar fernen Europa als goldenes US-Wesen dargeboten wird. Im Gewusel aus hunderten Plots geht es um Krieg, feindliche Übernahmen, Scheinfirmen, Korruption und Gewalt. Die Schauplätze liegen zwar meist in einem Mexikanischen Bundesstaat, gesteuert wird das Ganze freilich direkt aus Washington heraus. Und wenn Mexiko für die Kriege zu klein wird, weicht man stracks in südliche Guatemala aus.

Johannes J. Voskuil, Das A.P. Beerta-Institut. Das Büro 4

andreas.markt-huter - 12.09.2017

Hinter dem lauernden Begriff „Büro“ verbirgt sich einer der größten Romane der internationalen Literaturgeschichte. Das Büro ist ein Kosmos voller Widersprüche, ein Ort vollkommenen Stillstands und eruptiver Lebensführung, ein Archiv, das Gegenstände aus dem Futur bearbeitet, ein kleingeistiges Emotionslabor, in dem die größten Freigeister ihren Gedanken nachgehen.

Johannes J. Voskuils „Büro“ lässt sich wie alle Giga-Romane durchgehend lesen, man kann aber wie in einer Endlosschleife überall zusteigen und liegt immer richtig. Der Plot der sieben Bände zu je tausend Seiten ist raffiniert einfach wie ein DNA-Bauplan. Der Protagonist Maarten Koning stellt sich eines Tages in einem Volkskunde-Institut vor, wird auf der Stelle genommen und kommt ein Leben lang nicht mehr aus dem Büro heraus.